Dokumentarfilm über Musiktheaterliebende Schwule : Mit Rosa in die Oper

Wieso lieben so viele Schwule das Musiktheater? Der Berliner Regisseur Rosa von Praunheim geht der Sache in einer Arte-Dokumentation nach.

Tobias Bonn (li.) und Christoph Marti von den Die Geschwister Pfistern auf der Bühne der Komischen Oper Berlin in der Operette „Roxy und ihr Wunderteam”.
Tobias Bonn (li.) und Christoph Marti von den Die Geschwister Pfistern auf der Bühne der Komischen Oper Berlin in der Operette...Foto: Lorenz Haarmann

Vorsicht: Diesen Film gerade jetzt zu sehen, kann wehtun. Jetzt, wo alle Bühnen geschlossen, alle Festivals abgesagt sind. Wo wir auf einen Sommer ohne Musik zusteuern, ohne strahlende Soprane, heldische Tenöre, sinistre Baritone, ohne Drama, mit anderen Worten: ohne Oper.

Und da kommt Rosa von Praunheim und zeigt seine neuestes, 53 Minuten langes Werk, es läuft diesen Sonntag als Erstausstrahlung auf Arte. Eine Dokumentation, die so heißt wie ihr Sujet: „Operndiven – Operntunten“.

Werner Schroeter hat von Praunheim inspiriert

Da singt gleich in den ersten Sekunden die unsterbliche Maria Callas, verzaubert Sophie Koch in der Hosenrolle des Octavian im „Rosenkavalier“, hört man Edda Moser und ihre Arie der Königin der Nacht, die mit der Voyager-Sonde ins All reist.

Ja, es gibt Schlimmeres, als für ein paar Monate auf Oper zu verzichten. Und trotzdem ist es kaum auszuhalten.

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Dass Rosa von Praunheim in seinem Künstlerleben vor irgendwas zurückgeschreckt wäre, kann man wirklich nicht behaupten. Und trotzdem war er nie ein Opernliebhaber, ist ihm dieser Kosmos fremd geblieben. Die Leidenschaft seines Freundes, des 2010 verstorbenen Regisseurs Werner Schroeter, hat dann aber doch Spuren hinterlassen.

Nerds und Experten werden befragt

„Er machte mir bewusst, was eine Operntunte ist“, erklärt Praunheim gleich zu Beginn. Der Film ist Schroeter gewidmet; er versucht, eine simple Frage zu beantworten: Was ist es doch mit den Schwulen und der Oper? Woher kommt diese Faszination – natürlich nicht aller, aber doch gefühlt überdurchschnittlich vieler – homosexueller Männer nicht nur für hohe Stimmen, sondern für Musiktheater überhaupt?

Praunheim hält sich für seine Verhältnisse angenehm zurück, begnügt sich mit der Rolle des zum Staunen bereiten Forschers, befragt Männer, die es wissen müssen: Filmemacher Axel Ranisch, der bei ihm studiert hat und sich selbst als Opern-Nerd bezeichnet, Musikwissenschaftler Kevin Clarke, der New Yorker Autor Wayne Koestenbaum, der sich in „The Queen’s Throat“ (eine Anspielung darauf, dass die Stimmbänder rein äußerlich einer Vagina gleichen) mit dem Zusammenhang von Oper und Sexualität befasst hat.


Regisseur und Opernfan Axel Ranisch.
Regisseur und Opernfan Axel Ranisch.Foto: Lorenz Haamann

Feuilletonredakteur Tilman Krause sieht man stolz in seiner Bücher- und büstengeschmückten bildungsbürgerlichen Wohnung sitzen – ein fast wohltuend altmodischer Anblick angesichts all des häuslichen Schreckens, der sich in den Videoschalten des Corona-Zeitalters plötzlich offenbart (hat der britische Gesundheitsminister Matt Hancock wirklich die Queen als Uhr im Pop-Art-Stil an der Wand hängen?).

Barrie Kosky, derzeit wohl prominentester schwuler Opern-Nerd Berlins, erzählt, wie er Wagner mit seiner Inszenierung der „Meistersinger“ in Bayreuth regelrecht austreiben konnte. Oper, so seine These, sei die am weitesten von der Realität entkoppelte („disconnected“) Kunstform und gerade deshalb für schwule Männer attraktiv.

Oper verwandelt Schmerz wird in Schönheit

Es könnte auch die kontinuierliche Instabilität von Geschlechterrollen sein, die ihren Reiz ausmacht. Tilman Krause fühlt sich in den überschäumenden Emotionen einer Arie aufgehoben – viel stärker, als das in den drei Minuten eines Popsongs möglich sei.

Die vielleicht rührendste, auf jeden Fall am meisten zum Nachdenken anregende Erklärung für das Rätsel schwuler Opernliebe liefert die amerikanische Sopranistin Nadine Secunde, die in Bayreuth Elsa und Sieglinde gesungen hat: Ein Freund habe ihr erzählt, Oper verwandle „Schmerz in Schönheit“.

Unseren eigenen Schmerz über geschlossene Bühnen kann diese Dokumentation nicht lindern, sie steigert ihn nur. Aber was sie auch steigert, ist das Fieber, die Vorfreude, die Leidenschaft, die Dankbarkeit. Sie werden sich entladen, wenn das alles wieder möglich ist.
„Operndiven – Operntunten“, Sonntag 19. April um 23.05 Uhr auf Arte, bis 18. Mai in der Mediathek



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