"Tinder ist nicht mein Ding"

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Parship-Gründer Hugo Schmale : "Nichts ist toter als ein erfüllter Wunsch"
Nur heiße Luft? Liebe sei eine Erwartung, die letztlich unerfüllbar sei, sagt der Psychologe Hugo Schmale.
Nur heiße Luft? Liebe sei eine Erwartung, die letztlich unerfüllbar sei, sagt der Psychologe Hugo Schmale.Foto: imago/blickwinkel

Zu Ihrer Beziehungsbiografie: Sie waren ein zweites Mal verheiratet, geschieden, jetzt sind Sie fest liiert. Basiert der Parship-Test auf eigenen Erfahrungen?

Zuallererst auf Theorien der Psychologie, aber klar, auch meine eigenen Erfahrungen sind in die Formulierung der Fragen eingeflossen. Beispielsweise zu Nähe und Distanz. Auf dieser Ebene sollten beide Partner annähernd gleich sein. Wenn der eine 24 Stunden am Tag Händchen halten will und der andere fünf Minuten, haut das nicht hin.

Da sind Menschen unflexibel.

Sie können nicht sagen: Ich bin zwar zu 74 Prozent darauf aus, meine Eigenart durchzusetzen, aber ich gehe der Liebe wegen runter auf 24 Prozent. Das ist nicht durchzuhalten, weil es sich um eine Disposition aus frühester Kindheit handelt.

Ihr Test fragt danach, ob jemand lieber bei offenem oder geschlossenem Fenster schläft. Haben Sie eine Lieblingsfrage, die Ihnen besonders gut gelungen ist?

Das kann sich ändern. Früher haben wir beispielsweise gefragt, was einer von einem Partner hält, der raucht. Oder wenn er selbst rauchte: ob er bereit ist, mal darauf zu verzichten. Das war eine sehr kräftige Frage – nicht fürs Rauchen, sondern dafür, wie anpassungsfähig jemand für die Vorlieben des Partners ist. Diese Frage funktioniert nicht mehr.

Weil Rauchen tabu ist.

Ja. Ich glaube, ich habe guten Ersatz gefunden: den Umgang mit dem Smartphone. Wenn Sie im Restaurant eine Familie beobachten, und jeder hat so ein Ding in der Hand. Kommunikation ist da null.

Gibt es Anzeichen dafür, dass sich Attraktivität in Zeiten des Internet-Dating verändert? Die Menschen werden bei Parship mit ihrem Beruf etikettiert, die Stimme kommt viel später ins Spiel …

… und noch viel später der Geruch. Trotzdem: Äußerliche Attraktivität hat immer eine Rolle gespielt und wird immer eine Rolle spielen. Mein System arbeitet im Prinzip nicht mit fotografischer Selbstdarstellung. Dass Fotos verschickt werden, ist eine Zugabe, die Parship draufgesetzt hat.

Sie hätten es gern anders?

Ja, um frei zu sein von normierten Attraktivitätsvorstellungen. Schon in der Berufsforschung haben mich die Bewerbungsfotos gestört. Da geht einer zum Fotografen, der putzt ihn zurecht, das Ergebnis ist so unrealistisch wie nur irgendetwas.

Das erste Treffen mit einem Unbekannten ist das Abschreckende an der Partnersuche im Internet. Das Ganze ist überschattet von einer Intimität, weil es dem Zweck dient, jemanden zu finden, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen kann. Und in den meisten Fällen sitzt da einer, mit dem man das unter keinen Umständen will.

Man kann doch unvoreingenommen in so ein Treffen hineingehen: Mal gucken. Dating – da hätte ich auch Skrupel. Zum Beispiel ins „Vier Jahreszeiten“ zu gehen, weil ich da an der Bar mit einer Frau verabredet bin, und dann muss es abends schnackeln. Man muss Partnerschaftsvermittlung und Dating-Agentur unterscheiden.

Die Dating-App Tinder ist enorm erfolgreich. Da läuft die Auswahl vor allem über Fotos.

Meinetwegen kann sich jemand auf so etwas reduzieren, aber das ist dann ein Spiel. Da hat jemand ein neues Spiel erfunden. Nicht mein Ding.

Manche sehen im Internet-Dating ein Allheilmittel gegen die Vereinsamung in der Gesellschaft …

Solche Angebote gab es doch schon immer: Komm zu mir, dann verlierst du deine Einsamkeit. Das ist doch auch die Lüge des Christentums.

Jede dritte Beziehung nimmt angeblich heute ihren Anfang im Internet. Fehlt diesen Beziehungen nicht der romantische Gründungsmythos, der auf der zufällig wie zwangsläufig empfundenen Kennenlerngeschichte basiert?

Nein. Die Romantik machen sich viele der Menschen sowieso. Deswegen lässt sich der Erfolg, die wissenschaftlich geforderte Gültigkeit des Parship-Prinzips, so schwer statistisch nachweisen. Wenn gefragt wird, ob’s gefunkt hat, sagen viele: Ja, das Schicksal, der liebe Gott, der Mond – irgendeine übernatürliche Macht hat geholfen. Die subjektive Begründung, warum man sich verliebt hat, ist romantisch geblieben.

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