Berufliche und private Lust

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Prostitution : „Ich öffne Menschen Türen zu ihrer Sexualität“
Kristina Marlen.
Kristina Marlen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ist es schwer, berufliche und private Lust zu trennen?

Ich kann Liebe und Sex trennen, muss es aber nicht. Auch die sexuelle Dienstleistung kann sehr herzverbunden sein, meine ist es zumindest. Ich könnte nicht mit Menschen zusammenleben, die glauben, sie hätten ein Recht auf meine Sexualität. Wer mich liebt, muss meine Freiheit akzeptieren und den Teil schätzen, der uns beiden gehört.

Ist es vorstellbar, sich bei der Arbeit zu verlieben?

Es gibt für mich immer eine Art temporäre Verliebtheit bei der Arbeit. Ich vergleiche das gern mit Psychotherapeuten. Die vermieten auf Zeit eine Beziehung, etwas, was man sonst nur in intimen Momenten hat. Sie richten in ihrem Herzen einen riesigen Parkplatz für ihre Klienten ein. Ähnlich ist es bei mir. Ich bin jedes Mal komplett da. Mit meiner Arbeit öffne ich Menschen Türen zu ihrer Sexualität. Und im Idealfall nehmen sie das mit in ihr Leben.

Sie meinen: in ihre Partnerschaft?

Nicht unbedingt. Sexualität hat eine eigene Existenzberechtigung, erst mal unabhängig von der Partnerschaft. Kunden sagen oft zu mir: „Mit der Partnerin geht das nicht ...“ Meine Antwort ist: Dann geht es eben nicht, das spricht nicht gegen die Beziehung. Ich glaube, ein wichtiger Grund für die Ablehnung von Prostitution ist, dass wir an einem bürgerlichen Verständnis von Partnerschaft rütteln, am Zusammenhang von Liebe und Sexualität.

Ist es falsch, da einen Zusammenhang zu sehen?

Ich finde es legitim und schön, wenn Paare Sex nur in der Partnerschaft leben. Ich glaube aber nicht, dass sich guter Sex in und außerhalb der Beziehung ausschließen. Im Gegenteil: Wenn beide Partner ihren sexuellen Raum haben, kann das die gemeinsame Sexualität sehr bereichern.

Denken Sie manchmal darüber nach, wie lange Sie diese Arbeit machen werden?

Ich glaube, ich kann das ewig machen. Es sollte niemand denken, dass Prostituierte jung und schön sein müssen. Viele Frauen entdecken den Beruf erst spät im Leben, durch Zufall, vielleicht weil sie merken, dass sie Geld nehmen können für etwas, was ihnen eh Spaß macht. Die gehen dann total auf in der Sexarbeit. Gerade diese älteren Frauen sind oft sehr frequentiert – weil sie es so beherzt tun.

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