Personalmangel in der Psychiatrie : Unter Zwang: Einblicke in den Stationsalltag

Die Mitarbeiter in deutschen Psychiatrien sind häufig überfordert – und müssen rigoroser vorgehen als sie wollen. Sechs Personen erzählen aus der Praxis.

Ann Esswein
Einmal am Tag vor die Tür gehen. Mit nur zwei Pflegekräften pro Schicht ist das oft nicht möglich.
Einmal am Tag vor die Tür gehen. Mit nur zwei Pflegekräften pro Schicht ist das oft nicht möglich.Foto: pa/Maurizio Gambarini/dpa

Auf der einen Seite der Backsteinmauer laufen Passanten, Studenten und Dozenten entlang, Alltag am Campus der Charité Mitte. Auf der anderen Seite der Mauer versuchen die Patienten wieder zu lernen, wie das mit dem Alltag funktioniert. In den Gängen riecht es nach Filterkaffee, Landschaftsbilder hängen an den Wänden. „2018“ hat jemand an eine Tafel geschrieben, als könne man das vergessen. Betten mit zerknüllten Deckenhaufen stehen in bunt angemalten Zimmern.

Es ist zehn Uhr morgens in der sogenannten fakultativ beschützten Station der Psychiatrischen Klinik. Früher hieß sie geschlossene Anstalt. Allein das Wort „geschlossen“ passt eigentlich nicht mehr in das Bild einer modernen Psychiatrie, so erklärt es Axel Frank, der Stationsleiter, zu Dienstbeginn. Zwangsmedikation oder Fixierung schon gar nicht. Wie jeden Morgen diskutiert Franks Team bei Rührei und Kaffee die Frage: Öffnen wir heute die gläserne Eingangstür oder bleibt sie verschlossen?

Die meisten, mit denen man an der Charité darüber spricht, wünschen sich, dass die Tür offen bleiben kann. Aber immer wieder scheitert das am Personalmangel. Genau so läuft es an diesem Morgen, eigentlich ein ruhiger Tag. Axel Franks Team erfüllt sogar die Mindestbesetzung, wie sie in einer deutschlandweiten Personalverordnung festgelegt ist: Zwei examinierte Pflegekräfte sind anwesend. Und dennoch sind sie nicht genug, um die Situation im Blick zu behalten. Das Team entscheidet sich heute erneut gegen den Anspruch, dass Patienten so viel Selbstbestimmung wie möglich haben sollten. Die Glastür bleibt an diesem Morgen für die Patienten verschlossen. Eine Zwangsmaßnahme. Die Station wird damit, auch wenn sie nicht mehr so genannt wird, zu einer geschlossenen.

Je schwerer die Krankheit, desto mehr Zeit braucht ein Patient

In deutschen Psychiatrien herrscht Personalmangel. Laut einer Verdi-Online-Umfrage unter Psychiatrie-Mitarbeitern aus dem Jahr 2017 führt der Pflegenotstand zu mehr Gewalt gegen Beschäftigte. Nur durch mehr Fachpersonal, so die Ergebnisse von Verdi, würden sich Zwangsmaßnahmen verhindern lassen. Wie viel Zuwendung einem Patienten zusteht, ist in der Psychiatrie-Personalverordnung, kurz Psych-PV, geregelt. Diese Vorschrift wurde Anfang der 1990er Jahre vom Bundesgesundheitsministerium erlassen. Sie regelt, wie viel medizinisch-therapeutisches Personal auf allen stationären Psychiatrien vorhanden sein sollte – und das anhand von Minutenwerten.

Je schwerer die Krankheit, desto mehr Zeit sollte ein Patient beanspruchen dürfen. Laut Verordnung kämen demnach Personen in einer akut manischen Phase oder suizidgefährdeten Patienten zweieinhalb Stunden pflegerische Zuwendung pro Tag zu. Auf diese Weise entsteht der Personalschlüssel. Doch die Vorgaben werden in deutschen Kliniken selten vollständig eingehalten. Auch deshalb beschäftigt sich der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ein Gremium aus der Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen, derzeit mit einer neuen Personalbemessung. 2020 soll die Neuauflage der Psych-PV in Kraft treten.

