Das erste Treffen mit dem Vater seit drei Jahren

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Jayrôme C. Robinets Autobiografie : Wie sich ein trans Mann bei seiner ahnungslosen Familie outet
Der Berliner Autor Jayrôme C. Robinet.
Der Berliner Autor Jayrôme C. Robinet.Foto:Ali Ghandtschi

Wie ist es so mit der Transition im Alltag? Was sagt das Gesetz? Womit hast du persönlich zu kämpfen, oder transgeschlechtliche Personen generell? Wie können wir dich unterstützen? Wie kannst du uns unterstützen? Ja, was müssen wir eigentlich tun und wissen, um mit der Situation gut umgehen zu können? Um auf die Reaktionen aus unserem Umfeld vorbereitet zu sein? Das sind Fragen, die ich mir von ihnen wünsche. Aber auch ich bin nicht in der Lage, sie zu formulieren.

In meinem früheren Schlafzimmer steht noch mein altes Bett am Fenster. Nervosität macht sich in mir breit. Seit drei Jahren habe ich meinen Vater nicht mehr gesehen, und morgen ist es so weit.

Als ich aufwache, ist es schwül, das Fenster steht weit offen. Ich lausche dem Rauschen der Autos. Wie konnte ich mir als Kind nur vorstellen, das sei das Meer? Ich rieche den Dunst von Spiritus und weiß, dass mein Vater da ist. Früher war jeden Samstag putzen angesagt. „Sauberkeit!“, rief er. „Sauberkeit!“, riefen alle vier Wände.

Ich ziehe mir die Daunendecke über den Kopf. Die Decke und ich wollen nicht erwachsen werden. Ich schlendere ins Wohnzimmer. Ich komme mir vor wie jemand, der aus Versehen für den Papst gehalten wird und nun vom Balkon des Petersdoms die Osterrede halten muss. Alle TV-Kameras sind bereit, Kardinäle und Erzbischöfe, Pilger und Journalisten erwarten mich, Millionen Menschen jubeln mir zu. Und weil ich diese Leute nicht enttäuschen will, werde ich die scheiß Rede halten, obwohl ich weder weiß, was ich sagen soll, noch den Knigge für den Papstbalkon kenne.

Meine Hand liegt auf der Klinke der Küchentür. Manchmal ist eine Klinke die schwerste Hantel der Welt. Wie wird mein Vater reagieren? Ich betrachte die Risse an der Wand. Die staubigen Fenster. Den wackeligen Couchtisch. Viola taucht auf, frisch geduscht, die Haare noch nass. Sie riecht nach Aprikosen-Shampoo und trägt ein rotes T-Shirt, was ich nicht so richtig passend für eine Beerdigung finde. Vielleicht bin ich einfach zu altmodisch.

Plötzlich weiß er nicht mehr, wer er ist

„Alles klar?“ Ich kenne diesen Ton, der bei uns in der Familie bedeutet: „Bitte sag mir, dass alles in Ordnung ist, weil ich nicht damit umgehen kann, wenn es dir schlecht geht. „Alles klar.

„Hast du Papa schon gesehen?“ „Nein.“ „Sollen wir zusammen rein?“ „Ja.“ Ballast fällt ab. „Komm!“ Prompt öffnet Viola die Tür und betritt die Küche mit einem übertrieben fröhlichen „Bonjour!.. Ich bin überrascht, dass das so schnell ging, und bleibe hinter ihr zurück. Nun brauche ich nur noch reinzugehen. Alle sitzen an dem sonnenblumengelben Tisch aus Resopal, wie bei einer Beschäftigungstherapie. Ich bin der Einzige, der schwarze Kleidung tr.gt. Mein Vater rollt Teig mit dem Nudelholz aus, meine Mutter fettet das Backblech, meine Schwester schneidet Mozzarella in Stücke, und mein Bruder rührt mit einer Kelle in der Tomatensoße. Diese Bilderbuchfamilie existiert nicht. Seit ich denken kann, habe ich sie nicht so harmonisch funktionieren sehen.

Mein Vater wischt sich die Hände an seiner Schürze ab. Er öffnet die Arme, und ich werfe mich hinein, schon allein, damit er mich nicht so aufmerksam anschauen kann. Ich spüre seinen Bierbauch, und das ist mir unangenehm. „Willst du einen Kaffee?“, fragt er. Er hat ein bisschen Mehl an der Wange. Ich nicke.

