Berlin blüht auf

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Frühe Homosexuellenbewegung : Berlins Coming-Out

Wenige Schritte sind es von Jens Doblers Büro zum Archiv, dem Herzen des Schwulen Museums. Vorbei an Ehrenamtlichen, die das Museum erst möglich machen, an Ausgaben vieler historischer Zeitschriften. Fahrstuhl ins Untergeschoss: das Lager. Dobler zieht einen grauen Karton aus einem der vielen hundert Fächer. „Das Jahrbuch der sexuellen Zwischenstufen“ steht darauf. Es ist eine der wichtigsten Publikationen aus der frühen Schwulenbewegung, von 1899 bis 1923 gab Magnus Hirschfeld das Jahrbuch heraus. Auf bräunlich-gelbem Papier finden sich frühe Erkenntnisse der Homosexuellenforschung. Aber auch viel Populärwissenschaft, Aufsätze, Zeichnungen.

„Die wichtigste Veröffentlichung war aber die hier.“ Dobler schließt ein Fach auf, in dem eine einzelne Broschüre lagert. Titel: „Was muss das Volk vom Dritten Geschlecht wissen“. Ein Aufklärungspamphlet, die wichtigsten Fakten auf 14 Seiten. In der Broschüre wird die angeborene Neigung zur Homosexualität erklärt, die restriktiven Strafgesetze. Eltern werden angesprochen: Auch Ihr Kind könnte homosexuell sein! Beispiele von bekannten Schwulen sind zu finden: Sokrates, Michelangelo, Friedrich der Große. Das Heft soll verständlich sein für den einfachen Bürger, „damit der die Regierung versteht, wenn sie auf diesen Paragraphen verzichtet“. Hirschfeld und sein WhK forderten dazu auf, das Pamphlet gratis zu verteilen, in Kneipen und Restaurants, in Zügen, bei Versammlungen. „Was muss das Volk …“ zielte auf weitestmögliche Verbreitung.

Berlins kulturelle und medizinische Elite unterschreibt Magnus Hirschfelds Petition

Das Heft endet mit einer Liste. Es sind die Namen all jener, die Hirschfelds Petition unterschrieben haben, mit Gründung des WhK begonnen und Jahr für Jahr wachsend. Bereits 1901 ist die Liste ein Glossar der medizinischen, literarischen und juristischen Prominenz des Kaiserreichs. Fünf Jahre später werden 5000 Namen auf der Liste stehen. Aus der Medizin Richard von Kraft-Ebing, Albert Moll, aus der Literatur Detlev von Liliencron, Gerhart Hauptmann, aus der Kunst Max Liebermann. Aus der Politik der Gründer der Sozialdemokratie, August Bebel, der die Petition im Reichstag erfolglos zur Debatte einbringt.

"Der Eigene", das erste Schwulenmagazin der Welt
"Der Eigene", das erste Schwulenmagazin der WeltFoto: Schwules Museum

Dobler legt das Heft zurück in den Schrank. Einige Fächer weiter lagert eine weitere Berliner Publikation. „Der Eigene“ steht darauf. Erstausgabe, 3. März 1896. Das erste Schwulenmagazin der Welt. Darin finden sich Essays, Gedichte, Rezensionen. Die Zeitschrift sieht sich als Sprachrohr einer intellektuellen, städtischen, schwulen Elite. Adolf Brand, Herausgeber von „Der Eigene“, kann nichts anfangen mit Hirschfelds wissenschaftlicher Methodik. Er ist ein Kämpfer, ein Ideologe. Brand geht im Gegensatz zu Hirschfeld offen mit seiner Homosexualität um. Für ihn ist die höchste Form der Liebe die zwischen zwei virilen Männern. Er entlehnt dabei der griechischen Ästhetik: Adonis, Diskobolos, Knabenliebe. „Der Eigene“ druckt Bilder von nackten Buben, setzt sich für Päderastie ein: Die Mentorenbeziehung zwischen Jugendlichen und älteren Männern – pädagogisch, finanziell, sexuell.

