LGBT-Netzwerke in Berlin : "Lesben werden in Firmen oft doppelt diskriminiert"

Für queere Arbeitnehmer*innen macht sich ein Netzwerk von LGBT-Gruppen stark. Ein Gespräch mit Mitgründerin Celine Bordin über offene und subtile Diskriminierungen am Arbeitsplatz.

Celine Bordin ist eine der Gründerinnen des „Queer Staff Network_Berlin“. Sie arbeitet bei Bayer als Patentanwältin und hat auch dort eine LGBT-Gruppe mitgegründet.
Celine Bordin ist eine der Gründerinnen des „Queer Staff Network_Berlin“. Sie arbeitet bei Bayer als Patentanwältin und hat auch...Foto: promo

Frau Bordin, das Queer Staff Network_Berlin ist ein Dachverband von LGBT-Gruppen Berliner Firmen. Warum ist es nötig, dass sich diese Gruppen verbünden?

Eines der großen Probleme dieser Gruppen ist die Frage: Was mache ich als nächstes, wie kann ich die Leute weiter begeistern? Ich zum Beispiel teile meine Zeit zwischen meinem Job und dem LGBT-Netzwerk. Das kann einen auch mal überfordern, und so geht es vielen. Wenn man sich zusammentut, kann man sich gegenseitig helfen und gemeinsam neue Aktionen auf die Beine stellen.

Das klingt so, als ob es durchaus schwierig ist, eine LGBT-Gruppe in einer Firma am Laufen zu halten.

Viele finden es toll, ein solches LGBT-Netzwerk zu haben. Dennoch wollen eher wenige aktiv mitmachen. Sie sagen dann: Ich will nicht deutlich sagen, dass ich LGBT bin, ich trenne privat von Arbeit. Ein LGBT-Netzwerk ist aber auch Arbeit, das hat erstmal nichts mit dem Privatleben zu tun. Auch das ist eine Hoffnung an das große Netzwerk: Herauszufinden, wie man Kolleginnen und Kollegen noch stärker motivieren und einbinden kann.

Aus wie vielen Gruppen besteht das Netzwerk inzwischen?

Am Anfang waren wir 12 Leute von neun Unternehmen, beim letzten Treffen waren es schon 120 Leute von mehr als 50 Firmen. Es können aber auch Leute kommen können, deren Firmen kein LGBT-Netzwerk haben – Hauptsache, sie interessieren sich für das Thema.

Oft hört man als Gegenargument zu solchen Netzwerken, sie seien heutzutage ja gar nicht mehr notwendig. Was entgegnen Sie dann?

In großen Unternehmen gibt es auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Ländern, wo Homosexualität illegal ist. Wenn wir denen zeigen: Unser Unternehmen positioniert sich, wir respektieren Euch – das ist für sie eine große Bestätigung. Sie wissen: Am Arbeitsplatz sind sie sicher. Wenn wir in Berlin auf den CSD gehen, dann ist das nicht nur für die Berliner Kolleginnen und Kollegen. Das ist auch für die, die uns in Brunei oder in Indonesien im Unternehmens-Intranet sehen.

Was ist mit Deutschland?

Hier gibt es etwas, das ich „moderne Diskriminierung“ nenne. Eigentlich sagt man: Alles ist gut. Aber wenn es zum Beispiel um Beförderung geht, oder um die Verteilung von Projekten, gibt es subtile Formen des Ausschlusses. Ein anderer Aspekt: Viele von uns denken, wir sind out, wir sind offen. Trotzdem sprechen wir nicht über unser Wochenende mit dem Partner oder der Partnerin. Oder dass wir auf dem CSD waren. Das macht man dann höchstens flüsternd. Aber wenn Kollegen auf dem Konzert von Herbert Grönemeyer waren, brüllen sie das durch den ganzen Raum.

Ist es für lesbische Frauen in Betrieben doppelt schwierig – weil Frauen schon allein durch ihr Geschlecht an gläserne Decken stoßen?

Doppeldiskriminierung gibt es auf jeden Fall. Viele lesbische Frauen sind bei uns zum Beispiel nicht sehr aktiv im Netzwerk. Da bin ich, sonst nur schwule Männer. Als Frau ist es eh schwerer – wenn man Karriere machen möchte, aber auch allgemein: Man wird immer auf bestimmte Aufgaben reduziert. Und wenn dann noch bekannt ist, dass sich eine Frau als Lesbe einem LGBT-Netzwerk engagieren, folgt die Zuschreibung, sie sei „bossy“. Dieses Etikett wollen viele nicht tragen. Mehr lesbische Frauen zu aktivieren ist eine meiner vordringlichen Fragen. Eine schnelle Lösung habe ich da noch nicht parat.

Gegen Firmen wird immer wieder der Vorwurf des Pink Washings erhoben: Sie würden sich nur an der Oberfläche für queere Arbeitnehmer*innen einsetzen, oder um von anderen Missständen abzulenken. Wie geht man als Netzwerk damit um?

Pink Washing existiert ganz sicher. Der Vorwurf kommt oft aber zu schnell, gegen praktisch jedes Unternehmen. Wenn ich bei unseren Netzwerken sehe, wie die aktiv sind - das ist dann ein Statement und nicht das billige Werben um ein oder zwei zusätzliche Kunden.

Das nächste Treffen des Queer Staff Network_Berlin findet am 3. Juni ab 17.30 Uhr bei Bosch statt. Das Thema des Treffens lautet: „Wie gründe ich ein LGBTIQ+ Netzwerk im mein Unternehmen“. Interessierte können das Queer Staff Network unter qsn_bln_01@outlook.com kontaktieren.

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