Frauen fühlen sich auf uralte Stereotype reduziert

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Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung : Wie viel Ungleichheit darf's noch sein?
Caitlyn Jenner auf dem Cover der Vanity Fair. Die 65-Jährige hieß früher Bruce Jenner und war 1976 Olympiasieger im Zehnkampf
Caitlyn Jenner auf dem Cover der Vanity Fair. Die 65-Jährige hieß früher Bruce Jenner und war 1976 Olympiasieger im ZehnkampfFoto: Reuters/Vanity Fair/Annie Leibovitz

Die Forderung nach Gleichheit bezieht sich zunächst auf gleiche Rechte und gleiche Chancen, doch die Postmoderne will mehr. Postmoderne Denker verlangen nicht die Angleichung der Chancen auf Geld, Macht und Raum – sondern streben die ontologische Gleichheit an, die Gleichheit im Sein. Aus der politischen Perspektive aber ist das ein Problem.

Der Texter und Komponist Stephen Trask, einer der beiden Autoren von „Hedwig“, sagt, Kernziel des Stückes sei es, das binäre Denken zu überwinden. Doch um das binäre Denken zu überwinden, muss man es zunächst darstellen und inszenieren – und das geht nicht ohne Rückgriff auf dieselben Kategorie, die dann wieder verstärkt und erinnert werden – in diesem Fall vom Rezensenten. Vor diesem Schleifen-Problem steht nicht nur die Kunst, sondern auch die Politik. Eine politische Sprache, die keine Männer und keine Frauen, keine Schwarzen und keine Weißen kennt, kann auch keine Forderungen formulieren, die sich auf Männer, Frauen, Schwarze oder Weiße beziehen.

Caitlyn Jenner, Ex-Supersportler und Trash- Ikone, hat das Zeug, zum glitzerigen Symbol für die Krise der Gleichheitsgesellschaft zu werden. Jenner hat in den vergangen Monaten viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Geboren als Bruce Jenner, outete sich die Olympiasiegerin im Zehnkampf im April in einem Fernsehinterview mit ABC als Transgender: „Ich bin eine Frau.“ In ihrem Gesicht war die plastische Chirurgie da schon deutlich zu sehen, Jenner hatte volle Lippen, eine schmalere Nase, trug aber kein Makeup und sagte, dies sei ihr letzter Auftritt als Bruce. Sie schwang den Kopf zurück und schüttelte ihr schulterlangen Haare, „God, I have to take this pony tail down.“

Im Juni dann erschien eine Ausgabe von Vanity Fair mit einem umfangreichen Porträt über Jenner und Fotos der Starfotografin Annie Leibovitz, es war der erste Auftritt von Caitlyn. Das Cover zeigt dasselbe Gesicht unter einem Berg ondulierter Haare, geschminkte Lippen, große Brüste, in ein weißes Mieder gezwängt. Die Welt brach in Sympathiebekundungen aus für dieses perfekt inszenierte Outing, standing ovations für soviel Mut.

Sich mit einem Außen identifizieren

Doch der Zuspruch war nicht einstimmig. In der New York Times zeigte sich Elinor Burkett, eine amerikanische Feministin, verärgert über das stereotype Frauenbild, mit dem Jenner spielt. „Mein Gehirn ist eher weiblich als männlich“, hatte Jenner im Fernsehinterview gesagt. Burkett gab wütend zurück: „Das ist die Sorte Unsinn, die jahrhundertelang genutzt wurde, um Frauen zu unterdrücken.“ Soviele Jahre habe sie dagegen gekämpft, dass Frauen auf uralte Stereotype reduziert würden, schreibt sie. Und jetzt das. Doch wie hätte Caitlyn Jenner ihr neues, altes Frau-Sein anders darstellen können? Als Meisterin der Trash-Inszenierung – seit Jahren ist Jenner Teil der Promi-Reality-Show „Keeping up with the Kardashians“ – musste sie sich im Grunde dieselbe Frage stellen wie die Regisseure des Broadway- Musicals Hedwig: Wie inszeniert man Zugehörigkeit zu einer Kategorie, deren Irrelevanz man gleichzeitig herbeiwünscht?

Diese Jenner-Frage berührt uns – in weniger greller Weise – alle. Faktisch bestimmen Hautfarbe und Geschlecht in den USA ebenso wie in Deutschland noch immer ganz wesentlich unser Leben: Wie viel wir verdienen, welche Berufe wir ergreifen, ja, sogar wann wir sterben. Das ist uns einerseits zuwider; das Ich ist komplex, und es ist eine frustrierende, oft auch verletzende Erfahrung, wenn Teile der eigenen Persönlichkeit von der Umwelt nicht wahrgenommen werden, keine Anwendung finden, weil sie nicht der Kategorie entsprechen, der man zugerechnet wird. Gleichzeitig aber erträgt der Mensch die innere Vielstimmigkeit nur, indem er sich mit einem Außen identifiziert.

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