1903 gründet Brand in Berlin eine eigene Organisation, die „Gemeinschaft der Eigenen“. Darin wird er die „mannmännliche Liebe“, die pure Männlichkeit ins Zentrum stellen. Das Ziel aber bleibt dasselbe wie das des WhK: die Abschaffung des Paragrafen 175. Im Einsatz für die Sache schreckt er auch nicht davor zurück, einen Abgeordneten, der ihm widerspricht, mit einer Hundeleine zu peitschen. Er musste immer wieder ins Gefängnis und machte nach der Freilassung weiter. Er war ein Freigeist, aber nicht besonders intellektuell: Brand war Antisemit, weil es sich schickte, Antisemit zu sein; er war frauenfeindlich, weil Frauenfeindlichkeit die Norm war.

Magnus Hirschfeld gründet 1919 das Institut für Sexualwissenschaft im Tiergarten.
Magnus Hirschfeld gründet 1919 das Institut für Sexualwissenschaft im Tiergarten.Foto: Schwules Museum

Zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Reichstagswahl im März 1933, in der die Deutschen die NSDAP mit 43,9 Prozent in den Reichstag wählen, ist Berlin das weltweite Zentrum der Schwulen-, Lesben- und Transbewegung – eindrücklich beschrieben auch von dem US-Historiker Robert Beachy, dessen Buch „Das andere Berlin“ am 15. Juni im Siedler Verlag erscheint.

Das Zentrum dieses Zentrums ist heute: eine Wiese. Mitten im Tiergarten, nahe dem Haus der Kulturen der Welt, liegt ein einzelner Stolperstein, „Recha Tobias“ steht darauf, „geborene Hirschfeld“, eine Schwester des Institutsleiters.

„In den Zelten“ heißt damals die Straße durch den Tiergarten. Früher stand hier die Villa Joachim. Darin eröffnet Magnus Hirschfeld am 6. Juli 1919 das Institut für Sexualwissenschaft, die weltweit erste wissenschaftliche Einrichtung für Sexologie.

Am Institut wird direkt mit Patienten und Interessierten gearbeitet. Es gibt Sexualberatung: heterosexuelle Paare mit Eheproblemen, Homosexuelle, die nicht wissen, wie sie mit ihrer Veranlagung umgehen sollen. Menschen aus ganz Deutschland reisen an. Internationale Wissenschaftler residieren hier. Die Institutsbibliothek ist die wichtigste Sammlung sexualwissenschaftlicher Literatur der Welt. Es gibt offene Veranstaltungen, jeder darf Fragen stellen. Wer sich nicht traut, kann seine Frage anonym auf einen Zettel schreiben. Insgesamt 14 000 Fragen sollen eingegangen sein.

Lili Elbe ist die erste Frau, die sich einer Geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hat. Der operierende Arzt war ein Mitarbeiter von Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaften
Lili Elbe ist die erste Frau, die sich einer Geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hat. Der operierende Arzt war ein...Foto: Wikipedia, CC

Hirschfeld schreibt hier Medizingeschichte: etwa mit der Operation an der Dänin Lili Elbe, die einmal Einar Morgens Wegener hieß. Ludwig Levy-Lenz, ein Arzt des Hirschfeld-Instituts, führt 1930 an Elbe die erste geschlechtsangleichende OP der Weltgeschichte aus.

Die Dänin Lili Elbe hieß zuvor Einar Mogens Wegener.
Die Dänin Lili Elbe hieß zuvor Einar Mogens Wegener.Foto: Wikipedia, CC

In der Weimarer Zeit baut Hirschfeld neue Allianzen auf. Er arbeitet mit der stärker werdenden Frauenbewegung zusammen. Helene Stöcker, die Gründerin des Bundes für Mutterschutz und Sexualreform, ist oft im Institut zu Gast. Friedrich Radzuweit, Verleger des Lesbenmagazins „Die Freundin“ und der auflagenstärksten Homosexuellenzeitschrift „Blätter für Menschenrecht“ gründet den Bund für Menschenrecht. Sie arbeiten mit unterschiedlichen Mitteln, Idealen, Voraussetzungen. Ihr Ziel bleibt gleich: die Abschaffung des Paragrafen 175.