Die Antwort einer Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen im August 2018 zeigt: Es gibt wenige Zahlen über das Innenleben psychiatrischer Kliniken in Deutschland. Wie wirkt sich der Engpass derzeit auf die Beschäftigung aus? Sechs Personen erzählen aus der Praxis.

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte.
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte.Foto: imago/Steinach

Christine Ilgert, blaue Haare und Fleecejacke, ist Krankenpflegerin an einer Berliner psychiatrischen Klinik, Psychologie-Studentin und Gewerkschaftsmitglied. Ihre Fahrradschuhe klacken über den Schotter, als sie durch den Monbijoupark läuft. Hier, zwischen Touristen und Joggern, geht sie oft mit ihren Patienten spazieren. Heute ist ihr freier Tag – und trotzdem bekam sie am Morgen einen Anruf, ob sie nicht doch arbeiten könne.

Ich bin eine der wenigen, die sich traut, auch mal Nein zu sagen, wenn ich nicht arbeiten kann. Gerade organisiere ich eine Demo für nächste Woche. Ich weiß aber schon, dass niemand kommen wird. Meine Branche hat resigniert. Dabei sehen wir es jeden Tag: Die Arbeitsbedingungen sind schlecht, und es gibt nicht genug Personal – was sich gegenseitig bedingt. Wenn mir jemand körperliche Gewalt antut, dann fixiere ich die Person oder sperre sie ein. Ich habe das Recht, mich selbst zu verteidigen.

Wenn wir mehr Beschäftigte hätten, müsste es manchmal gar nicht so weit kommen. Meistens arbeiten wir auf unserer Station nach dem Feuerwehrprinzip. Wir können uns oft nur noch um Fälle kümmern, die akut sind. Eigentlich sollten wir die Aufnahme komplett stoppen dürfen oder die Station schließen, wenn nicht genügend Personal da ist.

Es gibt eine Frau in Berlin-Mitte, die rückwärts läuft. Nur das, und trotzdem rufen immer wieder Passanten die Polizei und sie wird bei uns abgegeben. Sie hat eine psychische Krankheit, aber sie lebt funktional und schadet niemandem. Ich frage mich: Müssen wir sie wirklich jedes Mal aufnehmen? Natürlich haben wir auch einen Versorgungsauftrag. Heikel wird es, wenn die Abweichung so groß ist, dass jemand sich oder anderen schadet. Ich finde nicht, dass nur die Kliniken in die Kritik genommen werden sollen, sondern auch die Gesellschaft. Es gibt nun mal einige Menschen, die überfordern oder überfordert sind. Das ist normal. Damit können wir Außenstehende ruhig konfrontieren.

Wir haben kein Stimmrecht

Einmal am Tag will ich mit den Patienten vor die Tür gehen. Das ist purer Idealismus. Oft sagen sie, sie würden das nicht schaffen. Ich erkläre ihnen, dass diese Haltung Teil ihrer Krankheit ist. Und dass sie erst einmal loslaufen müssen, dann stellt sich ein angenehmes Gefühl ein. Aber mit nur zwei Pflegekräften pro Schicht können wir die Klinik nicht verlassen. Das wäre fahrlässig.

