Queer in Osteuropa : "Bleiben, kämpfen, aufgeben, gehen"

Wie ist es im Osten Europas lesbisch, schwul, bi oder trans zu sein? Die Berliner Autorin Marianne Zückler porträtierte queere Menschen aus Lettland, Litauen, Polen und Ungarn. Lesen Sie hier einen Auszug.

Marianne Zückler
Der Budapest Pride zieht über die Kettenbrücke der ungarischen Hauptstadt.
Der Budapest Pride zieht über die Kettenbrücke der ungarischen Hauptstadt.Foto: Imago

Über zwei Jahre hinweg führte Marianne Zückler Gespräche mit Lesben, Schwulen und Transpersonen aus Lettland, Litauen, Polen und Ungarn. Aus den Protokollen modellierte und kompilierte sie die dokumentarischen Erzählungen des Bandes "Osteuropaexpress". Hier die Geschichte von Krisztina, genannt Krisz, aus Ungarn:

In meinem Pass steht: Krisztina Forgács. Noch. Meine Freunde nennen mich Krisz. Gezeugt wurde ich 1989. Der Vorhang fiel, und ich wurde geboren. Meine Eltern sagen, ich sei ein Wunschkind. Der Sonnenschein der Familie. Würden sie das heute noch sagen? Ein Wendekind bleibe ich. (...) Ich bin schon mit Haribo, Barbies, Matchbox-Autos und Punkmusik aufgewachsen. Sozialismus … graue Vergangenheit. Bei den Alten und meinen Eltern lebt dieser Sozialismus als Schreckgespenst weiter. (...) Mit 6 Jahren habe ich Cello angefangen. Meine Mutter war die treibende Kraft. Sie wollte Cellistin werden.

Ich war begabt und nahm an Jugendwettbewerben teil. Vor den Auftritten schloss ich mich ein und steckte mir eine Hasenpfote in den Slip. Sie sah aus wie ein kleiner Pimmel. Alle dachten, ich hätte Angst vor meinem Solo und wäre deswegen so lange auf dem Klo. Ich wollte nicht im Kleid auf der Bühne angestarrt werden. Ich war nicht nur diese Krisztina! Niemand wusste, dass ich einen Penis hatte.

Kiffen, tanzen, erster Sex mit einem Mädchen

Bei mir ist nichts normal. Mit 12 hatte ich schon Schuhgröße 42, ich war groß und schlaksig. Meine Stimme war tief. Mädchen, die ich bewunderte, gingen mir aus dem Weg und tratschten hinter meinem Rücken. Was war falsch an mir? Ich versuchte, wie sie zu sein. Lachte wie sie und schwärmte für die Backstreet Boys. Flirtete mit den Jungen im Orchester – und bestach Mädchen, um auf Konzertreisen bei ihnen im Zimmer zu schlafen. Ich konnte mich noch so sehr verbiegen, ich blieb ein Fremdkörper. Also was war falsch an mir?

In der Pubertät war ich in ein Mädchen verknallt. Margit und ich schwammen auf einer Welle. Sie war nicht wie die anderen in unserer Klasse. Mit 14 waren wir die ersten Punks. In schwarzen Klamotten liefen wir durch unsere streng kalvinistische Stadt. Gemeinsam schwänzten wir die Schule, gingen ins Kino, kifften, hörten Punk und tanzten wild. Ich gestand Margit meine Gefühle.

Wir waren ziemlich betrunken und sind miteinander ins Bett gegangen. Wir beide dachten, jetzt sind wir lesbisch. Der Gedanke hat mir Angst gemacht. Von einem Tag auf den anderen war Schluss. Margit verliebte sich in einen Jungen. Überall quatschte sie herum, dass ich sie angemacht und verführt hätte. Das war nicht das Schlimmste. Es stimmte. Ich hatte sie ja verführt und fühlte mich dabei wie ein Junge. Was wirklich wehtat: Sie hatte mich verraten. Ich hatte ihr anvertraut, dass ich mir einen Penis wünschte und wie ein Junge fühlte.

