Netflix-Serie „Hollywood“ : Traumfabrik verbessert die Welt

Die Serie „Hollywood“ erzählt von einer Gruppe junger Talente, die in den Vierzigern an einem ambitionierten Filmprojekt arbeitet. Auf kurzweilige Weise werden dabei Fakten und Fiktion vermischt.

Autor Archie (Jeremy Pope) und Regisseur Raymond (Darren Criss) haben große Ziele.
Autor Archie (Jeremy Pope) und Regisseur Raymond (Darren Criss) haben große Ziele.Foto: SAEED ADYANI/NETFLIX

An der Tankstelle von Ernie West bekommt man nicht nur Benzin oder einen Ölwechsel. Für Kundschaft mit dem nötigen Kleingeld bieten die jungen Angestellten in den adretten Uniformen einen ganz speziellen Zusatzservice an. Das Codewort dafür lautet „Dreamland“.

Mit dieser sexy Geschäftsidee ist für den einstigen Schauspieler Ernie der Traum vom Erfolg in Los Angeles doch noch wahr geworden. Jetzt castet er jüngere Versionen seiner selbst in den Bars der Stadt. Weltkriegsveteran Jack Costello zum Beispiel. Der nimmt den Job aus Geldnot an, denn er bekommt nicht mal eine Statistenrolle – und seine Frau ist schwanger mit Zwillingen.

Rassisten attackieren das Team

Wie Jack seinem Star-Traum Mitte der vierziger Jahre langsam näherkommt, zeigt die siebenteilige Netflix-Serie „Hollywood“, in deren Zentrum ein ambitioniertes Filmprojekt des Ace-Studios steht.

Drehbuchautor Archie Coleman hat die Geschichte einer Schauspielerin adaptiert, die sich vom Hollywood-Schriftzug in den Tod stürzte. Realisieren soll es Nachwuchsregisseur Raymond Ainsley. Den Studioveranwortlichen ist zunächst nicht klar, dass sie mit den beiden zwei Außenseiter engagiert haben: Archie ist schwarz und Raymond Halb-Asiate, was man ihm allerdings nicht ansieht.

Sie haben Glück, auf ein Produzententeam zu treffen, das schließlich den Mut aufbringt, einer Afroamerikanerin die Hauptrolle zu geben – und den folgenden Shitstorm konservativer Fanatiker auszuhalten.

„Wenn wir die Art ändern, Filme zu machen, können wir die Welt verändern“, sagt Regisseur Raymond einmal. Dieser von Naivität und Hybris getragene Satz ist das wenig subtile Motto der Serie, was deren Unterhaltungswert jedoch keinen Abbruch tut. „Hollywood“ trägt seinen utopischen Geist mit so viel Verve und Glitzer vor sich her, dass man sich gern darauf einlässt.

Einen großen Teil seines Reizes bezieht die von Ian Brennan und Ryan Murphy ("Glee") kreierte Serie dabei aus der offensiven Beimischung von realen Bezügen. So hat es den Suizid der Schauspielerin tatsächlich gegeben, zudem treten immer wieder Charaktere mit den Namen echter Stars auf.

Rock Hudson hat ein glamouröses Coming-out

Allen voran Rock Hudson, der hier am hypothetischen Beginn seiner Karriere gezeigt wird. Er gerät an einen skrupellosen Agenten, der ihm zwar hilft, ihn aber auch sexuell nötigt. Hudson wird als gutmütiger aber wenig talentierter Newcomer gezeichnet.

Einer der rührendsten Aspekte der Serie ist seine zarte Liebesgeschichte mit Drehbuchautor Archie, die in einem glamourösen Coming-out gipfelt. Bekanntermaßen hat es das in Wirklichkeit nie gegeben – Rock Hudson hielt bis zu seinem Aidstod geheim, dass er schwul war.

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„Hollywood“ entwirft mit immensem ausstatterischem Aufwand – schon an den Kostümen und Frisuren der reiferen Darstellerinnen kann man sich kaum sattsehen – eine alternative Geschichtsschreibung der Traumfabrik. Das erinnert ein wenig an Quentin Tarantinos „Once Upon A Time in Hollywood“ – mit dem entscheidenden Unterschied, dass hier nicht das weiße, heteronormative Machotum triumphiert, sondern ein diverses kooperatives Team, in dem auch ältere Menschen wichtige Rollen spielen.

So viel Freude es macht, den unwahrscheinlichen Sieg des Guten zu verfolgen, ruft die Serie gleichzeitig die Erinnerung an die weit weniger rosige Realität Hollywoods wach, in der Sexismus, Rassismus und Homofeindlichkeit auch 70 Jahre später noch längst nicht überwunden sind.

Filme wie Barry Jenkins’ Oscargewinner „Moonlight“ sind immer noch eine riesengroße Ausnahme. Und wenn es um Minderheiten-Repräsentanz geht, stehen die Streamingdienste weitaus besser da als die großen Studios. Nicht zuletzt dafür ist „Hollywood“ ein schlagender Beweis.

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