Allein in einer Frühstückspause habe ich bis zu zehn Unterbrechungen. „Bitte geben Sie mir eine Zahnbürste.“ „Kann ich ein Handtuch haben?“ „Frau Schwester, ich habe mir die Pulsadern aufgeschnitten.“ Das ist Alltag. Wenn wir mehr Leute auf der Station wären, könnte ich mir überlegen, mit wem ich an welchem Tag rausgehe. Ich will nicht mehr Feuerwehr spielen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss denkt sich gerade eine Alternative für die Personalbemessung aus, bei der nur Krankenhausbetreiber und Krankenkassen mitentscheiden dürfen. Beschäftigte wie meine Kollegen, Kolleginnen und ich haben kein Stimmrecht. Ich sorge mich, dass am Ende ohne unsere Beteiligung eine neue Personalbemessung entsteht, die für uns Pfleger und Pflegerinnen nicht besser sein wird – und für die Patienten auch nicht.

Eingesperrt. Aus Personalmangel müssen die Türen in deutschen Psychiatrien häufig geschlossen bleiben.
Eingesperrt. Aus Personalmangel müssen die Türen in deutschen Psychiatrien häufig geschlossen bleiben.Foto: pa/Oliver Berg/dpa

Axel Frank, Sportschuhe und Silberohrringe, ist Stationsleiter an der psychiatrischen Klinik der Charité am Campus Mitte. Er sitzt jetzt in seinem Büro, ein Mountainbike in der einen Ecke. Eine seiner Aufgaben als Deeskalationstrainer: dass weniger Zwangsmaßnahmen eingesetzt werden.

Die Menschen, die auf unsere Stationen gelangen, sind sehr krank. Sie bekommen Diagnosen, die ihr ganzes Leben beeinflussen. Zu den Begleitumständen einer Schizophrenie, bipolaren Störung oder Depression gehört auch, dass sich das soziale Umfeld der Patienten zurückziehen kann. Gesellschaftlich sind psychische Erkrankungen selten toleriert.

Auch sind die emotionalen Konflikte oder Aggressionen, das Selbstpflegedefizit und die Entgrenzung in der Psychose für Außenstehende oft schwer zu ertragen. Das ist nicht wie ein Beinbruch, der geheilt werden kann. Meistens bedeutet es, dass auch das Umfeld krank ist. Eine Wechselwirkung: Einerseits entgleiten Betroffene aus ihrer Alltagsstruktur. Andererseits sind auch Freunde und Angehörige überfordert. Psychosen sind für sie oft schwer aushaltbar, was zu sozialer Isolation führt. Deshalb müssen wir die Patienten über den stationären Aufenthalt hinaus in den Alltag begleiten. Das ist ein Aspekt, der in der Psychiatrie sehr wichtig ist, aber in der Psych-PV, die vor knapp 30 Jahren in Kraft trat, bislang kaum berücksichtigt wurde.

Lange wurde an meiner Berufsgruppe gespart

Seit den 90er Jahren hat sich in der Psychiatrie-Praxis einiges verändert: Der Dokumentationsaufwand hat sich massiv vergrößert. Jede Pflegehandlung und sogar jedes Gespräch muss dargestellt werden, das ist wichtig für die Abrechnung mit den Krankenkassen. Zur Entstehung der Psych-PV waren Suchtmittel wie zum Beispiel Crystal Meth, Legal Highs, Ketamin oder Liquid Ecstasy im Klinikalltag noch nicht relevant. Seit einem Jahr ist es in Deutschland außerdem Pflicht, dass Fixierungen richterlich angeordnet werden müssen. Bis heute wurde die veraltete Personalbemessung nie diesen neuen Ansprüchen angepasst.

Um den Anforderungen gerecht zu werden, wären auf einer Station mit 16 Betten drei Pflegekräfte eine Art Idealbesetzung. Der hat ja Träume, werden die Leute denken, wenn sie das lesen. Wir haben festgestellt, dass die Grundausstattung von zwei Personen oft nicht ausreicht, vor allem, wenn eine der zwei Personen krank wird. Wir haben eine große Ausfallquote. Manchmal weiß ich nicht, wie ich den Dienstplan füllen soll.