"Meine Tochter ist nicht das, was Sie annehmen!"

Ihre Eltern beschwerten sich in der Schule über mich. Gut, dass mich der Direktor mochte und die Geschichte herunterkochte. Heute glaube ich, er war schwul. Meinen Eltern riet er, ich solle viel Sport treiben. Außerdem schickte er mich mit meiner Mutter zum Frauenarzt. Der sprach lange mit ihr und verschrieb Medikamente. Hormone, Psychopharmaka, ich weiß es nicht. Mit hochrotem Kopf sprang Mama auf und rief: "Meine Tochter ist nicht das, was Sie annehmen!" Sie schämte sich, hielt aber zu mir. Danach gingen wir ins Café. Sie erzählte von ihrer Neigung zu einem Mädchen während ihrer Studentenzeit.

Bevor Mama ihre Geschichte beendete, wischte sie über die blitzblanke Tischplatte und meinte: "Aber dann lernte ich deinen Papa kennen, und alles war wieder in Ordnung." – Ich dachte: "Okay, ich bin krank. Ich bin lesbisch, und darum fühle ich mich nicht zu Hause in meinem Körper."

Raus aus der Enge - auf nach Budapest

Philosophie wollte ich studieren. Ans Konservatorium bin ich nur wegen Mama gegangen. Sie träumte davon, Cellistin zu werden. Meine Eltern sind mit der sozialistischen Ideologie aufgewachsen:
"Folge nicht deinen Träumen. Sei nützlich für die Gesellschaft!" Mama sagte zu mir, Cello sei ein weibliches Instrument und würde deshalb zu mir passen.

Wieso? Schlanker Hals, zarte Saiten? Das Musikstudium habe ich geschmissen. Ich passte nicht in das Korsett der Musikwelt. Für Mama ein Weltuntergang. Eigentlich wollte ich schon immer Schlagzeug spielen und weg von zu Hause. Weg aus dieser Enge, nicht mehr hinter der Schranktür eingesperrt leben. Das ging nur in Budapest.

Die Berliner Autorin Marianne Zückler, Jg. 1960, hat für ihr Buch zwei Jahre lang in vier Ländern recherchiert.
Die Berliner Autorin Marianne Zückler, Jg. 1960, hat für ihr Buch zwei Jahre lang in vier Ländern recherchiert.Foto: Martina Wiemers

In Budapest wollte ich leben! Ich bin schon als Teeniepunk mit Totenkopfjacke nach Budapest getrampt. Meine Eltern wussten nichts davon. Auch nicht von meinen Kumpels mit Totenkopftätowierungen.
Wir waren alle ziemlich schräg drauf. Eigentlich war ich nur in einen Typen aus unserer Clique verknallt. Also … als Heteromädchen … ich habe fast alles durch: lesbisch, bi, schwul … nur leicht ist das nicht. Es ist ein anstrengendes Spiel mit Ängsten, Zögern und Hoffnung und noch mehr …

An der Uni läuft es anfangs gut

Dann war ich in Budapest. Endlich kein Versteckspiel mehr, dachte ich. Ich war befreit, ja glücklich. An der Uni wollte ich meinen Bachelor in Philosophie abschließen. Alles lief gut an. Ich fand sogar ein Zimmer zur Untermiete. Mein erstes eigenes Zimmer, das ich nicht mit meiner Schwester teilen musste. Eine Hundehütte. Doch bezahlbar mit Studentenjob. Meine Männerklamotten Lederjacken, knallenge Jeans und Netzhemden konnte ich endlich in den Schrank hängen.

Nichts musste ich mehr vor Mamas Kontrollblick verstecken. Eine Erlösung? Nein, ich war weiter ein Frosch und kein Prinz! An der Uni lief es zunächst gut. In der Sommerakademie wurden aktuelle Genderfragen behandelt. Einige Dozenten redeten ganz offen. Wir diskutierten brisante Themen: "Was bedeutet Gleichgeschlechtlichkeit in der Philosophie? Und welche Rolle spielt sie in osteuropäischen Gesellschaften? Ich dachte: Hier bist du richtig. Endlich angekommen.

