Für Emanzipation brauchen wir klare Positionen, sichtbare Vertretung

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Queere Standortbestimmung : Wofür wir stehen, wofür wir tanzen
Sasha Marianna Salzmann
Zur Person

Sasha Marianna Salzmann ist Hausautorin und Dramaturgin am Maxim Gorki Theater. Sie begründete dort das Studio R und das Neue Institut für Dramatisches Schreiben.

In diesem Jahr veröffentlichte das Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig die Studie „Die enthemmte Mitte“. Aus dieser geht hervor, dass 40,1 Prozent der Deutschen homosexuelle Küsse als „ekelhaft“ empfinden, 24,8 Homosexualität für „unmoralisch“ halten und 36,2 gegen die Homo-Ehe sind. Es ist 2016 und wir tanzen.

In diesem Jahr entschied die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, dass homosexuelle Männer, die auch nach 1945 noch systematisch nach § 175 des Strafgesetzbuchs verfolgt wurden, kollektiv zu rehabilitieren sind. Diese Männer kamen zum Teil aus den Konzentrationslagern direkt wieder in Haft – sowohl in der BRD als auch in der DDR. Wie kann es sein, dass man ihnen erst jetzt zubilligt, dass sie zu ihrem Recht kommen, und wer hat für sie eingestanden?

Die Triangel der Gewalt geht so: Es gibt eine angegriffene Person, eine angreifende und dann gibt es noch die dritte Gruppe – die, die sich nicht zu der angegriffenen Person bekennt.

Für das Opfer kommt das unmittelbare Übel von der ersten, das nachhaltige von der letzteren Gruppe. Für die angegriffene Person ist es keine Überraschung, dass ein Mörder mit Hass auf ihren Lebensstil zur Waffe greift. Dass sie aber keinen Rückhalt erfährt während der Tat und danach gesagt bekommt, sie sei nicht gleichwertig, produziert eine Verletzung, die lebenslang nachhallt.

Angriffe Einzelner entspringen einer Gewaltstruktur

Daran ändern auch aufwendige Solidaritätsbekundungen wie Regenbogenfarben auf dem Brandenburger Tor nichts (dieses Zeichen wurde in Berlin deutlich später gesetzt als in vielen anderen Metropolen). Das eine ist Spektakel, das andere ist gelebte Realität. Die Erfahrung, in Gefahrensituationen nicht unterstützt zu werden, wird in ein Wissen überschrieben. Es hat für immer Auswirkungen darauf, wie ein queerer Körper sich zu dieser dritten Gruppe, die sich als Mehrheit gebärdet, verhalten wird. Es geht nicht darum, dass diese Mehrheit nicht selber schießt. Es schießen immer Einzelne. Aber nur weil sie nicht geschossen hätte, heißt es nicht, sie hätte verteidigt. Hat sie nicht. Das kann sie nicht. Denn die Angriffe dieser Einzelnen entspringen den Gewaltstrukturen dieser dritten Gruppe.

Die Autorin: Sasha Marianna Salzmann.
Die Autorin: Sasha Marianna Salzmann.Foto: Esra Rotthoff

Diese sogenannte Mehrheit empfindet queer als Störfaktor – das ist auch so gemeint. Queer hat keine Übersetzung im Deutschen, aber wenn man es versucht, kommt das Wort „seltsam“ dem am nächsten. Die Geschichte des Begriffs ist ein permanentes Auflehnen gegen die Normierung. Gegen Fremdzuschreibungen. Für ein Recht auf Selbstdefinition. Queere widersprechen mit ihren Zielen, ihren Wünschen, ihrem Begehren der festgelegten Hierarchie. Mit ihrem Lebensstil greifen sie ein in Arbeits- und Familienrecht. In feststehende, auch nationale, Identitätsbilder. In eine Ordnung, die gewaltvoll ist, weil sie so viele ausschließt.

Queer ist das Prinzip von Destabilisierung einer vorgegebenen Nahrungskette von Privilegien. Darum kann der Versuch, Teil einer Mehrheit zu sein, nur scheitern. Diese Mehrheit will von uns Unsichtbarkeit („solange ich es nicht sehe, kannst du machen, was du willst“) oder vereinnahmt uns („meine lesbische Kollegin will auch keine Araber als Nachbarn“). Sie hat Angst vor unserer Emanzipation.

Wir brauchen Verbündete

Für Emanzipation brauchen wir klare Positionen, sichtbare Vertretung, sichere Räume. Wir brauchen Verbündete. Nur so ist ein Ausbrechen aus der Triangel der Gewalt möglich, ein Ausbrechen aus der Opferhaltung. Wenn wir beim CSD tanzen, tanzen wir gegen den herabwürdigenden Blick auf Tunten, für die Rehabilitierung der von dem §175 Betroffenen, für das Anerkennen von Trans und Inter als gleichberechtigte Geschlechter. Wir tanzen für Geflüchtete. Für geflüchtete Queers. Für Rechte von Menschen in allen ihren Differenzen. Wir, die die Erfahrung des Ungehaltenseins in uns tragen, werden bestehen, weil wir Allianzen schließen mit anderen Ungehaltenen.

Die Geschichte der Minderheiten im 20. Jahrhundert zeigt, dass weder die Ghettoisierung noch Assimilation schützen. Für uns heute 2016 stellt sich also die Frage, wie wir sichtbar bleiben außerhalb der uns zugebilligten Räume. Wie wir als Queers auftreten und handeln. Wie wir das, was wir sind, in die Büros, auf die Straße, in unsere Texte und Gespräche mitnehmen. Es geht die gesamte Gesellschaft etwas an. Und sie hat uns auszuhalten.

Mehr LGBTI-Themen finden Sie auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder mailen Sie uns an: [email protected].

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