 Als ich den Schrank mit den Tassen öffne, spüre ich alle Blicke auf mir. Auf dem unteren Brett stehen Frühstücksschalen aus der Normandie: Jedes Kind bekam damals eine eigene mit seinem Vornamen darauf. Plötzlich weiß ich nicht mehr, wie ich mich natürlich bewege. Ich ahne, dass wir nicht über meine Transition reden werden. Gleich findet eine Beerdigung statt, unsere Sterblichkeit schwebt über uns, und es scheint, als ob alles, was gerade zählt, ist, dass ich da bin und am Leben.

Nach dem Essen kommt Onkel Fausto mit seiner Frau und meinem Cousin vorbei, weil nicht die komplette Familie Robinet in den schwarzen Peugeot passt. Fausto drückt mich. „Mais qu’t’es beau!“ Und ich dachte, Schönheit würde bei Männern keine Rolle spielen.

 Die Nachricht hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet

„Arschloch!“ Fausto haut aufs Lenkrad. „Ist gut!“, sagt meine Tante neben mir auf dem Rücksitz. „Siehst du den Typen im Fiat? Telefoniert am Steuer!“ Ich spüre, wie meine Tante mich immer wieder aus dem Augenwinkel mustert. Fausto umklammert nervös das Lenkrad. Die Beerdigung ist gleich, und wir stehen im Stau. Auch ich will ankommen, andererseits erwartet mich in der Trauerhalle meine Großfamilie. Meine Mutter hat acht Geschwister, die alle zwei oder drei Kinder haben, meine Familie ist eine Kleinstadt in der Stadt. Ich frage mich, ob mein Onkel so wütend ist, weil sein Bruder bei einem Autounfall gestorben ist. Im Rückspiegel sucht er meinen Blick. „Lebst noch in Berlin?“ „Ja.“ „Warum?“ „Ist toll.“ Die Stille danach wird nur noch vom Summen einer Fliege durchbrochen.  

Vor der Trauerhalle hat sich eine kleine Gruppe in dunkler Kleidung versammelt. Mein Mund ist trocken. Mein Onkel Antonello klopft gerade den Dreck seiner Stiefel auf der Vortreppe ab, tap-tap. Die Bewegung hat etwas erstaunlich Gewöhnliches. Plötzlich sieht er mich. Er öffnet die Arme. Die Nachricht hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Nun werde ich von allen Seiten umarmt, Leute ziehen mich an sich. Du siehst gut aus! Er sieht gut aus! Jetzt bin ich dran! Ich will ihn auch drücken! Dieses Gefühl, das tief in meiner Kehle saß, der Kloß, der meine Atmung beeinträchtigte, ist plötzlich weg. Ich stehe da, glücklich, auf einer Beerdigung.

„Hast du Enzo schon gesehen?“, fragt mein Onkel Giuseppe. Ich schüttele den Kopf. „Du musst zu ihm. Er hätte dich, so wie du jetzt bist … Er hätte dich so gern gesehen.“ Ich beiße die Zähne zusammen und muss dann doch heulen. Schließlich stehe ich in der Trauerhalle vor Enzo. Er liegt da, in seinen Sarg gebettet, sein Gesicht ist eingefallen, und man sieht ein Hämatom auf der linken Wange, aber seine Haare sind schön gekämmt, die Hände ineinandergelegt. Ich will Widerspruch erheben, nein, das stimmt nicht, mein Onkel ist nicht tot! Er duftet nicht mehr nach Pizza und Mehl, der Geruch von Trauerblumen, Trauerkränzen und Grabgestecken überdeckt sowieso alles. Und dann stelle ich mich einem Verstorbenen vor. „Enzo … voilà … c’est moi … Jayrôme …“

 Die Oma sagt: "Du bist hässlich" und lächelt

„Jayrôme! Viens!“ Beim Leichenschmaus packt mich meine Tante Silvana bei der Hand und führt mich zur Frau meines Cousins. „Tu sais c’est qui?“ Die Frau meines Cousins schluckt ihren Pflaumenkuchen herunter, wischt sich mit einer Serviette über den Mund, beäugt mich und runzelt die Stirn. Den Zeigefinger mit dem Henkel ihrer Kaffeetasse verhakt, beginnt sie die männlichen Familienmitglieder in meinem – von ihr geschätzten – Alter aufzuzählen. Irgendwann kommt sie nicht mehr weiter: „Komm, hilf mir!“ „C’est le fils à Elena.“ „Elenas Sohn?“ Sie nippt an ihrem Kaffee. .Didier? Aber Didier habe ich vorhin doch gesehen…“ „Non, pas Didier.“ „Elena hat zwei Söhne?“ Bevor die Frau meines Cousins es verstehen kann, zieht mich meine Tante weiter.

