Touristen ahnen wenig von den Problemen der Einheimischen

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Zürich : Das Leben ist schön teuer

Schlimm war auch der Moment, als ich bei der Stadt Zürich einen Zuschuss zu den Kinderbetreuungskosten beantragte. Der Bescheid kam prompt, darin stand, dass ich nur noch die Hälfte zahlen muss. Ich war im Rausch, als hätte ich im Lotto gewonnen. Dann fiel mein Blick auf die Zeile „Einkommen Ehefrau“. Daneben stand eine fette Null. Verdammt, dachte ich, die haben vergessen, mein Einkommen einzurechnen, jetzt muss ich den Antrag noch mal stellen. Dann las ich das Kleingedruckte und begriff, warum mein Euro-Gehalt, das ich aus Berlin beziehe, nicht aufgeführt war. Es liegt unter der Nachweisgrenze. Für Zürcher Einkommensverhältnisse existiert es gar nicht.

Wenn man als Tourist nach Zürich kommt, ist das alles halb so schlimm. Man kann die paar Tage Urlaub, die ungefähr so viel kosten wie ein Weltreiseticket, als Abenteuer verbuchen. Wo sonst bekommt man als Westler schon die Gelegenheit, sich zu fühlen wie ein Migrant aus einem Entwicklungsland, der in der Ersten Welt landet und nicht weiß, ob er sich eine Einzelkarte für die Straßenbahn (4,10 Franken) oder eine Zahnfüllung (mindestens 150 Franken) leisten kann.

Schlimmer ist es, wenn man dauerhaft in Zürich lebt. Dann beginnen plötzlich alle Gedanken ums Geld zu kreisen. An jedem Augenblick scheint ein Preisschild zu kleben: Was kostet mich das, wohin kann ich überhaupt? In der teuersten Stadt der Welt zu leben, erfordert Street Credibility der anderen Art, Street-Kreditwürdigkeit gewissermaßen. Man muss wissen, was die finanziellen No-go-Areas sind, nämlich Taxis, Friseure, Restaurants, Ärzte und alles, was mit Kindern zu tun hat. Man fährt ins billige Ausland, um sich die Zähne machen zu lassen. Die Werbung dafür klebt auf den Fenstern der blauen Zürcher Straßenbahnen. Sie zeigt lachende Münder mit blitzenden Zähnen. „Zum Zahnarzt nach Deutschland!“, steht darüber.

Nach drei Jahren Zürich weiß ich aber auch, dass der Verlust der Kaufkraft ein Verlust ist wie jeder andere auch. Man kann ihn bewältigen, und diese Bewältigung verläuft in verschiedenen Phasen.

1. Phase: Verdrängung. Wer in Zürich ankommt, erlebt einen Schock, der sich aus der Gleichzeitigkeit von zu viel und zu wenig Geld ergibt. Das Zuviel an Geld ist allgegenwärtig: Einer Basler Studie zufolge wohnt jeder zehnte Milliardär dieser Welt in der Schweiz, am liebsten in Zürich. Ich habe noch nie so viele Normalsterbliche getroffen, die Massen an Geld in der Hinterhand haben. Da ist die gute Bekannte, die ihren Neuwagen in bar bezahlt hat. Die befreundete Jungfamilie, die nicht nur eine Stadtvilla besitzt, sondern auch einen dicken Batzen Geld in ein gemeinnütziges Wohnprojekt gesteckt, einfach so. Und unglaublich nett sind die auch noch!

Das Zuwenig an Geld bemerkt man, sobald man es in Zürich ausgibt. Wobei das Wort „ausgeben“ viel zu aktiv klingt, eigentlich stürzt das Geld eher unkontrolliert aus einem heraus. Bei der Registrierung am Personenmeldeamt (65 Franken), beim Kauf einer Kinokarte (18 Franken), bei der Vorspeise im Restaurant (34 Franken). Gut, das war in der legendären Kronenhalle. Ich saß mit meinem Mann zwischen holzgetäfelten Wänden, Kellner schoben leise klirrende Servierwagen herum wie in einer anderen Zeit. Wir teilten uns die Vorspeise und einen kleinen Salat (25 Franken). Am Nachbartisch ließ sich ein Paar die Rechnung kommen. Sie betrug – ungelogen – 3489 Franken.

Ein Arzt aus Michigan, der mit seiner Frau und drei Kindern gerade ein Sabbatical in Zürich macht, erzählte mir, er sei am Anfang in eine regelrechte Schockstarre gefallen. Er habe einfach gar nichts mehr eingekauft. Inzwischen macht er es wie alle Zugezogenen: Er begreift Franken als eine Art Monopoly-Spielgeld und rechnet nicht mehr um.

2. Phase: Fassungslosigkeit. Wie jeder Mensch stelle ich mir manchmal vor, wie es wäre, eine Million zu haben. Ich male mir aus, in welcher Stadt ich leben, welche Villa ich mir kaufen würde. Das Deprimierende an dieser Fantasie ist: In Zürich bekommt man für eine Million keine Villa. Man bekommt dafür nicht einmal eine Wohnung in einem der Orte, die Rüschlikon oder Herrliberg heißen.

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