„So Pretty“ im Berlinale-Forum : Halte meine Hand, wenn wir auf die Demo gehen

Geschlecht als ein Ensemble von Gesten und Bewegungen: Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli und ihre Schernikau-Hommage „So Pretty“ im Forum.

Eva Tepest
Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli
Jessie Jeffrey Dunn RovinelliFoto: Marissa Evans / Berlinale

„Ich wollte eine Übersetzung in Bilder schaffen“, sagt Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli. Ihr Film „So pretty“ ist eine Hommage an den 1991 mit nur 31 Jahren gestorbenen Autoren, Kommunisten und Schwulenaktivisten Ronald M. Schernikau und dessen Roman „So schön!“. Dieser kam in den 80ern zuerst als Einlage seines Opus’ Magnum „Legende“ heraus und erschien 2012 erstmals separat.

Während Schernikau von einer Gruppe schwuler West-Berliner in den 80ern erzählt, spielt Dunn Rovinellis Film im New York der Gegenwart. Als Wiedergänger der Romanfiguren agieren in „So Pretty“ vier junge Menschen: Franz (Thomas Love), Tonia (gespielt von Dunn Rovinelli selbst), Paul (Edem Dela-Seshie und Erika (Rachika Samarth). Irgendwo zwischen Queens und Manhattan wohnen sie zusammen in einer WG, gehen aus, demonstrieren – ein Film, der ohne große Erzählung auskommt. Als programmatische Eckpunkte dienen Textauschnitte Schernikaus, die die Protagonisten in einem Park, manchmal auch im Bett, verlesen: „dieser film erzählt von vier jungen menschen, die versuchen, ihre liebe zu organisieren. ihr problem ist, daß ihre liebe längst organisiert ist. ihre liebe ist organisiert in ausschließlichkeit, in notwehr und zweisamkeit.“

„Femme as in fuck you“

Romantische Beziehungen, die Organisation von Zeit, Raum und Körpern stehen im Zentrum von „So pretty“. Ein queeres Experiment? Nein, sagt Dunn Rovinelli beim Gespräch. In ihren Augen ist der Begriff queer nicht mehr mit politischem Optimismus verbunden: „Inzwischen dient das Label eher dazu, Unterschiede einzuebnen.“ Als queeren Film möchte sie „So pretty“ daher auf keinen Fall verstanden wissen. Auch wenn nichtnormative, sich liebende Körper zu sehen sind: „Es gibt definitiv schwulen Sex“, sagt Dunn Rovinelli schmunzelnd.

Geschlecht erscheint in „So pretty“ nicht einfach als fluide und niemals als überwunden, sondern als ein Ensemble von Gesten und Bewegungen. Als eine veränderte Beziehung zum Sehen und Gesehenwerden. „Ich möchte, dass der Blick auf die Figuren im Mittelpunkt steht“, so Dunn Rovinelli. Es sind die vielen Rahmen, all die Fenster, Türen und Spiegel, die diese Sichtbarkeit erzeugen. „Ich bin besessen von Rahmen“, gibt die Regisseurin zu. „Sie sind mein Mittel, den Fokus auf die Körper zu lenken“. Eine Bildsprache, die aufgeht, auch wenn sie mitunter arg offensichtliche Metaphern erzeugt. Etwa, als Leinenvorhänge das Fenster verhängen, nachdem Erika bei einer Demonstration verhaftet wurde.

Denn auch die politischen Kämpfe aus Schernikaus Vorlage finden sich im Film wieder, wenn auch in gebrochener Form. Schrieb Schernikau noch „Wir wollen alle Kommunisten sein“, steht Dunn Rovinelli politischer Organisation skeptisch gegenüber. Das zeigt sich etwa in den Abstand gebietenden Blicken von Erika, deren Darstellerin Rachika Samarth einen Teil des träumerischen elektronischen Soundtracks beisteuerte. Statt Politik und Widerstand interessiert Dunn Rovinelli, wie marginalisierte Subjekte sich in einer feindlichen Welt versorgen, Tag für Tag, Kaffee für Kaffee. Das zeigen die vielen Haushaltsszenen, das Spülen, Salatwaschen, Bettenmachen. Es ist ein ruhiger Film. Einer, bei dem die Transparente nicht durch ihre Botschaften bestechen, sondern durch ihre gnadenlose Schönheit: „Femme as in fuck you“ in geschwungenen pinken Lettern.

Tanzen gehen und Titten zeigen

„So pretty“ zeichnet eine Utopie. Doch die basiert nicht auf großen politischen Gesten, sondern auf Freundschaft und Intimität. „Bei einer Demonstration interessieren mich nicht die Slogans, sondern, wie sich Menschen an den Händen halten, wenn sie vor der Polizei weglaufen“, so Dunn Rovinelli. Ein neuer Biedermeier? „Alles was ich will, ist zu feiern, wo ich meine Titten zeigen und zu Techno tanzen kann“, lacht sie.

Was liegt da näher als die Beschäftigung mit Berlin und New York, laut Dunn Rovinelli die „Hauptstädte des nicht traditionellen Sex“. Ihnen will sie Tribut zollen: „Ich möchte mich diesen Orten behutsamen nähern, ohne zu sehr in Klischees zu verfallen.“ Ein Anfang ist mit „So pretty“ gelungen.

16.2., 21.30 Uhr (Arsenal 1)

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