Zwischen Kebab und Baklava : Regierung will Türken Diät verordnen

Falsche Ernährung und Bewegungsmangel: Die Zahl fettleibiger Menschen nimmt in der Türkei drastisch zu. Die Regierung will jetzt gegensteuern.

Ein Händler bietet Süßigkeiten auf einem Markt in Istanbul an.
Ein Händler bietet Süßigkeiten auf einem Markt in Istanbul an.Foto: Murad Sezer, Reuters

Ein typisches Mittagessen in einem türkischen Imbiss ist keine leichte Angelegenheit. Zum beliebten Iskender-Kebap etwa gehören reichlich geschmolzene Butter und Joghurt.

Zum Nachtisch gibt es Baklava – Blätterteig-Schnitten mit Pistazien, die in Honig getränkt werden. Beim Tee steht die Schale mit Zucker stets griffbereit auf dem Tisch. So kann das nicht weitergehen, sagt Fahrettin Koca, der türkische Gesundheitsminister. Er will seine Landsleute jetzt auf Diät setzen.

Die Türken lieben ihre Kalorienbomben so sehr, dass die Fettleibigkeit im Land drastisch zunimmt. Laut der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OECD) ist jeder dritte Erwachsene in der Türkei übergewichtig, jeder fünfte sogar fettleibig.

Die Gründe dafür reichen von der Ausbreitung von Fast Food bis zu der Veränderung im Lebensstil. Drei von vier Türken leben heute in Städten und arbeiten häufig in Büros, wo sie sich nur wenig bewegen. Manche greifen zu drastischen Mitteln. Ein Istanbuler Musiker berichtet, er habe früher 130 Kilogramm auf die Waage gebracht und sich deshalb chirurgisch den Magen verkleinern lassen. Seitdem hat er 50 Kilo abgenommen.

Experten warnen die Türken bereits seit Jahren, dass die Mischung aus Bewegungsmangel, falscher Ernährung und Zigaretten schwere Folgen haben kann. Die Regierung versucht immer wieder, die Bürger auf Trab zu bringen. In vielen Parks wurden Gymnastikgeräte aufgestellt, öffentliche Einrichtungen wie Schulen erhielten kostenlos mehr als 300.000 Fahrräder, Kampagnen warben für eine gesündere Ernährung, ein Rauchverbot in Lokalen sollte die Nikotinsucht eindämmen.

Völlig vergeblich waren die Anstrengungen nicht, sagt Minister Koca. Im Kampf gegen die Salz-Sucht der Türken ließen die Behörden in den vergangenen Jahren unter anderem Salzstreuer aus den Kantinen entfernen. Als Folge ist der tägliche Salz-Konsum im Land pro Kopf von 15 auf zehn Gramm gefallen. Allerdings empfiehlt die WHO nicht mehr als sechs Gramm pro Tag.

Hartnäckige Gewohnheiten

Deshalb traf sich der Minister am Donnerstag in Ankara mit Verbandsvertretern von Konditoren und Gastronomen, um einen neuen Aktionsplan zu entwerfen. Der neue Diätplan für die Türken sieht eine stufenweise Verringerung von Zucker und Salz in Süßspeisen und Snacks per freiwilliger Selbstverpflichtung der Hersteller vor. Jedes Jahr soll der Zuckergehalt um fünf Prozent und der Salzanteil um vier Prozent sinken. Betriebe, die sich an der Aktion beteiligen, erhalten ein besonderes Zertifikat.

Minister Koca sprach von einem „wichtigen Schritt für ein gesundes Leben unserer Bürger und künftiger Generationen“. Er will auch erreichen, dass Sandwiches und Backwaren kleiner werden, damit die Türken nicht mehr so viel davon verzehren. Außerdem rät er seinen Landsleuten, sie sollten jeden Tag 10.000 Schritte gehen.

Doch möglicherweise zweifelt der Minister selbst daran, dass seine ehrgeizigen Pläne im Alltag des Landes tatsächlich etwas verändern werden. „Wir sind es nicht gewohnt, uns regelmäßig fit zu halten, und wir verbringen zu viel Zeit vor dem Fernseher“, sagte Koca bei der Vorstellung seines Ernährungsplans.

Tatsächlich ist einigen Gewohnheiten nur schwer beizukommen. So hat die Regierung in den vergangenen Jahren strenge Rauchverbote für Kneipen und Restaurants erlassen – doch der Anteil der Raucher ist trotzdem von 27 auf 32 Prozent der Bevölkerung gestiegen. Die Kneipenbesitzer haben längst Wege gefunden, das Verbot zu umgehen; mancherorts wird die Vorschrift auch einfach ignoriert.

3000 Kalorien pro Kilo

Bei ihrem Hang zu Süßem zeigen die Türken bisher ebenfalls keine Anzeichen der Zügelung. Während des mehrtägigen Festes am Ende des Fastenmonats Ramadan im vergangenen Jahr wurden allein in Istanbul mehrere hundert Tonnen Baklava verzehrt – wobei jedes Kilo der Delikatesse mit etwa 3000 Kalorien zu Buche schlägt.

Zudem gibt es durchaus verschiedene Meinungen darüber, welche Häppchen für böse Überraschungen auf der Waage verantwortlich sind. Mehmet Yildirim etwa, Vorsitzender des Baklava-Herstellerverbandes Baktad, kann nichts Schlechtes an den süßen Schnitten entdecken. „Die Leute schlagen sich den Bauch voll, essen dann ein Baklava zum Nachtisch und geben dann dem Baklava die Schuld“, wenn sie zunehmen, sagte er kürzlich.

Yildirim arbeitet seit seinem elften Lebensjahr als Baklava-Bäcker und leitet eine Firma, die täglich bis zu sechs Tonnen der Süßspeise herstellen kann. Der Verbandschef empfiehlt seinen Landsleuten deshalb, Baklava gleich auf nüchternen Magen zu genießen – und lieber auf andere Speisen zu verzichten.

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