Aufgewachsen mit dem "Emma"-Abo der Mutter

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Prostitution : „Ich öffne Menschen Türen zu ihrer Sexualität“
Kristina Marlen.
Kristina Marlen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Sie sind Mitglied im neuen „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“, der die Stärkung von Sexarbeitern fordert. Wie soll die aussehen?

Wir wollen Bedingungen für selbstbestimmte Sexarbeit ohne körperliche und seelische Risiken schaffen. Dieses Anliegen vertritt auch unser "Appell für Prostitution", für den wir derzeit Unterschriften sammeln. Verbote und Stigmatisierungen werden die Situation nicht besser, sondern schlechter machen. Niemand weiß das besser als Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, deshalb müssen in der Prostitutionsdebatte verstärkt diejenigen zu Wort kommen, die den Beruf ausüben.

So wie Sie selbst. Wie kamen Sie zu dieser Arbeit?

Damit begann ich vor etwa fünf Jahren. Als selbstständige Physiotherapeutin habe ich damals Körperarbeit angeboten, die durch Berührungen emotionale Prozesse auslöst und das Körperbewusstsein stärkt. Dabei war häufig auch sexuelle Energie im Raum. Von Kunden kam dann die Anfrage, diesem Aspekt mehr Raum zu geben. Als ich mich dafür entschied, war ich erst völlig überrascht, dass ich mich nicht erniedrigt fühlte. Das hätte ich mir nie vorstellen können!

Warum nicht?

Weil ich aus einer sehr feministischen Familie komme. Meine Mutter war in der Frauenbewegung aktiv, ich wuchs mit ihrem „Emma“-Abo auf. Mit 13 hatte ich einen „PorNo!“-Anstecker an der Jacke und war felsenfest überzeugt, dass jede Form von Pornografie und Prostitution Frauen erniedrigt. Plötzlich begriff ich, dass das nicht stimmt.

Wenn Sie sich nicht erniedrigt fühlten, was empfanden Sie stattdessen?

Ich hatte das Gefühl, dass etwas Gutes passiert ist. Da war jemand sehr glücklich, und mir ging’s auch gut. Als es sich wiederholte, merkte ich immer mehr, wie schön es ist, einen Raum zu schaffen, der explizit der sexuellen Energie gewidmet ist.

Für Ihre Mutter muss das ein Schock gewesen sein.

Meine Mutter nimmt sich sehr ernst bei dem Satz: Ich möchte, dass du glücklich bist. So hat sie auch auf meinen ersten Berufswechsel reagiert. Ich habe Jura und Sozialwissenschaften studiert. Aber dann merkte ich, ich brauche etwas Körperliches. Vor dem Schreibtisch wäre ich verendet.

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