Der Budapest Pride zieht über die Kettenbrücke der ungarischen Hauptstadt.
Der Budapest Pride zieht über die Kettenbrücke der ungarischen Hauptstadt.Foto: Imago

Meine Mitstudenten als Heteros behandelten die Fragen nur theoretisch. Kannte einer von ihnen die Realität? – Keine Chance, jemanden näher kennenzulernen. Ich war ausgeschlossen. Irgendwann ging ich nicht mehr zu den Vorlesungen. Mein Studium kam mir sinnlos vor. Ich lebte den Geschlechterwandel hinter der Tür und wagte nicht, offen darüber zu sprechen. Lebte in der Angst, jemand könnte mich beim Dekan anschwärzen. Dieser opportunistische Schleimer. Meine größte Sorge war, dass es meine Familie erfahren würde. Vor Mama und Papa spielte ich weiter die intellektuelle Studentin.

Noch eine Niederlage konnte ich mir nach dem abgebrochenen Musikstudium nicht leisten. Nicht normal, nicht heterosexuell, sondern transsexuell. Das wäre der GAU. Meine Mutter hat so einen siebten Sinn. Plötzlich standen meine Eltern vor der Tür. Schock. Sie sagte: "Dieses Studium schaffst du nicht. Dann arbeite doch." Beide machten nicht wie sonst Druck. War es eine verpasste Chance? Wäre vielleicht jetzt alles anders, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte … wäre ich vielleicht auch nicht überfallen worden? Beide waren damals offen … doch ich konnte nicht.

Unsere Band wurde zur Punkrock-Avantgarde hochgejubelt

Kitti, Márk, und Attila lernte ich bei einem Punkrock-Festival in Budapest kennen. Es war schnell klar: Wir schwingen auf einer Welle. Musikalisch, politisch und auch sonst … sie suchten für ihre Band einen neuen Schlagzeuger. Mein Rhythmusgefühl, meine Geschwindigkeit und Texte überzeugten sie! Zuerst lief alles super. Wir spielten in angesagten Clubs und traten sogar beim Sziget auf, dem international bekannten Festival in Budapest.

Von der Kulturförderung bekamen wir Geld. In der Presse und im Internet jubelte man uns zur Punkrock-Avantgarde hoch. Für meine dadaistischen Texte bekam ich einen Preis. Meine Eltern waren endlich stolz. Auf mich! Unsere Band wurde radikaler. Heute wird unsere Musik mit meinen Texten als systemfeindlich eingestuft. Das sagt niemand. Aber unsere Förderung wurde gestrichen, und man spürt … "Du bist unerwünscht."

Kitti und Márk überlegen, nach Österreich oder England zu gehen. Als Handwerker findet Márk überall einen Job und Kitti … Zahntechnikerinnen werden auch gesucht. Beide sind vielleicht ein bisschen bi oder queer, aber das wird keine Probleme machen.

Das Trommelfell platzt bei einem Angriff

Seit dem Überfall bin ich zu meinen Eltern gezogen. Sie sind sofort nach Budapest gekommen. Jeden Tag besuchten sie mich im Krankenhaus … saßen an meinem Bett. Fragten nichts, waren einfach nur da. Auch jetzt fragen sie nichts, damit wir nicht reden müssen … Sie nennen mich wieder Kriszti, als wäre ich ein Kind! Eine trügerische Ruhe …

Mein linkes Trommelfell ist geplatzt. Im ärztlichen Gutachten steht, dass ich durch die Gewalt der Täter schwer traumatisiert wurde. Gleichzeitig unterstellt mir der Gutachter, dass ich vermutlich nicht die ganze Wahrheit gesagt habe. Die Wahrheit – was ist das? Hätte ich ausgesagt, dass sie mich überfallen haben, weil ich transsexuell bin, hätte die Polizei meine Anzeige gar nicht aufgenommen. So läuft das hier, wenn Schwule, Lesben oder Menschen wie ich zusammengeschlagen werden. (...)

