Kinder von Nazi-Opfern : Leidvolles Erbe

Ihr Vater ist als Homosexueller von den Nazis ins KZ gesteckt worden. Zu seinen Lebzeiten hat Petra Hörig es nie erfahren. Heute versteht sie, dass sich sein Trauma auf sie und ihre Brüder übertragen hat.

Petra Hörig als kleines Kind mit ihrem Vater im Sanatorium . Foto: privat
Petra Hörig als kleines Kind mit ihrem Vater im Sanatorium .Foto: privat

Im Wohnzimmer ihrer Altbauwohnung mit Blick auf den Kreuzberger Wasserturm zeigt Petra Hörig ihr Lieblingsfoto von ihrem Vater. Es ist aus den 1950er Jahren, strahlend und sonnengebräunt liegt Horst Hörig in einem Sanatorium in Ostfriesland. Auf der Bettkante schaut die kleine Petra mit dicken Backen in die Kamera. Zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr wuchs sie wegen ihrer Tuberkulose auf der Kinderstation auf, er lag auf der Männerstation. Ihr Vater hatte sie mit der Krankheit angesteckt, die er sich im Konzentrationslager zugezogen hatte.

„Wie wohl muss er sich in diesem Bett gefühlt haben!“, sagt die 65-Jährige heute. „Nach all den Schrecken der Verfolgung in Haft und im KZ. Es regnete nicht rein, es war warm, sauber, es gab kein Ungeziefer und etwas zu essen.“ Als Kind wusste sie nichts von dem, was ihr Vater durchgemacht hatte. Sie genoss es einfach, seine „Lieblingstochter“ zu sein und verwöhnt zu werden.

Dieser Glücksphase folgte der Suizid des Vaters 1961 und später ihrer Brüder 1979 und 1983, die beiden starben jeweils im Alter von 22 und 27 Jahren. Noch viele Jahre dauerte es, bis Petra Hörig anfing, einen Zusammenhang zwischen den Problemen ihrer Familie und der lange verschwiegenen Haft des Vaters herzustellen.

Das sei typisch für betroffene Familien, sagt die Psychologin Susanne Guski-Leinwand: „Die emotionale Einschränkung, die verfolgte Eltern zum Überleben nötig hatten, wirkt auf ihre Kinder nach. Die Folgen sind allerdings oft diffus und untypisch in der Symptomatik, sodass der intergenerationelle Zusammenhang nicht immer leicht zu erkennen ist.“

Diese Woche spricht sie auf einer Tagung des Bundesverbands Information und Beratung für NS-Verfolgte über das Thema: die Weitergabe von NS-Traumata an die sogenannte „Zweite Generation“. An den offenen Veranstaltungen können alle Interessierten im Festsaal der Berliner Stadtmission in Moabit teilnehmen.

Als Kind registrierte Petra Hörig bereits, dass einiges in ihrer Familie nicht stimmte. Unverständlich waren ihr die plötzlichen Wutausbrüche des Vaters, wenn er die kleine Schwester verprügelte. Oder die riesige Narbe auf seinem Rücken, die sie entdeckte, als sie einmal die unverschlossene Tür vom Bad versehentlich öffnete. Warum ihr kranker Vater die Fürsorgerin, die regelmäßig vom Gesundheitsamt kam, immer mit Vehemenz und Geschrei aus dem Hause schmiss, verstand Petra Hörig später: „Sie war eine Nazisse.“

„Viel später ist mir bewusst geworden, dass er hochgradig depressiv war“, sagt seine Tochter. „Er konnte nicht über seine Verfolgung reden. Schon deswegen nicht, weil er den Grund hätte verraten müssen.“ Horst Hörig wurde von den Nazis als Homosexueller verfolgt. Der Paragraf 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, galt auch nach dem Krieg in der Bundesrepublik weiter – er wurde erst 1994 ersatzlos gestrichen.

Um sich zu schützen, besorgte sich Horst Hörig nach Kriegsende falsche Papiere. Er hoffte, alle Spuren seiner Vergangenheit zu verwischen. Als „Heinz Müller“ heiratete er Petras Mutter im Dezember 1947 in Thüringen. Mit ihr hatte er sechs Kinder. Bereits 1936 hatte er eine uneheliche Tochter bekommen, die er anerkannte. „Ich kann nicht sagen, welche geschlechtliche Orientierung zu welchem Zeitpunkt bei meinem Vater die stärkste war“, sagt Petra Hörig.

