Panorama : Zusammen lernen

Ein Besuch beim „Wunder von Moabit“

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Irene Strzelczyk und Ute Slosarek sind 65 Jahre alt und drücken noch die Schulbank. Ein- bis zweimal pro Woche tauchen sie ein, in den Lehrplan der achten Klasse: Die Rentnerinnen sitzen im Unterricht und helfen Schülern, ihre Aufgaben zu erledigen. „Sehr befriedigend“ sei das, sagt Irene Strzelczyk, und wendet keinen Blick von Emine, die sich heute mit Dezimalzahlen beschäftigt.

Zwei Meter weiter sind ein paar Achtklässler dabei, Dreiecke zu konstruieren oder Brüche zu multiplizieren. „Wenn wir mit einem Thema fertig sind, schreiben wir eine Arbeit“, erläutert die 15-jährige Abir. Wer ein bestimmtes Pensum erledigt hat, hat Chancen, in die Realschulliga aufzusteigen.

Was so einfach klingt, ist in Wirklichkeit ein hart erkämpfter Schulversuch: Die Heinrich-von-Stephan-Schule in Moabit gehört zu den wenigen, die die Erlaubnis haben, Haupt- und Realschüler gemeinsam zu unterrichten. Dieser so genannte integrierte Unterricht wird von der Kultusministerkonferenz nicht gern gesehen,weil die Meinung vorherrscht, dass Lehrer nicht gleichzeitig auf verschiedenen Niveaus unterrichten können.

Rektor Jens Großpietsch und seine Kollegen haben sich davon nicht abschrecken lassen: Anders als in den Gesamtschulen werden die Kinder selbst in den Hauptfächern nicht in verschiedene Kurse je nach Lernniveau aufgeteilt. Das Ergebnis hat der Stephan-Schule den Titel „Wunder von Moabit“ beschert.

Der Erfolg hat viele Gründe. Einer mag sein, dass dort viele Kollegen Experimenten aufgeschlossen sind. Ein weiterer, dass meist zwei Lehrer in einer Klasse anwesend sind: So ist es möglich, nicht nur gleichzeitig verschiedene Lernniveaus, sondern sogar verschiedene Fächer zu unterrichten. So kann es schon mal passieren, dass ein Lehrer wie Horst Fehmers mit ein paar Schülern einige Räume weiter zieht und anhand von Dias die Französische Revolution thematisiert, oder ein Rollenspiel zur Enthauptung Ludwig XVI. auf die Beine stellt.

Übrigens: Wenn man mit Großpietsch über seine Schule sprechen will, kann man sich nicht in sein Büro zurückziehen, denn er hat keines: Er teilt sich mit seinen Kollegen das beengte Lehrerzimmer und lässt sich regelmäßig durch Wahlen im Amt neu bestätigen, was im Beamtenrecht gar nicht vorgesehen ist. Und als er von einem Schüler erfuhr, dass seine Großmutter mit auf der Loveparade war, sagte er: „Diese Oma will ich haben.“ So landete Ute Slosarek im Unterricht und schließlich Irene Strzelczyk. Auch das gehört zum „Wunder von Moabit“. sve

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