Paradox: In Filmen und Serien sind lesbische Figuren präsenter denn je

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Queeres Leben : Sag mir, wo die Lesben sind
Ausnahme. In der Serie "Orange is the new black" gibt es eine ungewöhnlich vielfältige Darstellung lesbischer und bisexueller Figuren.
Ausnahme. In der Serie "Orange is the new black" gibt es eine ungewöhnlich vielfältige Darstellung lesbischer und bisexueller...Foto: Netflix

 Die Krise des Begriffs Lesbe geht mit einer auf den ersten Blick paradox erscheinenden nie dagewesenen Präsenz von lesbischen Themen in den Medien und der Kulturproduktion einher. Lesbische (und schwule) Figuren gehören mittlerweile zur Standardausstattung jeder Vorabendserie. TV-Filme wie die kürzlich ausgestrahlten öffentlich-rechtlichen Produktionen „Ich will dich“ oder „Vier kriegen ein Kind“ zeigen ganz selbstverständlich lesbisches Begehren und lesbische Familienplanung. Und auch bei den internationalen Film- und Serienproduktionen finden sich von „The Kids Are Alright“ über den Cannes-Gewinner „Blau ist eine warme Farbe“ bis hin zum Netflix-Hit wie „Orange Is The New Black“ inzwischen regelmäßig Werke mit homosexuellen Frauenfiguren.

 Die Fortschritte in der öffentlichen Repräsentanz von Lesben seit den neunziger Jahren sind unübersehbar. Entscheidend ist dabei allerdings die Frage, wie dieses Vordringen in die Mainstream-Normalität im Einzelnen aussieht, und was es bewirken kann. Dass sich zur besten Sendezeit zwei Frauen auf Arte ausgiebig küssen können (wie in „Ich will dich“) ist wunderbar, dass sie aber vorher einen „Ich bin nicht lesbisch“-„Ich auch nicht“-Dialog hinter sich bringen, schon weniger. Offenbar meinen die Filmemacher, dass es mit einen verbalen Abstandhalter für die Publikumsmehrheit leichter zu verkraften ist, wenn zwei bisher heterosexuell orientierte Frauenfiguren einander verfallen. Dass noch viel Luft nach oben bleibt in der filmischen Leben-Darstellung zeigt auch die Male-Gaze-Perspektive in der Sexszene von „Blau ist eine warme Farbe“ oder die Nivellierung der Figur der lesbischen Kommissarin in der Serien-Adaption von „Gotham“.

Ein anderer auffälliger und ambivalenter Punkt ist die Dominanz von Figuren, die äußerlich dem gängigen Weiblichkeitsbild entsprechen. Selbstredend gibt es viele lesbische Frauen, deren Genderperformance eher feminin wirkt. Deshalb ist es für sie sowohl innerhalb als auch außerhalb der Szene häufig nicht leicht, wahr- und ernst genommen zu werden. Dass sie allerdings auf den Bildschirmen der Quasi-Standard sind, bringt die Repräsentation lesbischer Vielfalt in eine unglückliche Schieflage. Denn die große, prägende Gruppe der Butches, Tomboys und androgynen Lesben bleibt so weitgehend unsichtbar (rühmliche Ausnahme: „Orange Is The New Black“).Was natürlich nicht die Schuld der Femmes und Lippenstift-Lesben ist.

Feminine Frauenpaare wirken sexy und unbedrohlich auf den Heterozuschauer

Dass bevorzugt konventionell hübsche Frauen besetzt werden, macht lesbische Liebesgeschichten für das Mainstreampublikum besser konsumierbar. Zwei miteinander knutschende und herummachende Modelschönheiten wirken nicht bedrohlich, sie schließen zudem an gängige Männerfantasien bzw. ihre Umsetzung in Pornografie an. Burschikos oder androgyn wirkende Protagonistinnen hingegen würden mit ihrem nicht genderkonformen Äußeren irritieren und dem heterosexuellen männlichen Zuschauer weniger Anknüpfungspunkte geben.

 In unserer hyperkapitalistischen Zeit ist der Anpassungsdruck auf junge Frauen immens. Role-Model-Alternativen zum dünnen, langhaarigen, lächelnden und geschminkten Typus sind sowohl in der Werbung als auch in den Medien eine Ausnahme. Sich den omnipräsenten  Schönheits- und Verhaltenregeln für Frauen zu entziehen, erscheint schwerer denn je. Dass manche junge Lesbe da in eine gewisse Unschärfe ausweicht, ist nachvollziehbar. Eine Möglichkeit ist die Bi-Strategie, die die lesbische Autorin Andrea Anna Hünniger kürzlich in einem Artikel für die Welt am Sonntag so skizzierte: „Du signalisierst den allergrößten Respekt vor Männern, wenn du gleich sagst: Ja ich bin mit einer Frau zusammen, aber natürlich bi. Männer aus deinem sexuellen Kosmos komplett auszuschließen ist ein größerer Angriff auf das Gleichgewicht der Welt, als wenn zwei Männer öffentlich kundgeben, dass sie keine Frauen wollen. Es ist als Frau also wichtig, vorsichtshalber klarzustellen, die Randgruppe der Lesben zu kennen, aber beim besten Willen nicht auf einen Penis verzichten zu können.“ So sieht’s aus im Patriarchat.

 Das Lesbischsein wird vom Muttersein überdeckt

Und wo sind nun die Lesben? Überall natürlich. In Berlin zum Beispiel in Neuköllner Queerbars wie dem Silver Future und auf den immer populärer werdenden Festivals wie L-Beach. Außerdem im Internet und seit einigen Jahren vermehrt auch im Kreis der eigenen Kleinfamilie. Letzteres ist das Ergebnis der verbesserten rechtlichen und gesellschaftlichen Situation von Homosexuellen in Deutschland (sowie vielen anderen westeuropäischen Ländern), und es hat ebenfalls zu einer veränderten Wahrnehmung von Lesben in der Öffentlichkeit beigetragen. Statt protestierend auf der Straße sind sie eben jetzt öfter im Sandkasten anzutreffen oder beim Vorlesen von Einschlafgeschichten. Auch wenn Regenbogenfamilien noch nicht überall mit offenen Armen empfangen werden, ist vor allem in Großstädten ein  gewisser Gewöhnungseffekt vorhanden. Der Anblick von zwei Müttern mit Kindern hat jedenfalls keinen Schockwert mehr, falls es den überhaupt jemals gab. (Schwule Väter haben es da mit Sicherheit immer noch schwerer). Das Lesbischsein wird quasi vom weniger fremden Muttersein überdeckt – das Verschwinden in der Normalität. Man kann das schrecklich finden, doch es ist eben auch das Resultat einer Emanzipationsbewegung, deren Kampf auf vielen anderen Ebenen andauert.

Am 26.6. findet in Berlin der dritte Dyke March für mehr lesbische Sichtbarkeit statt. Start ist um 19 Uhr am Deutschen Historischen Museum.

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