Lange wurde an meiner Berufsgruppe gespart, mit dem Ergebnis, dass der Pflegeberuf unattraktiv wurde. Eine Pflegekraft verdient im dritten Ausbildungsjahr 1253 Euro. Ich bekomme vielleicht zwei Bewerbungen im Jahr.

Um die Engpässe abzufedern, gibt es hier an der Charité einen Pool an „Springern“. Die „ortsfremden“ Pflegekräfte oder Medizinstudenten werden zum Beispiel für eine Eins-zu-eins-Betreuung bei einer Zwangsfixierung eingesetzt. Das ist natürlich nicht ideal, aber ich sehe aktuell wenig Alternativen, solange der Fachkräftemangel herrscht.

Wir wollen nicht die Bösen sein

Ich denke nicht, dass zu wenig Personal zu mehr Zwang gegenüber den Patienten führt. An der Charité sprechen wir von deeskalativer Beziehungsarbeit. Eine Person wird hier nur fixiert, wenn es gar nicht anders geht. Droht ein Patient uns Schläge an, kommen wir nicht gleich mit der Spritze. Auch wenn jemand Tassen an die Wand wirft, frage ich: „Was ist der Grund?“

Man muss verstehen, dass die Patienten hier aufgewühlt von der Polizei abgeliefert werden. Auch wenn die Eingangstüre verschlossen bleibt, versuchen wir ihnen so viel Selbstbestimmung wie möglich zu geben. Wir wollen nicht die Bösen sein. Wir sind ja auch kein Knast. Wenn jemand um drei Uhr nachts einen Kaffee will, bekommt er ihn. Wenn es Redebedarf gibt, sollte jemand zuhören.

Auch deshalb sind die Minutenwerte, wie sie die Psych-PV vorschreibt, absurd. Einem Maniker ist es egal, ob meine Zeit in der Woche für ihn schon verbraucht ist. Und ich kann ihm in einer Akutsituation ja auch nicht sagen: „Mein Lieber, sorry, keine Gespräche bis nächsten Montag, denn das bekommen wir sonst nicht mehr bezahlt.“

Zwangsmaßnahme. Patienten die sich oder dem Personal körperliche Gewalt antun, werden oft fixiert.
Zwangsmaßnahme. Patienten die sich oder dem Personal körperliche Gewalt antun, werden oft fixiert.Foto: imago/epd

Nina Schütze sitzt vor dem 21-stöckigen Klinikgebäude einer Berliner Einrichtung, für deren psychiatrische Station sie noch vor zwei Jahren regelmäßig arbeitete. Die 26-Jährige kommt gerade aus der Schule. Sie holt das Abitur nach. Nur noch selten ist sie als angeforderte Leihkraft an verschiedenen Berliner Kliniken tätig. Ihr Name wurde für diesen Text verändert.

In der Pflege sagt man, nach sieben Jahren könne man nicht mehr. Für mich stimmte das, dieser Punkt kam vor zwei Jahren. Ich träumte von der Klinik. Ich war dauergereizt. Während der Arbeit bin ich in Tränen ausgebrochen. Weinende Pflegekräfte im Dienst, das gab es nicht selten. Meine Stationsleiterin saß irgendwann vor mir und sagte: „Vielleicht hast du den falschen Beruf.“

Stell dir vor, du bist allein in einer Nachtschicht, weil deine Kollegin krank geworden ist. Wir hatten einige Langzeitkranke im Team. Es gibt kein Notfalltelefon und keine Security – dafür aber 30 Menschen mit bipolaren Persönlichkeitsstörungen, Depressionen oder Psychosen auf der Station. Wenn du als Einzige in der Schicht bist, gibt es keine Pausen. Nicht einmal zum Pinkeln. Essen sowieso nicht. Patienten schreien oder verletzten sich selbst. Du bist heillos überfordert. Wenn nur eine Person eine Panikattacke bekommt, müssen alle anderen Aufgaben liegen bleiben. Und wir verletzen die Aufsichtspflicht.

