Straßenstrich in Schöneberg : Ungeschützt im Kurfürstenkiez

Wiederholt werden Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen rund um die Kurfürstenstraße angegriffen, vor allem Transsexuelle. Sie fühlen sich dort alleingelassen.

Wiederholt kam es zu Angriffen auf Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen rund um die Kurfürstenstraße.
Wiederholt kam es zu Angriffen auf Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen rund um die Kurfürstenstraße.Foto: Paul Zinken/dpa

Ein paar Wochen lang kamen die Angreifer fast jede Nacht, mittlerweile soll es wieder ruhiger geworden sein: Insgesamt sieben Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter wurden in jüngster Zeit in der Gegend rund um die Kurfürstenstraße attackiert, darunter einige Transsexuelle.

Ungefährlich war die Arbeit am Straßenstrich nie, doch immer wieder eskaliert die Gewalt nachts phasenweise, berichtet der Streetworker Gerhard Schönborn vom christlichen Hilfsverein Neustart, der seit 15 Jahren im Kiez seine Runden dreht. Vor ein paar Jahren, erinnert sich Schönborn, habe eine Männergruppe transsexuelle Prostituierte mit dem Baseballschläger zusammengeschlagen. „Da stand dann jeden Abend die Polizeistreife an der Ecke.“

Ein anderes Mal fand Schönborn auf seinem Weg einige aufgeplatzte Joghurtbecher, Bewohner hatten sie aus dem Fenster auf die Sexarbeiterinnen geworfen. In einer anderen Nacht warfen Männer aus dem heruntergelassenen Autofenster Böller auf die Frauen.

"Sexarbeiterinnen fühlten sich dort sehr lange alleine gelassen"

Dieses Mal, berichten Betroffene dem Verein TransInterQueer, seien die gleichen Männer wieder und wieder mit dem Auto in der Frobenstraße vorgefahren. Dann wurden sie beleidigt und bedroht, mal flogen Glasflaschen, mal stiegen die Männer aus und rannten den Frauen hinterher.

Doch von der Polizei ernst genommen fühlten sich die Frauen zunächst nicht. „Die Sexarbeiterinnen fühlten sich dort sehr lange alleine gelassen“, berichtet eine Mitarbeiterin von TransInterQueer. Mittlerweile teilt die Berliner Polizei auf Nachfrage mit, seien die „Maßnahmen zum Schutz der potenziellen Opfer angepasst worden“, doch die Frauen bleiben mit einer tiefen Verunsicherung zurück: „Sie haben Angst, die Täter könnten in anderer Form wieder zuschlagen“, berichtet die TransInterQueer-Mitarbeiterin.

Wesentlich verändert hat sich die Situation in der Gegend der Kurfürstenstraße über die vergangenen Jahre nicht, bis vor Kurzem galt die Gegend als „kriminalitätsbelasteter Ort“ (kbO), also ein von der Polizei als besonders gefährlicher Ort eingestufter Bereich, in dem die Polizisten unter anderem auch eine Person ohne Anfangsverdacht kontrollieren dürfen. Seit Ende Januar zählt die Kurfürstenstraße nicht mehr zu dieser Kategorie, als Grund gibt die Polizei Berlin die „die Senkung der Kriminalitätsbelastung für kbO-spezifische Delikte“ im zuständigen Polizeiabschnitt 41 an.

Verschiedene Diskriminierungsformen kommen zusammen

Als einer, der seit vielen Jahren intensiv in der Gegend unterwegs ist, sieht Schönborn diesen Schritt skeptisch: „Die Männer, die dort das Geld abschöpfen, kann man jetzt weniger kontrollieren.“ Dass es jetzt weniger Auseinandersetzungen gebe, liege nicht daran, dass die Gegend um die Kurfürstenstraße friedlicher geworden sei: „Zuhälterei und Ausbeutung sind weiterhin genauso da, nur die Bereiche sind klarer aufgeteilt“, sagt Schönborn. Und unter den Frauen, die dort am Straßenstrich ihr Geld verdienen, seien Transsexuelle Gewalt besonders stark und ungeschützt ausgeliefert.

„Hier kommen verschiedene Diskriminierungsformen zusammen“, erzählt auch die Mitarbeiterin von TransInterQueer. Viele der Frauen haben eine Migrationsgeschichte und sprechen wenig Deutsch, sie erfahren Rassismus, Sexismus, Feindlichkeit gegen ihre geschlechtliche Identität und ihre Position als Sexarbeiterinnen.

„Menschen werden dadurch zu einer besonderen Angriffsfläche. Die Gewaltausbrüche sind nur die Spitze des Eisbergs“, erzählt die Mitarbeiterin des Vereins. Tiefgreifender sei die strukturelle Benachteiligung, die Menschen, die nicht den typischen geschlechtlichen Standards und Normen von Mann und Frau entsprechen, von Staat und Gesellschaft erfahren. Bei den Sexarbeiterinnen an der Frobenstraße kommt hinzu: Ohne gute Deutschkenntnisse haben sie auf dem klassischen Arbeitsmarkt kaum eine Chance.

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