20 Jahre Kiezbingo im SO36 : "Erstaunlich, wie viele Menschen sich keine Strumpfhose anziehen können"

Das Kiezbingo im SO36 ist eine Kreuzberger Legende - und bei Gästen genauso beliebt wie gefürchtet. Denn die Moderatorinnen Inge Borg und Gisela Sommer bestrafen Sieger auch mal gerne auf der Bühne.

Die Moderatorinnen Inge Borg (l) und Gisela Sommer: Zum Geburtstag wird ihnen ein Ständchen gesungen.
Die Moderatorinnen Inge Borg (l) und Gisela Sommer: Zum Geburtstag wird ihnen ein Ständchen gesungen.Foto: Nanette / SO36

Inge Borg und Gisela Sommer, wird zur Jubiläumsshow routiniert durchgezogen, oder gibt es einige Schmankerl?

Inge: Es wird ein paar Überraschungen geben. So viel können wir schon sagen. Aber die meisten kommen ja zum Spielen und um zu gewinnen.

Gisela: Ich denke, wir können schon verraten, dass zwei befreundete Gesangstalente uns ein Geburtstagsständchen singen werden.

Was ist das Geheimnis um den "den Elf"? Jedes Mal wenn diese Zahl aus dem Betonmischer gezogen wird, geht kurz die Post ab.

Inge: Vor uns hatten bereits mehrere Jahre Kitty Karrell und Mary Wijnvoord das Bingo mit holländischem Akzent moderiert. Irgendwann hat eine der beiden die Elf gezogen und das war bei ihnen eben "den Elf". Die Band spielte in dem Moment einen Tusch und so ist daraus dieses Ritual geworden.

Die Show ist ja eine Mischung aus Zuneigung, Pöbelei und Bestrafung...

Gisela: Das ist doch genau das Richtige für das Publikum, das da kommt.

Inge: Obwohl wir über die Jahre etwas altersmilde geworden sind.

Gisela: Das stimmt. Ich glaube aber, dass genau diese Mischung das Geheimnis der Veranstaltung ist. Es steckt ja auch ein gewisser Kitzel darin. Es ist ein Spiel, es gibt Preise und man möchte gewinnen. Gleichzeitig fürchtet man sich ja sehr davor, dass genau das passiert. Das führt dazu, dass manche verheimlichen, dass sie gewonnen haben, oder sie stiften Freund an: "Geh Du mal für mich!" Oder es gibt Denunziationen: "Hier wurde gewonnen!"

Gisela Sommer und Inge Borg: "Man sollte wissen, was einen erwartet, wen man zu uns kommt."
Gisela Sommer und Inge Borg: "Man sollte wissen, was einen erwartet, wen man zu uns kommt."Foto: Nanette / SO36

Manchmal sind Sie ja recht schamlos, wenn Gewinner*innen auf die Bühne müssen.

Inge: Ja, Gisela geht auch gerne ins Publikum, packt die Leute am Schlafittchen und holt sie hoch.

Gisela: Wenn sich die Dame oder der Herr zu sehr ziert, hole ich in der Tat schon ganz gerne jemanden persönlich ab.

War im Nachhinein jemand schon mal böse?

Inge: Die Leute wissen eigentlich, was sie erwartet, oder sie sollten lieber wissen, was sie erwartet, wenn sie zu uns kommen. Der Nervenkitzel spielt aber schon eine Rolle. Je näher man dem Gewinnen kommt, fragt man sich schon: "Will ich überhaupt auf die Bühne gehen?" Und wenn es soweit ist, was macht man dann? Ich glaube, die meisten sind so erschrocken, dass sie einfach "Bingo!" rufen.

Gisela: Wir sprechen uns aber auch nicht ab. Wenn da jemand auf die Bühne kommt, haben wir keine geheimen Zeichen: Jetzt Hals umdrehen!

Nicht?

Gisela: Nein. Aber bei etwas selbstbewussteren Menschen ist es dann eher schon mal eine Herausforderung...

Inge: ...sie zu brechen.

Gisela: Aber wir wollen natürlich niemanden ernsthaft kränken. Das soll für die Person dort oben bei uns kein traumatisierendes Erlebnis sein.

Queers im SO36
Neben Punkpartys wurden ab den 90er-Jahren im Club SO36 immer mehr queere Partys und Veranstaltungen organisiert. Hier hatte sich die queere Gemeinde 1998 zum "79. Jahrestag der Bayerischen Rätherepublik" versammelt und feierte Oktoberfest.Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: Ines De Nil
12.04.2016 13:47Neben Punkpartys wurden ab den 90er-Jahren im Club SO36 immer mehr queere Partys und Veranstaltungen organisiert. Hier hatte sich...

Vor zwölf Jahren haben Sie die Moderation übernommen. Wie kam es dazu?

Inge: Ursprünglich war es ja eine Kiezveranstaltung, bei der Anwohner und Gewerbetreibende mit eingebunden werden sollten. Damals kamen wohl auch noch viele Ladenbesitzer selbst und haben geschaut, wer denn das gesponserte Geschenk gewinnt. Die Leute vom SO36 wussten, dass ich mit Gisela Travestie mache, und dann sind wir als Duo angefragt worden. Davor war es mit Kitty und Mary aber auch schon toll. Nur das Publikum war anders. Es haben auch ältere Damen aus dem Kiez vorbeigeschaut. Als die Show so erfolgreich wurde, dass man jedes Mal vor dem SO36 anstehen musste, da kamen die Damen leider nicht mehr.

Am Publikum der letzten Jahre scheiden sich ja manchmal die Geister.