Ich erinnere mich besonders an eine Nachtschicht: Völlig allein war ich als Krankenpflegerin und angeforderte Leihkraft auf einer fremden Station. Nachts kam eine Person, die besondere Betreuung brauchte, weil sie sonst sich oder anderen etwas antun könnte. Da alle anderen Kräfte in der Klinik auch mit ihren Aufgaben überfordert waren, kam mir keiner zu Hilfe.

Nach Dienstende stand ich auf dem Parkplatz, die Sonne ging auf, und ich lief wirre Kreise. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstand, dass ich den Bus nehmen muss. Danach habe ich 24 Stunden geschlafen.

Theoretisch hätte ich nach einer solchen Nacht eine Überlastungsanzeige stellen können. Aber die wäre eh nur im Müll gelandet. Ich habe nie von einer Konsequenz gehört. Wohl möglich allerdings, dass das negative Folgen für mich hätte haben können. Auf der Station rieten sie uns stets: „Macht das lieber nicht.“ Ich habe mich nie beschwert.

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Julius Baumann, 30, ist zum Zeitpunkt des Gesprächs seit zwei Tagen als Patient in einer stationär-psychiatrischen Einrichtung in Berlin. Er heißt in Wirklichkeit anders.

Ich kenne mittlerweile die Frühwarnzeichen: Dann rede ich zum Beispiel zu viel. Meine Gedanken werden düster. Dieses Mal habe ich mich sofort an die Telefonseelsorge gewandt. Am nächsten Tag zwei Döner verschlungen. Fastfood beruhigt mich.

Meiner Schwester habe ich gesagt, dass ich wieder in die Klinik gehe, damit sich meine Großeltern keine Sorgen machen. Dieses Mal hatte ich Glück. Nach eineinhalb Stunden in der Notaufnahme war ein Bett frei.

Meine Großeltern, bei denen ich wohne, tun sich mit mir als Gesamtpaket schwer: ich, mein Verhalten und die Krankheit. Die Therapeuten nennen sie eine bipolare Störung. Die Ärzte sagen, dass meine Instabilität auch daran liegt, dass ich keine guten sozialen Ressourcen habe. Damit meinen sie mein Umfeld. Am Tag der Einweisung war mein Leidensdruck zu hoch, als dass ich allein hätte damit umgehen können. Vor einem Jahr wurde ich mal an der Notaufnahme abgewiesen. Die Ärztin sagte, mein Fall wäre nicht akut genug. Heute ärgere ich mich, dass meine eben doch akute Psychose nicht erkannt wurde. Aber ich verstehe auch, dass Kliniken überlaufen sind. Es gibt lange Wartelisten. Erst als ich damals gesagt habe, dass ich nicht mehr leben will, haben sie mich aufgenommen. Danach begann eine der schwersten Phasen meines Lebens: fast drei Monate geschlossene Psychiatrie.

Mich verunsichern fremde Personen auf der Station

Ich kann mich kaum erinnern. Blackout. Es ging mir überhaupt nicht gut, was weniger an der Einrichtung lag. Sie beobachteten mich. Ich durfte nicht raus, später nur zwei Stunden am Tag. Sie sagten, mein Urteilsvermögen sei in so einer Lage eingeschränkt.

Die Pflegekräfte sind meine direktesten Ansprechpartner. Für mich ist es extrem wichtig, eine gute Kommunikation mit ihnen zu finden. Ich weiß, dass sie mein Leid nicht messen können, ich muss es formulieren. Es gibt Pfleger, die sich sehr bemühen, und Pfleger, zu denen mir der Kontakt schwerfällt. Aber meistens fühle ich mich gut betreut. Es ist wie mit dem Krankenhaus-Hubschrauber. Wenn ich wirklich Hilfe brauche, ist er auch da.