Im Jahr 1949 wird Heinz Müller durch einen Bekannten als Horst Hörig entlarvt. Er muss ins Gefängnis wegen Identitätsfälschung. Das Gericht besorgt sich seinen Strafregisterauszug, und seine ganzes Umfeld erfährt, dass er früher als „175er“ bestraft worden war.

Aus einem vollen Ordner zieht die resolute Kreuzbergerin – sie trägt Perlenohrringe, knallroten Lippenstift und Nagellack – ein Aktenblatt hervor, das die Strafen ihres Vaters auflistet. Ihre Sätze werden knackiger, beinahe wie im Telegrammstil: „1914 geboren. Mit 9 stirbt die Mutter, sein Vater gründet eine neue Familie. Er wird als Jugendlicher auffällig und landet in der Fürsorgeerziehung – mit anderen Worten: schwarze Pädagogik. Später bei der Gestapo als Stricher registriert. Bei einer großen Razzia gegen Homosexuelle im Dezember 1934 in Berlin verhaftet und bis Juni 1935 im KZ Lichtenburg zur ,Umerziehung‘. 1937 die erste Haftstrafe nach Paragraf 175 – ein Jahr lang.“

Ihren Vater will Petra Hörig trotz seiner Verfolgung nicht idealisieren: „Klar muss er auch dunkle Seiten gehabt haben. Sonst hätte er alles nicht überlebt. Er konnte gut Geschichten erzählen und war schlau, so hat er sich durchgeschlagen. Aber aus keiner Akte ist zu erfahren, dass er jemanden verraten hätte.“ 1939 muss er für vier Jahre ins Zuchthaus wegen Urkundenfälschung. Zwischendurch unterzieht die Gestapo ihn einem „verschärften Verhör“ – ein Codename für Folter –, weil sein Name im Tagebuch eines anderen Homosexuellen gefunden wurde. „Seine Unterschrift sah vorher anders aus als nachher“, sagt Petra Hörig.

Nachdem er seine Haftstrafe abgesessen hat, wird Horst Hörig 1944 nicht entlassen, sondern als sogenannter Schutzhäftling ins KZ Sachsenhausen überführt. Dahinter verbirgt sich eine paranoide Vorstellung aus der NS-Propaganda: dass Homosexualität eine Seuche sei, vor der die Volksgemeinschaft geschützt werden müsse. Im KZ wurden die „175er“ mit einem angenähten „Rosa Winkel“ in gesonderten Baracken untergebracht. Das Überleben ihres Vaters erklärt sich Petra Hörig dadurch, dass er im Krankenrevier als Schreiber gebraucht wurde. „Dort gab es einen SS-Arzt, der homosexuell war. Ich gehe davon aus, dass er ihm geholfen hat.“

Petra Hörig in ihrer Berliner Wohnung.
Petra Hörig in ihrer Berliner Wohnung.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

All diese Fakten hätte die ehemalige Angestellte der FU Berlin gern früher erfahren. Ihre Mutter schwieg darüber bis zu ihrem Tod. Als die Homosexualität ihres Mannes in ihrem ostdeutschen Heimatort 1949 bekannt wurde, schämte sie sich so sehr, dass sie lieber mit ihm in ein kleines Dorf nach Niedersachsen flüchtete. „Dort hatten wir kein Telefon, und meine Mutter tat nach dem Tod meines Vaters alles, damit der Name Hörig nirgendwo öffentlich auftauchte. Als ich mit 14 in einer Lokalzeitung schreiben durfte, war sie sehr beunruhigt, anstatt sich für mich zu freuen“, erzählt Petra Hörig. Die Tochter spürte, dass es um ihren Vater „unterschwellig etwas gab“, was sie nicht wissen durfte. „Nach seinem Tod wurde nicht mehr über ihn geredet. Meine Mutter hat ihn negiert.“

Am meisten hätten ihre beiden Brüder Horst und Dieter unter der familiären Verdrängung gelitten. „Für sie war es besonders schwer, ohne männliche Identifikationsfigur aufzuwachsen.“ Dass es eine Verbindung zwischen ihrem Schicksal und der Depression des Vaters geben könnte, das war nie ein Thema in der Familie. „Noch heute habe ich Verwandte, die lieber von einem Unfall als von einem Suizid meiner Brüder reden.“

Der israelische Psychotherapeut Natan P. F. Kellermann ist überzeugt, dass „der Verfolgungskomplex der Eltern auch den Nachwuchs über Generationen hinweg infizieren kann“. Er benutzt dafür den Begriff der „neurobiologischen oder epigenetischen Vererbung“: Eltern könnten „jegliche Arten von Konflikten, Leidens- und Lernprozessen, posttraumatische Emotionen, sogar einen Gemütszustand oder Angst, Leiden und Vulnerabilität im Allgemeinen weiterreichen“.

