Berlin Feminist Film Week : "Mutter, Vater, Kind ist ja längst nicht mehr die einzige Familienkonstellation"

Am Donnerstag beginnt die Berlin Feminist Film Week. Wir haben mit Gründerin Karin Fornander über das Programm, heteronormative Zwänge und über die "Konversionstherapie" gesprochen.

"The Miseducation of Cameron Post" von Regisseurin Desiree Akhavan basiert auf dem Jugendbuch von Emily M. Danforth.  
"The Miseducation of Cameron Post" von Regisseurin Desiree Akhavan basiert auf dem Jugendbuch von Emily M. Danforth.  Foto: berlin feminist film week

Karin Fornander, Sie starten Ihr Festival mit dem Film "The Miseducation of Cameron Post". Darin muss sich die junge lesbische Protagonistin einer sogenannten Konversionstherapie unterziehen, mit der ihre Homosexualität "therapiert" werden soll. Im Kino läuft auch gerade der Film "Der verlorene Sohn".

Die "Konversionstherapie" ist ein hochaktuelles Thema – gerade auch in Deutschland wegen des angekündigten Gesetzes von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Ansonsten dient uns Jens Spahn aber nicht als Inspirationsquelle. Der Film spielt in den 90er Jahren. Einiges hat sich in dieser Zeit natürlich getan. Man hätte aber hoffen können, dass dieses auch gewalttätige und übergriffige Vorgehen gegenüber queeren Menschen in all den Jahren an Relevanz verliert. Leider hat es das nicht! Auch in Deutschland sind diese "Therapien" nicht verboten. Wir haben den Film auch deshalb ausgewählt, weil Mainstream-Filme mit weiblichen queeren Protagonistinnen in der Hauptrolle nach wie vor selten sind. Zwar tut sich etwas, Filme mit männlichen queeren Charakteren sieht man trotzdem öfter. Vielleicht sagt es auch etwas darüber aus, dass gerade "Boy Erased" – wie der Film im Original heißt – und nicht „The Miseducation of Cameron Post“ in den deutschen Kinos läuft.

Sie haben schon einmal einen Film von Regisseurin Desiree Akhavan gezeigt.

Ja, Desiree Akhavan ist eine tolle Regisseurin. Ihr erster Film "Appropriate Behaviour" über eine lesbische Exil-Iranerin im New York des Jahres 2014 hat uns damals sehr beeindruckt und ist auf jeden Fall immer noch empfehlenswert. Gerade läuft auf der amerikanischen Internetplattform Hulu ihre Serie „The Bisexual“. Auch das Thema Bisexualität hätte eine viel bessere Repräsentation im Film und im TV verdient. 

Sie zeigen die Dokumentation "Singled [Out]" von Mariona Guiu und Ariadna Relea. Berlin gilt mit als Single-Hochburg. Also genau der richtige Film für die Stadt?

Das Thema ist natürlich thematisch passend für Berlin. Ich denke aber, dass die Norm der Zweisamkeit in Berlin nicht ganz so stark ausgeprägt ist wie an anderen Orten. In dem Film geht es vor allem um Erwartungen. Oft ist es doch so: Ist eine Frau über 30 und noch nicht in einer Beziehung, werden ihr misstrauische Fragen gestellt – überall auf der Welt. Dabei leben doch immer mehr Menschen nicht mehr in diesen festgefahrenen heteronormativen Beziehungen, sondern sie finden andere Modelle für sich. Im Film führen alle Frauen sehr unterschiedliche Leben, und erleben als Single dennoch mehr oder weniger ein Stigma. 

Szene aus dem Dokumentarfilm "Singled [Out]" von Mariona Guiu und Ariadna Relea.
Szene aus dem Dokumentarfilm "Singled [Out]" von Mariona Guiu und Ariadna Relea.Foto: berlin feminist film week

"Riot Parents: Perspectives on feminist motherhood", der am Freitag zu sehen ist, beschäftigt sich kritisch mit der heteronomen Vorstellung von Mutter, Vater, Kind.