Sogar als Patient bekomme ich mit, dass die Arbeit für das Team stressig ist. Es gibt feste Mitarbeiter und sozusagen Springer von Leiharbeitsfirmen. Für die Krankenpfleger scheint es schwierig zu sein, wenn jemand, der die Klinik gar nicht kennt, einspringt. Mich verunsichern fremde Personen auf der Station.

In der Klinik, in der ich gerade bin, habe ich keine Bezugsperson. Die Psychiatrie ist vielleicht auch gar nicht darauf ausgelegt, sondern nur um die Instabilität abzufangen. Danach werde ich weitergeschickt.

Zeit zum Reden. Wie viel Zuwendung einem Patienten zusteht, ist in der Psychiatrie-Personalverordnung geregelt.
Zeit zum Reden. Wie viel Zuwendung einem Patienten zusteht, ist in der Psychiatrie-Personalverordnung geregelt.Foto: imago/epd

Sophie König, die eigentlich einen anderen Namen hat, ist Bühnenbildnerin und betreute über zwei Jahre in einer gewinnorientierten Klinik Patienten, die zwangsfixiert werden mussten. „Absurd“ ist das Wort, das sie beim Gespräch stets wiederholt.

Für mich war das ein Studentenjob. Es gab keine offizielle Stellenausschreibung. Ich wusste schon, als ich die Bewerbung schrieb, dass mich ohne Pflegeerfahrung eigentlich nichts für die Betreuung einer zwangsfixierten Person qualifiziert. Trotzdem wurde ich zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

Weil ich zur Einführung nicht konnte und es keinen Alternativtermin gab, wurde ich nie in meine Funktion eingewiesen. Nach einiger Zeit schrieb ich eine E-Mail an die Stationsleitung, dass ich mich gern weiterbilden würde. Ich bekam nie eine Antwort.

Manchmal saß ich mehr als acht Stunden in einem weißen Raum mit Personen, die an fünf Punkten ans Bett gefesselt waren und nicht wussten, was da gerade mit ihnen passiert. Eine Psychose setzt zum Teil wahnsinnige Kräfte frei, und ich fungierte als Alarmklingel, die die Leute, weil sie fixiert worden waren, nicht mehr drücken konnten. Offiziell hieß es, ich kümmerte mich um die physikalischen Funktionen – dass also eine Person zum Beispiel nicht hyperventiliert. Wer auf der Station welche Verantwortung trug, war unklar. Wenn niemand sonst zur Verfügung stand, durfte ich sogar Medikamente verteilen. Ich hatte oft Angst.

Einmal kam ein Syrer zu uns. Er hatte schwere Kriegstraumata erlitten. Immer wieder klaute er Feuerzeuge. Er wollte sich damit die Augen verbrennen, nichts mehr sehen. Keiner war seiner Sprache mächtig. Man wusste einfach nicht, was man mit ihm anstellen sollte, und so wurde er erst einmal fixiert, damit er sich nichts antun konnte.

Ein anderes Mal betreute ich ein junges Mädchen während einer Nachtschicht. Die Mutter, auch psychisch krank, lag einen Stock über uns. Die Tochter erzählte mir, warum sie sich die Pulsadern aufschneiden wollte und wie genau sie vorhatte, dies zu tun. Natürlich war das hart zu hören, aber ich schätze auch, dass sie all das einer anderen Pflegekraft nie hätte erzählen können. Mit mir konnte sie lange und offen reden. Die anderen Pfleger hätten dafür überhaupt keine Zeit gehabt. Irgendwann konnte ich diesen Job nicht mehr guten Gewissens machen.

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Professor Andreas Heinz, 58, begleitet die Veränderung innerhalb deutscher Psychiatrien seit den späten 80er Jahren. Der Leiter der psychiatrischen Klinik der Charité am Campus Mitte sitzt auf seiner blauen Couch vor einer Bücherwand, Sonnenlicht fällt in sein Büro.

