Berliner Gastprofessor Navtej Johar : Wie Indiens queere Community um Anerkennung kämpft

Im September 2018 schaffte Indien ein Gesetz ab, das Homosexualität kriminalisierte. Der Tänzer und Aktivist Navtej Johar erzählt in Berlin, wie es dazu kam.

Navtej Johar ist derzeit Gastprofessor an der Freien Universität Berlin.
Navtej Johar ist derzeit Gastprofessor an der Freien Universität Berlin.Foto: Tandon Sumedh

Navtej Johar beginnt mit zittriger Stimme aus einem Urteilstext des Obersten Gericht Indiens vorzulesen. „Section 377 ist irrational, willkürlich und unverständlich, da sie das Recht auf Gleichheit für die LGBT-Community beschränkt“, steht da. Dann versagt ihm die Stimme völlig. „An dieser Stelle werde ich immer emotional“, sagt Johar und fordert sein Publikum auf, selbst weiterzulesen. Man schulde den Mitgliedern der Gemeinde eine Entschuldigung, geht der Text weiter. Am 6. September 2018 hob das Gericht ein aus der Kolonialzeit stammendes Gesetz auf, das Homosexualität unter Gefängnisstrafe stellte. 1,3 Milliarden Menschen und damit 18 Prozent der Weltbevölkerung haben damit neue Freiheit gewonnen. Maßgeblich mitverantwortlich für dieses historische Urteil war der indische Tänzer und Choreograf Navtej Johar, der am Dienstagabend im Taz-Gebäude eine Queerlecture hielt. Er spreche zum ersten Mal öffentlich über diesen Sieg, sagt Johar. Auch deswegen sei er so emotional. „Ich habe noch nicht gefeiert“, sagt er.

Dieses Sommersemester hat Navtej Johar die Valeska-Gert-Gastprofessur inne, eine Kooperation des Instituts für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und der Akademie der Künste. An der FU unterrichtete er das Seminar „Poetisches Ambiente gestalten“, in dem er mit den teilnehmenden Studierenden der Tanzwissenschaft ein praktisches Verständnis der indischen bhava-rasa-Ästhetik entwickeln will. Hierbei geht es darum, eine poetische Atmosphäre zunächst zu erdenken, dann körperlich zu erfahren und schließlich zum Ausdruck zu bringen. Dies geschieht mithilfe von Bewegung, Stimme, Bild- und Textelementen. Das Ergebnis ihrer Arbeit präsentieren Johar und seine Studierende am 25. Juni in der Akademie der Künste.

Johar verbindet in seiner Arbeit traditionelle indische Tanzstile mit modernen Genres und kritischer Theorie. Es geht um Körperlichkeit, Sexualität und Geschlecht, aber auch um die Geschichte des indischen Tanzes und um Nationalismus. Neben seiner Tätigkeit als Tänzer, Choreograf und Professor ist Johar auch als Yogalehrer aktiv. 2013 ist er als LGBTI-Aktivist an die Öffentlichkeit getreten, an einem schwarzen Tag für die indische queere Community.  Gerade war ein Urteil von 2009 wieder gekippt worden, das die Section 377 eigentlich aufgehoben hatte. Homosexualität war damit wieder kriminell. Johar saß mit seiner Yogaschülerin, einer lesbischen Anwältin, beim Frühstück und beriet mit ihr, was sie tun konnte.  „Wir brauchen Gesichter“, sagte sie.  Also starteten sie eine Petition, an der auch Johar und sein langjähriger Partner, der Autor Sunil Mehra, teilnahmen und die schließlich zu dem historischen Urteil führte.  „Ich fühle mich wie ein zufälliger Held“, sagt Johar. Er sei einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Die Anerkennung hätten vor allem die Kämpferinnen und Kämpfer vor ihm verdient. So fand bereits 1999 in Kalkutta die erste Pride-Parade statt, im gleichen Jahr wurde erstmals eine „Gay Night“ in einem Nachtclub in Delhi veranstaltet. Johar dankt bei der Lecture auch der feministischen Bewegung Indiens. „Ohne sie wären wir heute nicht hier“, sagt er.

Ein „Coming of Age“ Indiens

Mit dem gekippten Gesetz könne die Polizei Homosexuelle nun nicht mehr so einfach belästigen und erpressen. Auf sein Leben habe das Urteil aber keine unmittelbaren Auswirkungen gehabt, erzählt Johar. Er habe trotz des offiziellen Verbots recht offen mit seinem Partner leben können. In Indien gäbe es nicht die gleiche Homophobie wie in westlichen Ländern, erläutert der Tänzer. In den Texten des Hinduismus würde Homosexualität nicht als Sünde behandelt, im Gegensatz zu den anderen drei Weltreligionen. „Es ist leichter, in Delhi Hand in Hand durch die Straßen zu gehen, als in New York City“, sagt Johar. Der Druck zu heiraten sei allerdings für Männer und für Frauen enorm, was oft zu Homofeindlichkeit führe. Die Abschaffung des Gesetzes sei auch eine „Dekolonisierung des indischen Geistes“, sagt Johar. Mit dem Gesetz hätte Großbritannien der indischen Gesellschaft 1861 ihre viktorianischen Moralvorstellungen aufgedrängt. Man habe die Weltsicht der Kolonialmacht internalisiert, sagt Johar. Dass das Gesetz jetzt abgeschafft wurde sieht er als ein „Coming of Age“ Indiens. Auch an indischen Schulen und Universitäten würde bereits viel für LGBTI-Akzeptanz getan.

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Doch Indien befinde sich in dunklen, schwierigen Zeiten, merkt Johar mit Bezug auf den Wahlsieg der nationalistischen BJP-Partei unter Premierminister Narendra Modi an. Das Urteil sieht er deswegen auch als Symbolpolitik.  „Manche Dinge werden erlaubt, damit andere verboten bleiben können“, sagt Johar. Es gelte nun, vehement gegen Misogynie, das Kastensystem und rassistische Islamfeindlichkeit zu kämpfen. Dies seien die brennende Kämpfe Indiens, wohingegen ihr Kampf fast kosmetisch wirke. Auch trans Menschen könnten in Indien zwar offener als im Westen, aber nur marginalisiert leben. Trotz der andauernden politischen Kämpfe fühlten sich Johar und seine Mitstreiter bei einem gemeinsamen Essen am Abend des Urteils anders. „Etwas hat sich bewegt“, sagt Johar. Seit 23 Jahren sind er und sein Partner ein Paar, nun sind sie es legal. „Wie sehr müssen sie sich noch lieben, damit ihre Liebe gültig ist?“, habe seine Anwältin während des Prozesses die Richter gefragt. Johar steigen bei der Erinnerung schon wieder Tränen in die Augen.

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