Auftritte beim Motzstraßenfest und beim CSD Berlin : Schuhplattler mit Knalleffekt

Die Querplattler sind die erste schwule Schuhplattlergruppe Berlins. An diesem Sonnabend treten sie beim lesbisch-schwulen Motzstraßenfest in Schöneberg auf.

Eva Steiner
Die Querplattler lassen es bei der Probe krachen, damit der Auftritt beim Stadtfest auf jeden Fall perfekt wird.
Die Querplattler lassen es bei der Probe krachen, damit der Auftritt beim Stadtfest auf jeden Fall perfekt wird.Foto: Thilo Rückeis

Mit lautem Knall patschen die Hände auf das schwarze, glänzende Leder der Hosen und die ledernen Sohlen der Schuhe. Die muskulösen Beine stampfen auf die Holzdielen, während der muntere Dreivierteltakt von Akkordeon und Klarinette die Männer in immer neue Tanzfiguren führt. Selbst nach zwei schweißtreibenden Stunden Generalprobe im Saal der „Zunftwirtschaft“ in Moabit hat so mancher Tänzer noch immer ein breites Grinsen im Gesicht stehen.

„Juuuhuuu“ jauchzt einer, andere antworten mit einem eigenen langgezogenen Juchzen. Wenn die „Querplattler“, die erste schwule Schuhplattlergruppe Berlins, am heutigen Sonnabend auf dem lesbisch-schwulen Motzstraßenfest in Schöneberg auftreten, werden die Tänzer dabei sicher nicht weniger Freude haben als ihre zahlreichen Fans.

Rund 15 aktive Mitglieder zählt der Verein, den Peter Kraus im Herbst 2015 gegründet hat. Rund 15 Jahre wohnt der gebürtige Bayer in Berlin, erst in Moabit, inzwischen in Charlottenburg. Zum Schuhplattlern ist der 56-Jährige allerdings erst in Berlin gekommen. „Interessiert hat mich das Platteln schon lange. Es macht unglaublich viel Spaß“, sagt er.

Als er 2015 nach dem Vorbild der „Schwuhplattler“ aus München – nach eigenen Angaben die erste schwule Schuhplattlergruppe der Welt – Ähnliches auf die Beine stellen wollte, rieten ihm viele ab: „Das kann nicht klappen in Berlin!“ Doch der Erfolg gibt Peter Kraus jetzt recht.

Die Plattler sind von Mitte Zwanzig bis Sechzig alt

Nachdem die ersten Proben noch im Friseursalon von Marianne Graff, einer schwul-lesbischen Instanz in Moabit, stattfanden, treffen sich die Berliner Schuhplattler inzwischen jeden Donnerstagabend gegenüber vom Salon im Festsaal der „Zunftwirtschaft“ zum Training mit Live-Musik.

Rund 15 aktive Mitglieder zählt der Verein, den Peter Kraus im Herbst 2015 gegründet hat.
Rund 15 aktive Mitglieder zählt der Verein, den Peter Kraus im Herbst 2015 gegründet hat.Foto: Thilo Rückeis

Interessierte mit und ohne Vorkenntnisse sind gern gesehen, denn Peter Kraus kann sich vor Anfragen für Auftritte kaum retten: Vergangene Woche wurde auf einer lesbischen Hochzeit geplattelt, an diesem Wochenende geht es auf dem Motzstraßenfest rund, und nächste Woche ziehen die Querplattler beim Christopher Street Day mit.

Das Alter der Plattler reicht von Mitte Zwanzig bis Mitte Sechzig, und so vielfältig ist auch der berufliche Hintergrund und die Herkunft der Männer, genau wie die Form und Farbe ihrer Bärte. Jeden Donnerstag platteln hier Apotheker, Richter, Denkmalpfleger, Informatiker und Unternehmensberater gemeinsam. Überraschenderweise stammen die wenigsten von ihnen aus der Alpenregion. Manche sind in Nordrhein-Westfalen geboren, andere in Kroatien, Baden-Württemberg oder Niedersachsen.

