30 Jahre Sportverein "Seitenwechsel" : Bewegungsräume und Treppchenträume

Der Kreuzberger Verein Seitenwechsel wurde einst als Lesbensportverein gegründet - und bietet bis heute Sport jenseits von männerorientierten Strukturen an.

Der Verein Seitenwechsel feiert seinen 30. Geburtstag - hier auf dem Lesbischschwulen Stadtfest.
Der Verein Seitenwechsel feiert seinen 30. Geburtstag - hier auf dem Lesbischschwulen Stadtfest.Foto: promo

Wie verändert sich eigentlich ein Sportverein, wenn sich die Gesellschaft verändert? Das könnte der Kreuzberger Verein Seitenwechsel erzählen, er wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Gegründet wurde der Verein, „weil Lesben gemeinsam mit Lesben Sport treiben wollten“ und das auch losgelöst von männer-orientierten Strukturen im organisierten Sport. Das Thema sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmtheit ist in den vergangenen Jahren weg vom Rand in die Mitte der Gesellschaft gerückt und hat etwa mit der Debatte um die Ehe für alle und das dritte Geschlecht neue politische Akzeptanz gefunden. Was heißt das nun für einen Verein wie Seitenwechsel als „Sportverein für Frauen Lesben Trans* Inter* und Mädchen“?

Es gibt Fragen, die immer noch dieselben sind wie die vor 30 Jahren und einige, die neu hinzugekommen sind. „Was wollen wir“, ist die leichte, schwere und fast zeitlose Frage. Seitenwechsel bietet einerseits geschützte Räume zum Sporttreiben – geschützt vor unangenehmen Blicken oder Fragen zur eigenen Geschlechtlichkeit und Sexualität, geschützt vor männergemachten Normen und geschützt vor einer leistungsfixierten und körperbewertenden Sportkultur. Man könnte sie auch einfach alternative Räume nennen. Es sind jedenfalls Räume, in denen Respekt und Akzeptanz besonders wichtig sind. Das ist jedoch nur der eine Pol.

Rollenerweiterung für den Mädchensport

Der andere strebt eher nach außen. „Viele bei uns wollen eine Öffnung zu anderen gesellschaftlichen Bereichen“, sagt Geschäftsstellenkoordinatorin Mimi Vogt. Es geht dabei etwa um Sichtbarkeit. „Wir wollen im Mädchensport Rollenerweiterungen anbieten, wir zeigen dabei verschiedene Rollenmodelle, Boxen genauso wie die kleinen Ballettmäuse“, sagt Sportmanagerin Itong Ehrke. Seitenwechsel ist schließlich ein Verein großer Vielfalt mit knapp 1000 Mitgliedern und dem passenden Vereinsmotto „Vielfalt, Verbundenheit, Vergnügen“.

Beide Pole bedingen sich gegenseitig. „Manche wollen unbedingt an Wettbewerben teilnehmen. Aber sie brauchten erst einmal einen anderen Rahmen und eine bestimmte Phase für sich“, sagt Itong Ehrke. Die Hürden beim Mitmachen in anderen Vereinen seien manchmal einfach zu hoch. Die Öffnung und Sichtbarmachung von LGBTI*Personen im Sport nach außen braucht also oft erstmal den Rückzug und die Stärkung im geschützten eigenen Kreis – oder auch einfach die Möglichkeit Sport zu treiben, ohne sich in eine Frauen- oder Männerumkleide, ein Frauen- oder Männerteam, die Frauen- oder Männerliga einzuordnen.

"Im Wettkampf produziert man Ausschlüsse"

Mit den Wettbewerben und dem Selbstverständnis von Seitenwechsel ist es so eine Sache. Mimi Vogt sagt: „Im Wettkampf produziert man immer Ausschlüsse.“ Und wer sich Verein für Frauen Trans* Inter* und Mädchen nennt, kommt nicht um die Feststellung herum, dass es eben keine Statistiken für Trans* und Inter* im Sport gibt, sondern im Grunde alles nach dem binären Geschlechterverständnis aufgeteilt ist. Ein weit größeres Problem als fehlende Statistiken ist jedoch, „dass Teilnahme jenseits der Zweigeschlechternorm schlicht unmöglich ist und uneindeutige Körperlichkeiten großen Anfeindungen ausgesetzt sind“, sagt Cora Schmechel, die sich bei Seitenwechsel unter anderem um das Boxtraining kümmert. „Außerdem bringt eine Wettkampforientierung immer auch eine Wertung von Leistungen mit sich, die dem Anspruch des größtmöglichen Schutz- und Empowermentraumes wiederspricht.“ Wie also allen Ansprüchen – nach Rückzug und Außenwirkung, nach Mitmischen im Mainstream und dem Schaffen von Alternativen – gerecht werden?

Um überhaupt dabei weiterzukommen, spielt im Verein daher auch die Frage eine Rolle: Was ist realistisch? Itong Ehrke spricht von einem „gleichen Chancenrahmen“, den sie anstreben. Anstatt eine feste politische Agenda zu verfolgen, gehe es eher darum, Argumente zu tauschen. „Unser politischer Anspruch ist, dass wir miteinander und auch mit anderen diskutieren.“ Am 17. November werden sie anlässlich ihres Jubiläums im Familienzentrum Kreuzberg einen Fachtag veranstalten, auch um etwa „Gemeinsamkeiten wie Unterschiede in der feministischen Sport- und Bewegungskultur zu diskutieren“, wie Cora Schmechel sagt, die den Fachtag organisiert.

Wenn aus Vorurteil Solidarität wird

Überraschende Erfolgserlebnisse gibt es jedoch regelmäßig, etwa wenn sie feststellen, dass Vereine jetzt ihre Texte gendern, von denen sie es nie gedacht hätten. Einmal wurde aus einem Vorurteil sogar Solidarität. Ein Verein hatte vor dem Sportgericht des Berliner Fußball-Verbands geklagt, dass Seitenwechsel in der Landesliga der Frauen einen „Mann“ im Tor eingesetzt habe. Es handelte sich jedoch um eine Frau, die ihr Geschlecht nur nicht nach dem Transsexuellengesetz im Personenstandsregister hatte angleichen lassen. Sie und Seitenwechsel bekamen vom Sportgericht Recht, und im Rückspiel demonstrierte auch die Spielführerin des klagenden Vereins gemeinsam mit der Torfrau und Verbandsvertretern auf einem Foto gegen Transphobie.

Weitere Infos unter: www.seitenwechsel-berlin.de, Sportfest am 28.10. in der Flatow Halle. Anmeldung unter: veranstaltungen@seitenwechsel-berlin.de

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