Planningtorock live in Berlin : Das Herz tanzt

Planningtorock spielten im Berliner Berghain eine ergreifende Show mit ihrem Album "Powerhouse".

Planningtorock alias Jam Rostron.
Planningtorock alias Jam Rostron.Foto: Human Level / Goodyn Green

Die Mutter hatte ein Morgenritual: Mit einer Tasse Tee ging sie ins Wohnzimmer, legte eine Platte auf und hörte aufmerksam zu. Ihr jüngstes Kind beobachtete sie dabei. „Ich konnte sehen, wie die Musik in sie hineinfloss und ihr Kraft gab“, erzählen Jam Rostron alias Planningtorock auf der Bühne des Berghain.

Im vergangenen Jahr kam Rostrons der musikbegeisterten Mutter gewidmetes Avantgarde-Elektro-Album „Powerhouse“ heraus, das sie nun mit zwei Shows in Berlin erstmals live vorstellen. Es ist ihr viertes, bisher persönlichstes Werk, eine Art musikalischer Biografie, die zurück ins englische Bolton führt, wo sie 1972 zur Welt kamen.

Zum Auftakt des Konzerts sind ihre Mutter und ihre Schwester in einem Video zu sehen und zu hören. Es wird auf einen vor der Bühne aufgespannten Gazevorhang projiziert, hinter dem Jam Rostron zwischen einer Tänzerin und einem Tänzer sitzen, die ähnliche Kostüme tragen und sich zum Teil synchron zu ihnen bewegen.

Musik als Heimat und Heilung

Nachdem der Vorhang gefallen ist, stehen Planningtorock allein in der Bühnenmitte und singen – wie immer mit starker Stimmverzerrung – über einen Bruder, der sie als Kind sexuell missbrauchte. Die Menge nimmt das beeindruckt und bewegungslos auf. Was auch beim folgenden „Somethings More Painful Than Others“ so bleibt, das mit seinen schnellen Beats und getupften Synthie-Bässen bestens auf den Berghain-Dancefloor passt. Es ist genau der Sound, den Planningtorocks autistische Schwester Beulah liebt: House. Als sie die elektronische Tanzmusik in den Achtzigern für sich entdeckt, nimmt sie sich unzählige Tapes auf und tanzt endlos dazu. Musik als Kraftquelle, Heimat und Heilung – so ist es auch für Planningtorock, die schon lange in Berlin leben.

Bei drei älteren Songs begleitet Simonne Jones Planningtorock an der Akustikgitarre. Ganz ohne Beats geht es um Gender als Spiel und als Lüge. Ein Thema, das sie auf dem neuen Album mit „Non-binary femme“ weiterführen und mit Tänzerin Ambrita Sunshine auf der Bühne auf witzige Weise zelebrieren. Bei den letzten beiden Liedern – sie handeln von Beulah und der Mutter – tanzt auch das Publikum. Hingerissen von dieser ehrlichen, warmherzigen Performance.

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