Jeremie Tille ist der jüngste Organisator eines CSDs : Ein Zeichen für die Prignitz setzen

Jeremie Tille ist 19 und will den ersten CSD in der Prignitz auf die Beine stellen - auch um queere Jugendliche in der Region zu unterstützen.

Jeremie Tille organisiert den CSD in der Prignitz.
Jeremie Tille organisiert den CSD in der Prignitz.Foto: privat

Wie sehr queere Jugendliche auch heutzutage manchmal diskriminiert werden, erfuhr Jeremie Tille schon in der fünften Klasse. An eine Bande auf dem Sportplatz seiner Schule in Pritzwalk hatte damals jemand „Jeremie ist eine Schwuchtel“ gesprüht.

Tille ging zu einer Lehrerin, er wollte sich beschweren und sie bitten dafür zu sorgen, dass die Beleidigung entfernt wird.

„Doch die sagte nur: Wenn es Dich stört – hier ist Schleifpapier, Du kannst es ja wegmachen“, erzählt Tille. „Ich habe das dann gemacht.“ Man merkt selbst am Telefon, wie sehr ihn dieser Angriff auf seine Identität bis heute erschüttert.

Ein CSD für die Prignitz

Inzwischen ist Tille 19, macht gerade sein Fachabitur – und er ist wahrscheinlich der jüngste Organisator eines Christopher Street Days in Deutschland überhaupt.

Tille und einige seiner Freundinnen und Freunde vom Jugendforum Prignitz wollen eine Demonstration für die Rechte queerer Menschen in der Prignitz auf die Beine stellen, der Region ganz im Nordwesten Brandenburgs.

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„Wir wollen ein Zeichen setzen, sagt Tille. Er arbeitet ehrenamtlich beim Jugendforum, und täglich bekomme er Nachrichten von Jugendlichen, die wegen ihres Schwulseins oder Lesbischseins Probleme haben.

Probleme mit dem Coming Out in ländlichen Regionen

Sei es, weil sie in der Schule gemobbt werden, oder weil es mit dem Coming Out gerade in ländlichen Regionen nicht so einfach ist, wie sich das manche in der Großstadt vielleicht vorstellen. „Und natürlich wollen wir auch mit Menschen in den Austausch kommen, die keine Ahnung von verschiedenen Sexualitäten haben.“

Details zum CSD will Tille zwar noch nicht erzählen – noch befinde man sich in der Vorbereitungsphase. Gespräche mit Behörden und Geldgebern laufen. Nur dass der Umzug am 27. Juni in Wittenberge stattfinden soll, steht schon fest: „Das ist die Stadt in der Prignitz, die am besten mit dem Zug erreichbar ist“.

Es wäre der CSD durch die kleinste Stadt

Es wäre auf jeden Fall der CSD, der bundesweit durch die kleinste Stadt zieht. Wittenberge mit seinen knapp 20.000 Einwohnenden würde damit Falkensee ablösen, das im vergangenen Jahr seinen ersten CSD feierte.

Als Tille in die Oberschule wechselte, hoffte er, das Mobbing würde aufhören – jedoch vergeblich. Unterstützung bekam er dann ausgerechnet von dem bisexuell lebenden Promi Julian F.M. Stoeckel. Tille ist ein großer Fan von Stoeckel, seitdem dieser 2014 im Dschungelcamp auftrat: „Ich fand ihn toll, weil er so anders war.“

Tille kontaktierte Stoeckel auf Instagram, dieser sprach ihm Mut zu. „Umso kleiner die Stadt, umso kleiner der Horizont“, zitiert Tille ihn. Zu seinem 18. Geburtstag besuchte ihn Stoeckel sogar – Tilles Freunde hatten ihn als Überraschung eingeladen.

Vor allem Jugendliche organisieren den CSD

Die Idee für den CSD kam Tille auf einer Weiterbildung für Kinder- und Jugendbeteiligungsmoderatoren. Dort sollten die Teilnehmenden ein Projekt entwickeln, das ihnen in der Region fehlt.

Dass es jetzt vor allem Jugendliche sind, die den CSD organisieren, macht Tille besonders stolz. Praktisch täglich ist das Jugendforum Prignitz inzwischen in Kontakt mit Unterstützern und Verantwortlichen, um den Umzug möglich zu machen –mit einer enormen Resonanz, wie er sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass es so viele positive Reaktionen auf unsere Initiative gibt.“

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