Es führe zu einer ähnlichen „DNA-Markierung“ unter den Nachkommen, die zurückentwickelt werden könne, „wenn der Druck der Umgebung wegfällt“. Schweigen, emotionale Abstumpfung, eine potenzielle Gewaltneigung, all das können auch Merkmale in NS-Täter-Familien sein. Was in Verfolgten-Familien ähnlich aussehen mag, hat einen anderen Hintergrund, sagt der Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen: „Der Täter schweigt, um seine Schuld zu verbergen, während der Verfolgte es tut, um seine Kinder und sich selber vor der Erinnerung des Schrecklichen zu schützen.“

Die Gewaltausbrüche der Eltern, die auch Petra Hörig erlebte, haben bei Peinigern und Gepeinigten eine andere Bedeutung: Beim Täter bilden sie eine Kontinuität, um über andere Menschen eine grenzenlose Macht auszuüben. Die Gewalt der verfolgten Eltern drückt hingegen etwas von der geronnenen Verzweiflung aus – geronnen, weil sie keinen anderen Ausdruck gefunden hat. Unbewusst spüren Kinder oft diese Verzweiflung der Eltern.

Vor dem „Familiendrama“ rettete sich Petra Hörig, indem sie mit 18 zu einem befreundeten Ehepaar zog. Bei ihm konnte sie ihr Abitur in Ruhe machen und ihr Leben neu ordnen. „Ohne sie würde ich heute nicht hier sitzen.“ Als junge Frau jobbte Petra Hörig in einer Schöneberger Schwulen-Bar, in dieser Zeit dachte sie manchmal, dass ihr Vater ein Nazi gewesen sei. Sie suchte in Archiven, aber fand nichts, was ein Licht auf sein Leben während der Hitler-Diktatur warf.

Erst als sie 2000 in Frührente ging, hatte sie mehr Zeit, um gründlich zu recherchieren. In einem Thüringer Archiv stieß sie schließlich auf Akten über seine Verfolgung im Nationalsozialismus. Wieder zurück in ihrem niedersächsischen Heimatdorf Grafeld, hörte sie die Geschichte, dass ihr Vater dort in einer Kneipe geprahlt habe, er sei in der Leibstandarte Adolf Hitler gewesen. „Er war ein großer, kräftiger Mann, das passte. Vor allem war es perfekt, um von den vielen Nazis, die es lange noch nach Kriegsende im Dorf gab, in Ruhe gelassen zu werden.“ Seit 2005 ist die Rentnerin Mitglied im Förderverein der Gedenkstätte Sachsenhausen und hält Vorträge über ihre Familie.

Vom Leid ihres Vaters hat Petra Hörig heute noch körperliche Schäden. „Vor drei Jahren konnte ich wegen meiner schlechten Atmung meine Schuhe nicht mehr schnüren.“ Ein Arzt habe ihr vor Jahren prophezeit, dass sie mit 40 keine Treppen mehr hochlaufen könne. Dank guter Pflege und weil sie seit ein paar Jahren den Winter in wärmeren Regionen verbringt, geht es ihr besser.

Die Kreuzbergerin hat einen Entschädigungsantrag gestellt – aufgrund der Auswirkungen der väterlichen NS-Verfolgung auf die Familie. Er wurde vor Kurzem abgelehnt: „Ich würde angeblich nicht zur Zielgruppe gehören.“ Sie hat Widerspruch eingereicht.

- Die Konferenz „Zweite Generation 2015“ findet am 15./16. Juni in Berlin statt. Eine Ausstellung zum Thema „Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft – Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit“ läuft noch bis zum 30. Juni im Rathaus Treptow.ie Konferenz „Zweite Generation 2015“ findet am 15./16. Juni in Berlin statt. Eine Ausstellung zum Thema „Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft – Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit“ läuft noch bis zum 30. Juni im Rathaus Treptow.

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