Gisela: Nach den älteren Damen kam das schwule Ausgehpublikum, das eine gewisse Affinität dazu hatte, Mädels wie uns auszuhalten. Dann gab es eine Phase, die sehr touristisch war. Unsere Show tauchte plötzlich in Reiseführern und in Reisemagazinen auf.

War das der Moment: Time to say Goodbye!

Inge: Ans Schlussmachen haben wir nicht gedacht, aber wir haben überlegt, wie wir das aufbrechen können.

Gisela: Das touristische Publikum war jetzt nicht das einfachste. Wenn die auf der Bühne waren, hatten die eine gewisse Konsumhaltung. Es war schwieriger, einen unterhaltsamen Dreh hinzubekommen. Dann hatten wir eine starke Sozialarbeiterinnen-Phase und dann kamen die Medienleute. Das wird langsam aber wieder weniger.

Inge: Die mussten wahrscheinlich alle wieder zurück in ihr Heimatdorf, weil die Startups pleite gegangen sind.

Sie haben großen Spaß daran, Menschen auf der Bühne nach ihrer sexuellen Identität zu fragen. Heterosexuelle Gäste sagen oft: "Ich bin normal".

Gisela: Ich antworte oft darauf: "Ach, Du bist lesbisch. Das ist ja toll." Solche Momente sind eine gute Chance, den Menschen die Schieflage dieser Formulierung zu verdeutlichen.

Inge: Irgendwann fällt einem dazu aber nichts mehr Lustiges ein. Man ist einfach genervt davon. Es wirkt auch deshalb etwas deplatziert, weil im SO36 schon immer die queere Community und Heteros zusammengekommen sind. Das war überhaupt kein Problem.

Ja, wenn Sie schlechte Laune haben, merkt man das sofort.

Inge: Oh ja, vor allem, wenn ich wie aktuell nicht auf der Bühne rauchen darf.

Warum nicht?

Inge: Wir hatten im November einen Gast, einer von 350 an dem Abend, der sich im Nachgang bei "Pro Rauchfrei" darüber beschwert hat, dass auf der Bühne und im Publikum trotz Rauchverbot geraucht wurde. Der Verein hat daraufhin gegen das SO36 Anzeige erstattet und es durfte nur noch draußen geraucht werden. Zum Dezember-Bingo hatten wir daher sehr schlecht Laune. Das ganze Verfahren ist noch nicht entschieden, und wir rauchen deshalb jetzt sehr viel vor der Show. 

Der Herr ist jetzt aber kein enttäuschter Ex-Partner?

Giesela: Nein, das ist auch nicht die Erklärung.

Mit dem Kiezbingo sollen ja vor allem gemeinnützige Projekte unterstützt werden. Gibt es noch Läden, die seit der ersten Stunde Preise spenden?

Inge: "Farben Kacza" ist schon sehr lange dabei. Das sind drei Brüder, die immer Wandmalsets sponsern. Pigmentfarbe und Schwämme.

Gisela: Die gute alte Schwammtechnik wird dort immer noch sehr hochgehalten. Aber dieses neue Kreuzberg, oder wie man es auch nennen will, diese abwechselnden Klamottenläden, die beteiligen sich auch überhaupt nicht an den Soli-Aktionen.

Inge: Wenn neue Läden aufmachen, geht Lilo vom SO36 ab und zu mal rum und fragt, ob sie das Kiezbingo unterstützen möchten. Hin und wieder wird dann schon etwas gesponsert, aber das ist meistens eine einmalige Aktion. Zwischen Adalbertstraße und Oranienplatz haben auch wahnsinnig viele Cafés aufgemacht. Die haben keine Ahnung von der Veranstaltung und dem Hintergrund. Die interessiert der Kiez auch überhaupt nicht, habe ich den Eindruck.

Giesela: Es hat sich viel geändert. Das merken wir auch an den Anfragen der Initiativen, Gruppierungen und Einrichtungen, die hauptsächlich Probleme mit den steigenden Mieten haben. Viele Menschen empfinden das natürlich als Bedrohung. Das ist keine schöne Entwicklung, auch wenn das wegen der Attraktivität von Kreuzberg vielleicht ein wenig absehbar war.

Das Kiezbingo mit Gisela Sommer und Inge Borg bleibt uns aber noch eine Weile erhalten?

Inge: Ja, wir gehören mit zum SO36 und es freuen sich ja auch immer alle dort, wenn wir kommen.

Gisela: Gerade macht es mir wieder richtig Spaß. Ich hatte eine Phase, in der ich etwas geschwächelt habe. Zwischendurch gingen mir diese etwas krawalligen Rituale ziemlich auf den Keks wie das Brüllen "Ausziehen!", wenn Gäste ihre gewonnenen Klamotten gleich auf der Bühne anziehen müssen. Aber ich habe mich damit versöhnt.

Inge: Ich finde es aber auch ganz schön, wenn die Leute auf der Bühne mit ihrer Strumpfhose stehen und sich ein wenig zieren.

Gisela: Es ist erstaunlich, wie viele Menschen nicht in der Lage sind, sich eine Strumpfhose anzuziehen und daran herumziehen, als wäre das eine Sportsocke.

Für wen wird am 8. Mai gespendet?

Gisela: Passend zum Tag der Befreiung gehen die Einnahmen an das antifaschistische Projekt "JWD-Camp" im Land Brandenburg.


Vor der Sommerpause findet am 8. Mai zum letzten Mal das Kiezbingo im SO36 statt, ab 19 Uhr, in der Oranienstraße 190.

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