Es braucht viel Konzentration und ein gutes Gedächtnis

Akkordeonspieler Rémy Mouton stammt aus Frankreich. Er hat eine Software mit einem virtuellen Roboter programmiert, mit dessen Hilfe die Querplattler zu Hause die vielen verschiedenen Tanzfolgen üben können. Denn neben jeder Menge Ausdauer, Kraft, Koordination und Gleichgewichtssinn braucht es auch viel Konzentration und ein gutes Gedächtnis, um sich die zahlreichen Tänze merken und diese taktgenau präsentieren zu können.

Die "Querplattler" sind die ersten schwulen Schuhplattler Berlins.
Die "Querplattler" sind die ersten schwulen Schuhplattler Berlins.Foto: Thilo Rückeis

Ein echtes Workout also, viel Training ist notwendig. Das weiß auch Jakob Suelmann, der bei der Generalprobe an diesem Abend Vorplattler ist und den Takt vorgibt: „Los, Jungs, wir üben den ‚Ruhpoldinger' mit der Kette noch mal. Das könnt ihr doch noch besser“, fordert Suelmann die Tänzer auf und nickt den Musikern am Akkordeon und der Klarinette lächelnd zu. Ohne zu Murren stellen sich die neun Männer in einer Reihe auf, um den zweiten Block ihres Auftritts zu üben.

[Mehr Neuigkeiten aus der queeren Welt gibt es im monatlichen Queerspiegel-Newsletter des Tagesspiegel - hier geht es zur Anmeldung.]

Die Querplattler tragen auch beim Training ihre knielangen Hosen aus Laponia-Leder, einem Rind-Veloursleder, dessen Außenseite glatt und glänzend ist – für den richtigen Knalleffekt. Die schwarzen Schuhe haben einen abgeschliffenen Absatz, damit sich der Tänzer beim Dagegenschlagen nicht verletzen kann.

Das Tolle am Platteln ist das Gruppenerlebnis

Die kräftigen Männerwaden bedecken zur Hälfte graue Strümpfe oder Wadenwärmer, sogenannte „Loferl“. Den grünen Samthut hat nach zwei Stunden Training kaum noch ein Tänzer auf, auch wenn das Tragen eines Hutes für eine besonders gute Haltung sorgen soll. Beim Auftritt darf er dann natürlich nicht fehlen. Den Querriegel zwischen den Hosenträgern ziert bei allen Tänzern das Symbol des Vereins: Das kleine bayerische Staatswappen in Regenbogenfarben zwischen zwei Berliner Bären.

Die Querplattler tragen auch beim Training ihre knielangen Hosen aus Laponia-Leder, einem Rind-Veloursleder.
Die Querplattler tragen auch beim Training ihre knielangen Hosen aus Laponia-Leder, einem Rind-Veloursleder.Foto: Thilo Rückeis

„Das Tolle am Platteln ist das Gruppenerlebnis, das Harmoniegefühl, das dabei entsteht“, schwärmt Choreograf Suelmann. Der Lehrer für Hebräisch und Afrikaans ist seit der Geburtsstunde der Querplattler mit dabei, stammt aus der Volkstanzszene und kennt das Platteln schon aus seiner alten Heimat Südafrika. Er ist derjenige, der für die Gruppe immer wieder neue Tänze im Internet recherchiert und diese mit allen einstudiert.

Viele Plattler heißen so, wie die Region oder der Ort, aus dem sie stammen: Da gibt es Ländler wie den „Ruhpoldinger“, den „Reit im Winkl“ oder den „Ammerseer“. Die Marsch-Plattler im Zweivierteltakt tragen Namen wie „Amboss-Polka“ oder auch Holzhacker“. Ursprünglich hatten die Plattler die Funktion der Brautwerbung, daher müssen junge Männer in vielen alpenländischen Vereinen heute noch mit dem Platteln aufhören, sobald sie verheiratet sind. „Das ist bei uns zum Glück nicht der Fall“, betonen die Querplattler lachend. Ein Trachten-Outfit geht schließlich immer.

- Die Truppe ist am Samstag auf der queeren Medienbühne in der Fuggerstraße um 15.30 Uhr zu sehen, später auf der großen Straßenfest-Bühne in der Eisenacher Straße um 17.45 Uhr und auf dem CSD ab 12.30 Uhr (www.querplattler.de)

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.