Der schwule Milan sagte: "Du bist ein Trans"

Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat, mit 13, 14. Ich konnte nichts mehr essen. Alles, was ich zu mir nahm, musste ich sofort ausspucken. Mein Körper, eine fette Puppe. In Wahrheit wog ich 45 Kilo. Ich kam wegen Essstörungen in eine Klinik. Dort lernte ich Milan kennen. Er hatte einen Selbstmordversuch hinter sich … ein schräger Vogel. Cool und ehrlich. Milan war schwul. Er sprach darüber nicht. Nur ich wusste es. Unsere Ärztin war komplett überfordert. (...) Die Alte hatte keinen blassen Schimmer und wusste nichts von unseren Problemen. Milan und ich nahmen die Relaxtabletten nicht. Sie machten müde … dumpf im Kopf … und gefühllos ... auf den Fluren …stumpf grinsende Zombies. Heimlich rauchten wir Marihuana. Das brachten seine Freunde mit.

Milan war der Erste, der mir auf den Kopf zusagte: "Du bist ein Trans." Ohne Vorwarnung. Ich war außer mir, ging auf Milan los, aber er wehrte sich nicht … wir haben dann miteinander gevögelt. Milan stand auf Typen mit meiner männlichen Ausstrahlung. Es war befreiend und irritierend zugleich. Nach dem Klinikaufenthalt trafen wir uns noch mehrmals. Er besuchte mich. Mama und Papa dachten, Milan wäre nun endlich mein erster fester Freund. Sie mochten ihn, hatten aber keine Ahnung, dass er schwul ist.

Mama hatte Angst, dass was passieren könnte, und nervte: "Sei vorsichtig." Dann war Milan plötzlich weg. Abgetaucht. Für immer. Im Kosmos. Später erfuhr ich, dass er an einer Überdosis gestorben ist. Jetzt, wo ich wieder bei meinen Eltern lebe, denke ich oft an Milan. Er sagte immer: "Wenn du wirklich leben willst, hast du vier Möglichkeiten: bleiben, kämpfen, aufgeben, gehen."

Der Vater will ihn verstoßen, wenn er sich operieren lässt

Fuck! Was schnüffelt Mama in meinem Zimmer und liest meine E-Mails? Okay, jetzt ist es raus. Jetzt wissen sie, was mit mir los ist und dass ich eine Hormonbehandlung machen will. Mich umoperieren … wie sie sagen. Ich lasse mich nicht umoperieren! Ich bin kein kaputtes Auto. Ich will eine Geschlechtsangleichung. Den Unterschied kapieren beide nicht! Papa sagt, wenn ich das tue, bin ich nicht mehr sein Kind. Das tut weh … Was will ich hier noch? Fahre ich nach Budapest zurück, bis alles klar ist … Und dann?

Wer ist da … Márk? Bei ihm kann ich bestimmt … nein, seine neue Freundin wird abblocken. Ich bin ihr unheimlich. Kitti … die sucht selbst eine neue Bleibe. Bei Attila darf ich die Wohnung auf Hochglanz bringen. Dávid und Vivien würden mich bestimmt für ein paar Wochen nehmen. Vivien ist schwanger … auch keine gute Idee. "Bleiben, kämpfen, aufgeben, gehen."

Kann ich zu einem Land Heimat sagen, in dem die Mehrheit der Bewohner mich ablehnt und verachtet? Sagt, ich sei abnorm und krank? Kann ich zu einem Land Heimat sagen, in dem eine korrupte Regierung Menschen wie mir die europäischen Rechte verweigert? Kann ein Land meine Heimat sein, das mich vor die Wahl stellt: Anpassung oder Psychiatrie? Kann ein Land mein Zuhause sein, das mich ausgrenzt, weil ich von der Norm abweiche? Meine Heimat ist dort, wo ich meine Identität leben kann.

Marianne Zückler: Osteuropaexpress. Erzählungen über Freiheit, Liebe, Sexualität und Ausgrenzung 240 S., 16,90 €.
Lesung: 18. Mai, 20.30 Uhr im Literarischen Salon in der Z-Bar, Bergstraße 2, Berlin.

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