Plötzlich stehe ich vor meiner Nonna. Sie ist klein und zierlich und ganz in Schwarz gekleidet, halb versunken in einen Ohrensessel, umgeben von Söhnen und Schwiegertöchtern und Enkelkindern. Meine Tante ruft: „Maman! Regarde!“ Meine Nonna hebt die Augen, sie schaut in meine Richtung und sieht durch mich hindurch. Doch plötzlich verändert sich ihr Blick. „Ma … vieni qui!. Ich gehe auf die Knie und glaube, dass sie mir gleich in die Wange kneifen wird. Stattdessen legt sie beide Hände auf meinen Kopf. Dann hebt sie die Hand und holt zu einer Ohrfeige aus, während ihre Augen leuchten und „du Witzbold“ sagen. „Du bist hässlich!“, sagt sie und lächelt. „Deine Zähne … ich erkenne deine Zähne.“ „Nonna … hast du … hast du Fragen?“ Ihre Finger fahren durch die Luft und scheinen dort nach etwas greifen zu wollen. „Ich bin nicht gut im Reden … aber in meinem Herzen … Capito?“ Würde sie mir doch nur doll in die Wange kneifen.

Am nächsten Tag hat mein Onkel Luigi zum Abendessen eingeladen. Wer am langen Tisch nicht laut genug redet, hat keine Chance. Luigi stellt einen riesigen Topf mit Spaghetti Bolognese in die Mitte des Tisches. „Du hättest wenigstens einen italienischen Vornamen wählen können!“ Er schlägt mir mit der flachen Hand auf den Rücken. „Ist noch nichts Offizielles", sage ich, um Luigi nicht zu enttäuschen.

Homo, hetero oder bi?

Mitten im Spaghetti-Drehen hält seine Frau plötzlich inne und schaut mich an. „Darf ich dich was fragen?“ Es wird ungewöhnlich still am Tisch. „Klar.“ „Früher … also früher warst du lesbisch … oder?“ „Jein.“

„Hat sich das verändert? Also hat sich jetzt deine … bist du … ist es jetzt anders?" „Der kann jetzt nicht mehr lesbisch sein!., brummt Luigi und schmatzt. „Der kann aber immer noch Frauen lieben!“ „Ja, aber dann … dann ist er …“ „Hetero", sage ich und grinse. Ich drehe eine Gabel Spaghetti auf. „Sagen wir mal so.“ erkläre ich mit vollem Mund, "… mag immer noch Frauen. Aber früher, als Frau, war ich dann lesbisch. Und heute, als Mann, gelte ich als hetero." Ich tupfe mir mit der Serviette die Bolognese aus den Mundwinkeln. „Also hat sich meine eigene Orientierung gar nicht verändert, nur die Bezeichnung, und zwar um hundertachtzig Grad: von homo zu hetero.“

„Siehst du., sagt Luigis Frau mit einem vielsagenden Blick zu ihrem Mann. „Aber im Grunde bin ich eh bi. Und das war ich auch schon vorher. Also alles beim Alten.“ „Ach ja.“ „Waouh les muscles., sagt mein Onkel Giovanni. "Zeig mal!" Er spannt seinen Bizeps an und fordert mich auf, das Gleiche zu tun. Ich sehe seine Bewunderung und spüre eine Art Genugtuung, die mich selbst überrascht. „Wettkampf?“, sagt er plötzlich. „Komm!“ Wir legen uns auf den Bauch, Beine ausgestreckt, Blick Richtung Boden. Ich denke an meine queeren Leute in Berlin, die einen Liegestütz-Wettkampf sicher verurteilen würden, und das ist mir in dieser Sekunde egal. Ich weiß, dass dies die Art meiner Onkel ist, mich als Mann in der Familie willkommen zu heißen. In meinem Kopf spielt "Eye of the Tiger". Luigi gibt den Startpfiff. Ich strecke meine Arme. Ich gehe jedes Mal so weit herunter, dass meine Brust fast den Boden berührt. Ob Männer bei Liegestützen den Boden zuerst mit ihrem Penis berühren? Oh Gott, ich sollte nicht über den Penis meines Onkels nachdenken. Luigi zählt, die Tanten und Cousinen feuern uns an. Mein Kopf ist rot, kurz davor, zu explodieren. Egal, ich mache weiter, ein Liegestütz nach dem anderen. Ich strenge mich an, was das Zeug hält. Ich höre Giovanni, wie er Luft holt, regelmäßg und sauber. Ich kann nicht mehr. Kann man von Liegestützen sterben? Ich breche erschöpft auf den Kacheln zusammen. Besiegt, aber glücklich.

aus: Jayrôme Robinet: „Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“, Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München, 224 S., 20 €. Das Buch erscheint am 18. Februar.

Buchpremiere am 29. März umd 20.30 Uhr in der Buchhandlung Eisenherz, Motzstr. 23.

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