Frauenbewegung, Schwulenmagazine, Agitpropgruppen - alle gegen den Paragafen 175

Ein anderes Zentrum der Bewegung: der Bülowbogen. In der Bülowstraße 57, wo sich früher die Lesbenkneipe Dorian Gray befand, sind heute ein Hamam und eine Karaokebar. Tobias Schwabe liest aus „Der Eigene“ vor:

Wir sind im Westen Berlins in einer Diele ‚Dorian Gray‘, genannt nach dem Roman Oskar Wildes. Einschmeichelnde Musik, elegantes Publikum, bequeme Sessel; an den Wänden gefällige Scherenschnitte. Man genießt in aller Behaglichkeit den Anblick der Tänzerpaare und freut sich über die Elastizität und die Geschmeidigkeit der jungen Gestalten. Auch Damen von beinahe männlichem Aussehen, mit forschen, vielleicht allzu forschen Bewegungen.

„Hier entstand direkt nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ein Regenbogenkiez“, sagt Schwabe. Der 39-jährige Museumspädagoge bietet historische Touren in Berlin an. Er erzählt, wie sich damals in der Bülowstraße eine Bar an die nächste reiht, dazu kamen Tanzpaläste, die ebenfalls offen homosexuelles Publikum ansprechen.

Das schwule und lesbische Berlin der Zwanziger Jahre
Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger war das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Hier trafen sich Homos und Heteros, Berliner und Touristen. "Zwischen den Tänzen, bei denen auch der Normale sich den pikanten Genuss leisten kann, mit einem effeminierten Manne in Frauenkleidern zu tanzen, gibt es Brettldarbietungen. Eine männliche Chanteuse singt mit ihrem schrillen Sopran  zweideutige Pariser Chansons", schrieb ein Reiseführer durch das "lasterhafte Berlin". Neben dem Stammsitz in der Lutherstraße eröffnete wegen des rauschenden Erfolges im Jahr 1928 eine Zweitniederlassung an der Ecke Kalkreuthstraße/Motzstraße, die dieses Bild im Jahr 1932 zeigt. In der Szene war das Eldorado durchaus umstritten: Homosexuelle würden hier vor einem heterosexuellen Publikum zur Schau gestellt, hieß es.Weitere Bilder anzeigen
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30.04.2015 15:06Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger war das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die...

Vom Bülowbogen über den Viktoria-Luise-Platz bis zum Wittenbergplatz zieht sich der Kiez in den 20er Jahren. Es ist das größte Schwulen- und Lesbenviertel der Welt. Schon deshalb, weil es nirgends etwas Vergleichbares gibt.

Magnus Hirschfeld schrieb das Drehbuch für den ersten Film mit schwuler Thematik, "Anders als die Anderen", von 1919.
Magnus Hirschfeld schrieb das Drehbuch für den ersten Film mit schwuler Thematik, "Anders als die Anderen", von 1919.Foto: Landesarchiv Berlin

Im Weimarer Berlin erscheinen 30 verschiedene Zeitschriften für eine homosexuelle Leserschaft, weltweit gab es nur zwei weitere, eine in Chicago, eine in Paris. „Die Freundschaft“ und „Blätter für Menschenrecht“, die beiden wohl auflagenstärksten Publikationen, hatten eine Verbreitung von mehreren zehntausend. 132 homosexuelle Cafés und Bars soll es in Berlin geben. 1919 wird in Berlin der Film „Anders als die Andern“ aufgeführt, geschrieben von Magnus Hirschfeld – der erste Film, der offen das Thema Homosexualität behandelt. 100 000 Schwule und Lesben leben laut Hirschfelds Schätzungen in Berlin; die Franzosen nennen Homosexualität die „vice allemande“, für Italiener ist ein Schwuler ein „Berlinese“.

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