Wie man sich in Zürich hilft, erinnert an die DDR

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Zürich : Das Leben ist schön teuer

Letztens klagte mir eine Freundin ihr Leid. Wir saßen auf einer Bank im hügeligen Rieterpark. Die Freundin hat zwei kleine Kinder und ist ziemlich erschöpft. Ihr Mann kann ihr nicht im Haushalt helfen, weil er es mit den Bandscheiben hat. Eine Putzfrau wolle der Mann aber auch nicht anheuern, erzählte mir die Freundin – sie seien schließlich keine Millionäre. Was ihr Mann denn verdiene, fragte ich frei heraus – Gehälter und Preise sind in Zürich ein Gesprächsthema wie anderswo das Wetter oder die Königsfamilie. 18 000 Franken netto, sagte die Freundin. „Im Monat?“, fragte ich. Sie nickte. Ich war sprachlos. Hätte sie mir erzählt, dass sie mit ihrem 18 000-Franken-Einkommen in einer Wellblechhütte lebe, die Situation wäre kaum unwirklicher gewesen.

Oft taucht die Frage auf, warum die Preise in Zürich so explodiert sind. Für das Kilo Weißbrot aus dem Supermarkt etwa, das die „Economist“-Leute neben 400 anderen Produkten für ihren Preisvergleich herangezogen haben. In Zürich kostet es umgerechnet 6,15 Dollar, vor fünf Jahren waren es noch 3,93 Dollar. Die einen sagen: Es hat mit den hohen Gehältern zu tun, die in den Preisen für Waren und Dienstleistungen ihre Entsprechung finden. Die anderen sagen: Es liegt am starken Franken. Der kostet inzwischen 83 Cent – als ich 2009 zuzog, waren es noch 60. Und in den Augen der Schweizer Rechtspopulisten sind wieder mal an allem die Deutschen schuld: die zugezogenen Ärzte und Ingenieure, die angeblich jede Miete bezahlen können und damit die Preise in die Höhe treiben.

3. Phase: Das Leben muss weitergehen. Die Preise sind nicht nur für Zugezogene ein Problem. Auch die Zürcher finden Zürich unverschämt teuer. Nur wissen sich die Zürcher zu helfen. Rabatte und Ermäßigungen zu erhalten, ist in Zürich ein Volkssport. Wer zum Normalpreis kauft, ist selbst schuld, alle anderen warten auf Sonderangebote. Auf denen steht dann „Action“, als sollte sich der fremdbestimmte Zürcher Verbraucher auch einmal wie ein tatkräftiger Held fühlen dürfen. Auch wichtig: Coupons sammeln. Damit man vier Pakete Windeln (je 26,90 Franken) zum Preis von dreien bekommt, oder das japanische Messer um 40 Prozent ermäßigt. Es gibt ein eigenes Wort für Leute, die das tun: „Märkli-Sammler“.

Zürich, Manesseplatz. Grüngrau plätschert die Sihl vorbei, der Üetliberg ist nicht weit. Ich kann mich allerdings nicht mit den Schönheiten der Natur aufhalten, ich bin in einem der vielen „Brockenhäuser“, so heißen in der Schweiz die Second-Hand-Läden. Eine Etage, vollgestopft mit Möbeln, Kleidern, Töpfen, Schmuck. Es gibt alles im „Brocki“, von der Couch bis zum Hochzeitskleid, und alle kaufen im Brockenhaus ein, der WG-Bewohner genau wie die Oberärztin. Hinter vorgehaltener Hand raunt man sich in Zürich zu, wo es handgestrickte Babyjäckchen gibt oder die wenig getragenen Designerklamotten der Goldküstenbewohner. Wann die Chancen am größten sind, eine Eames-Liege zu ergattern. Nämlich am 1. April und am 1. Oktober. Das sind die zwei Termine, an denen man in Zürich offiziell den Mietvertrag kündigen und somit umziehen darf, und dann füllen sich die Brockenhäuser mit all den Sachen, die ausgemustert werden. Märkli-Wissen ist Herrschaftswissen.

Ich muss dabei immer an die Geschichten denken, die Ostdeutsche über die DDR erzählen. Wie sich die Leute Tipps gaben, wo es Orangen zu kaufen gibt, wie man sich gegenseitig unter die Arme griff. Ich selbst bestreite inzwischen einen Teil meines Lebensunterhalts mit informellen Tauschgeschäften. Ich borge einer Freundin meine Skiausrüstung, sie überlässt mir ihre Monatskarte. Ich passe auf die Kinder der Nachbarn auf, sie nehmen uns mit in ihre Ferienwohnung. Es sind Verwandte und Freunde, die einem helfen, über die Runden zu kommen – das ist in der teuersten Stadt der Welt nicht anders als in der günstigsten.

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