Auch hier wollen wir Stereotype aufbrechen und hinterfragen. Das Thema hängt ja auch mit der Norm der Zweisamkeit zusammen: Als Frau soll man heiraten und Mutter werden. Aber nicht alle Menschen, die Kinder austragen oder wollen, sind Frauen. Und es wollen auch nicht alle Frauen Kinder! In unserer heteronormativen Gesellschaft können manche Menschen, die Elternschaft auch nicht frei gestalten, sondern das ist auch immer mit Normen und Zwängen verbunden. Mutter, Vater, Kind ist ja längst nicht mehr die einzige Familienkonstellation – trotzdem ist vieles in unserer Gesellschaft gerade auf diesem Lebensmodell aufgebaut. Es wird zum Film auch ein Panel mit mehreren Gästen geben. Wir wollen damit vor allem alternative Narrative von Familie sichtbar machen und auch Lösungsansätze finden. 

Karin Fornander, Gründerin der Berlin Feminist Film Week.
Karin Fornander, Gründerin der Berlin Feminist Film Week.Foto: Greta María Ásgeirsdóttir

Sie veranstalten auch Workshops wie "Golden Brown Girls Webseries". Warum ist es Ihnen wichtig, auch eine Art Ausbildungsprogramm anzubieten?

Wir wollen Frauen dazu ermutigen, ihre Geschichten zu erzählen – durch inspirierende Filme und durch praktische Workshops. Wie man einen kompletten Film dreht, lernt man natürlich nicht in zwei Stunden, aber Motivation oder Input für die Umsetzung eigener Ideen erhält man dadurch vielleicht schon. Natürlich muss man keine angehende Filmemacher*in sein, um die Workshops zu genießen. Aber auch so geben sie einen tieferen Einblick in die Welt des Feminismus und Filmemachens. Insgesamt finden wir es wichtig, dass nicht nur cis-Männer praktische Fähigkeiten beigebracht bekommen. 

Video
Josie Thaddeus-Johns, Aileen Pinkert, K arin Fornander, Nathalie Percellier und Naomi Beukes-Meyer auf der Berlin Feminist Film Week.
Berlin Feminist Film Week

Ein Workshop läuft unter dem Titel "Geschlechterkonstruktion in der Filmmontage".

In diesem Workshop zeigt die Diplomschnittmeisterin Susanne Foidl, wie wichtig die Montage für das Endergebnis eines Filmes ist. Im Montageprozess entscheidet sich ja meist, welche Szenen im Film bleiben, welche nicht – dadurch entstehen Zusammenhänge, die für den Diskurs der Filme sehr wichtig sind. Im Workshop bekommt man einen Einblick in die Arbeit des Schnitts und wie sich stereotype Darstellungen von Geschlecht hergestellt oder auch aufgelöst werden können. 

Welche Filme sollten Besucher*ìnnen nicht verpassen?

Viele unserer Filme sind dieses Jahr sehr persönlich. Die Doku „In Search...“ von Beryl Magoko ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Genitalverstümmelung. Ihr intimer Film erforscht, wie sie einen Umgang mit den psychischen und physischen Folgen sucht. Soll sie sich einer chirurgischen Rekonstruktion unterziehen oder nicht? Beryl Magoko wird beim Screening am Sonnabend auch dabei sein und über ihre Erfahrungen sprechen.

Der Dokumentarfilm "A Better Man" trifft Co-Regisseurin Attiya Khan ihren gewalttätigen Ex-Partner.
Der Dokumentarfilm "A Better Man" trifft Co-Regisseurin Attiya Khan ihren gewalttätigen Ex-Partner.Foto: berlin feminist film week

Es wird auch häusliche Gewalt thematisiert.

„A Better Man“ gibt einen sehr persönlichen Einblick in das Leben von Co-Regisseurin Attiya Khan, die am Sonntag auch zu Gast sein wird. Im Film trifft sich Attiya Khan mit ihrem Ex-Partner Steve, um mit ihm über die Misshandlungen, die er ihr zugefügt hat, zu sprechen. Der Dokumentarfilm eröffnet somit eine neue Perspektive auf häusliche Gewalt und die Möglichkeit der eigenen Auseinandersetzung und Genesung, vor allem mit Blick auf Verantwortung des Täters. Das erste Treffen der beiden filmte Attiya. Ein sehr wichtiger Film. Hoffentlich kommen nicht nur Frauen!

Die sechste Berlin Feminist Film Week findet vom 7. bis zum 13. März statt. Veranstaltungsorte sind das Kino Babylon in der Rosa-Luxemburg-Straße 30 und Berliner Union Film in der Oberlandstraße 26-35.




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Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

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