Wie sich der Wunsch im Sexuellen findet

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Selbsthass unter Schwulen : Die ungeliebte Tunte
Patsy l'Amour laLove

Dieser Wunsch findet selbstverständlich seine Entsprechung im Sexuellen. Auf GayRomeo, der wohl beliebtesten Dating-Seite für Schwule, wird der Begriff „hetero-like“ ebenso als Gütesiegel und zur Selbstbeschreibung genutzt, wie das Attribut „normal geblieben“. Der normale, heterosexuelle Mann wird zum Idealbild erkoren und so bleibt nichts anderes übrig, als im Sexpartner vor sich selbst und dem eigenen Schwulsein zu erschrecken.

Das Scheitern ist schon angelegt

In den Worten „like“ und „geblieben“ ist das Scheitern jedoch schon angelegt. Schließlich ist man doch nicht so ganz hetero, wenn man nur so ähnlich („like“) ist und auch nicht ganz normal, wenn man es irgendwie geblieben sein muss. Tatsächlich kann man diese Sehnsucht, die sich im begehrten Idealbild äußert, erleben, wenn zu einer schwulen Runde ein Hetero-Typ dazu stößt und dieser zum Mittelpunkt des Interesses wird. Er verdeutlicht, wie normal wir uns denn wirklich fühlen. Es geht nicht nur darum, zu kriegen, was unerreichbar ist, sondern auch darum, nicht mehr sein zu müssen, woran man unhintergehbar gebunden ist.

Ausstellung "Homosexualität_en"
Das Plakat der "Homosexualität_en"-Ausstellung, die vom 26. Juni bis 1. Dezember im Deutschen Historischen Museum und im Schwulen Museum Berlin läuft, zeigt das Motiv " Homage to Benglis, part of the larger body of work CUTS: A Traditional Sculpture, a six month durational performance". (Ausschnitt)Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Heather Cassils and Robin Black 2011
23.06.2015 16:15Das Plakat der "Homosexualität_en"-Ausstellung, die vom 26. Juni bis 1. Dezember im Deutschen Historischen Museum und im Schwulen...

Diese Identifikation mit dem Aggressor, also der absoluten Normalstellung der Heterosexualität, anstelle einer Verschwulung seiner selbst, also dem selbstbewussten Ausleben des Schwulseins, stand zentral in der Kritik bewegter Schwuler in den 1970er Jahren. Mit Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) als Initialzündung der Schwulenbewegung wurde eine polemische Kritik von Schwulen an Schwulen formuliert, die sich insbesondere gegen den Hass auf alte Schwule und Tunten richtete. Und noch heute finden sich auf den Profilen GayRomeos dieselben Ablehnungen, in denen Tunten, Dicke und Alte beleidigt werden.

Den Homo-Schönheitswahn können Heteros nicht nachvollziehen

Dabei geht es nicht bloß darum, abzustecken, auf wen man steht, denn das könnte auch ohne Respektlosigkeit geschehen. Hier geht es darum, diejenigen Anteile, die man an sich selbst nicht haben will, stellvertretend am Anderen zu hassen. Daher betonten Martin Dannecker und Reimut Reiche 1974 in ihrem Buch „Der gewöhnliche Homosexuelle“, dass die Tunte den Schwulen wie den Heteros ihre eigenen abgespaltenen Sehnsüchte als abstoßende Verfremdung vorführt. Abstoßend insbesondere, weil sie Lust daran empfindet und diese gesellschaftlich verankerte Schamgrenze überschreitet. Sie konterkariert den in der schwulen Subkultur bis heute grassierenden terroristischen Schönheits- und Jugendkult, den viele Heterosexuelle in seiner Grausamkeit gar nicht nachvollziehen können.

In der Ablehnung des eigenen Schwulseins, die sich an dem Verhalten untereinander deutlich macht, steckt die Homosexuellenfeindlichkeit der Gesellschaft. Diese Feindseligkeit wird wie im vorauseilenden Gehorsam übernommen und am Anderen ausgelebt. Das heißt: Schwule identifizieren sich mit dem Aggressor, mit dem heterosexuellen Maßstab der Gesellschaft.

Der heterosexuelle Mann ist nicht der Agressor

Das bedeutet auch, dass man sich den Aggressor nicht als „den heterosexuellen Mann“ vorstellen sollte – das führt zu einem zwar leicht benennbaren, aber undifferenzierten und schließlich falschen Feindbild. Schwulenfeindlichkeit und schwuler Selbsthass haben also weniger mit „dem“ heterosexuellen Mann zu tun, als vielmehr mit der Fantasie einer echten heterosexuellen Männlichkeit.

Die Autorin: Patsy l'Amour laLove ist Polit-Tunte aus Berlin, promoviert derzeit an der Humboldt-Universität in den Gender Studies zur Schwulenbewegung der 1970er Jahre in Westdeutschland und hat unter anderem das LGBTI-Referat des Refrats der HU gegründet.
Die Autorin: Patsy l'Amour laLove ist Polit-Tunte aus Berlin, promoviert derzeit an der Humboldt-Universität in den Gender Studies...Foto: Promo/Dragan Simicevic

Der echte Mann bleibt so immer eine Imagination und genau dieser Umstand führt zum eigentlichen Problem. Gerade weil eine Männlichkeitsfindung hin zum wahrhaft echten Mann nicht glücken kann, verläuft sie mit derart viel Aggression ab. Sie ist ein ständiges Scheitern, denn man kann nicht werden, was es nicht gibt. Was vorhanden ist, sind die Verwerfungen – also das, was nicht zu sein hat, weil es Unmännlichkeit bedeutet: Weiblichkeit und Schwulsein. So muss dieses Vorhandene mit aller Kraft abgelehnt und gehasst werden, was sich schließlich in konkreter Feindseligkeit äußern kann: gegenüber Schwulen und Frauen. Dieser Hass schlägt sich auch im Tuntenhass der Schwulen nieder und macht damit eigentlich auch keinen Hehl aus seinem Ursprung, der Zurichtung nach heterosexuellen Normen.

Bei Selbstablehnung sitzt jeder im Glashaus

Eine geeignete Antwort auf Selbsthass ist es nicht, ihn als Vorwurf zu formulieren, nicht zuletzt, weil beim Thema Selbstablehnung jede und jeder im Glashaus sitzt. Es kann auch nicht darum gehen, die schwule Subkultur oder GayRomeo abzuschaffen und sie als reaktionär zu verdammen. Ganz im Gegenteil braucht es eine selbstbewusste Aufwertung gerade der Aspekte schwulen Lebens, die als unmoralisch, schmutzig und schlicht zu schwul gelten. Insofern findet ein guter Teil schwuler Emanzipation beim Einzelnen statt, der in der Lage ist, eigene Sehnsüchte als solche anzuerkennen, anstatt sie im Anderen zu hassen.

Der Text basiert auf einem Vortrag, den Patsy l'Amour laLove in der Reihe "Selbsthass und Emanzipation" an der Humboldt-Universität gehalten hat. Die Reihe wird am 8. Juli durch eine Vorlesung über Selbsthass unter Trans*Menschen abgeschlossen (Hauptgebäude der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, Raum 1072).

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