An der Charité sind wir in Sachen Personal eigentlich gut aufgestellt. In unserer Klinik können wir die Psych-PV einhalten, aber trotzdem schaffen wir es auch hier nicht immer, die Türen zu öffnen. Dabei wäre das wichtig: Die Patienten sollen sich heute nicht mehr eingesperrt fühlen. Das hat sich seit der Einführung der Psychiatrie-Praxis vor fast 30 Jahren geändert.

Mein erstes Praktikum habe ich 1984 in einer reformpsychiatrischen Einrichtung gemacht. Damals standen die Patienten oft im Schlafanzug hinter der Eingangstür und waren häufig überdosiert. Sie haben versucht, durch die Tür herauszukommen, was ihnen schon wegen ihrer motorischen Einschränkung, einer Nebenwirkung des Medikaments, nicht gelang. Auch die Dosierung hat sich verändert. Genau wie die Liegezeiten. In den 80er Jahren traf ich eine Frau, die mehr als 18 Jahre in einer Klinik war. Jetzt sind es im Schnitt drei Wochen.

Die Psychiatrie zu standardisieren, ist gefährlich

Die Psych-PV ist an all das nicht angepasst. Einige Fragen blieben in der jetzigen Personalverordnung unbeachtet: Wie hoch zum Beispiel der Krankenstand ist, wie schnell Stellen nachbesetzt werden, wie oft jemand ausfällt oder es nicht mehr aushält, ob es Übergriffe oder Beleidigungen gibt. Solche Faktoren sind schwer zu kalkulieren.

Natürlich ist es wichtig, dass es Richtwerte gibt. Im nicht-psychiatrischen Bereich gibt es die sogenannten DRGs, Diagnosis Related Groups, eine Art Festpreis pro Leistung. Ein ganz ähnliches System wäre beinahe auch in der Psychiatrie eingeführt worden. Es gab aber breite Proteste, und zwar aus gutem Grund: Bei psychischen Erkrankungen sind notwendige Behandlungsdauern meist nicht absehbar. Solche pauschalen Vergütungen funktionieren bei uns nicht. Wir nehmen hier eben keinen standardisierten chirurgischen Eingriff vor. Psychische Krankheiten sind individuell und brauchen verschiedene Behandlungen. Ich würde sagen, die Psychiatrie zu standardisieren, ist sogar gefährlich, es kommt immer auf die Situation der einzelnen Menschen an. Die Alternative wäre, jeden Fall einzeln zu prüfen.

Psychiatrie ist Beziehungsarbeit. Und Beziehungsarbeit braucht ausreichend Personal. Das bisherige System ist gut, muss aber modernisiert werden, weil zu wenig Zeit für ärztliche und psychologische Gespräche und Psychotherapie vorgesehen ist. Wir machen in unseren Interaktionen mit den Patienten ständig Fehler. Deshalb ist es wichtig, dass wir genug Mitarbeiter haben, damit der ein oder andere es schafft, zu dem Patienten einen Draht zu finden.

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Bis September 2019 hat der Gemeinsame Bundesausschuss Zeit, um über die Neuauflage der Personalbemessung zu bestimmen. Die Verhandlungen seien „intransparent“, kritisierten im vergangenen Sommer rund 100 Mitarbeitervertretungen von psychiatrischen Einrichtungen in einem Brief an CDU–Gesundheitsminister Jens Spahn. Beschäftigtenverbände befürchten, dass das Gremium der Ärzte, Zahnärzte, Therapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen sich nicht für genügend Personal einsetzen könnte. „Das hätte markante Folgen“, sagt Gisela Neunhöffer, Sprecherin von Verdi. Wenn die Zeit für baldige Betreuung und Deeskalation nicht da sei, müssten Patienten notfalls häufiger fixiert werden. Das Ergebnnis, warnt sie, könnte ein Rückfall in die Verwahrpsychiatrie früherer Zeiten sein.