Trans* und Intersexualität : Wilde Geschlechter

Trans*, Transgender, Intersexualität: Gerade in großen Städten wie Berlin gibt es viele, die sich nicht als "Mann" oder "Frau" einordnen lassen wollen. Ein Glossar.

All-Gender-Toilette im "Südblock" am Kotti.
All-Gender-Toilette im "Südblock" am Kotti.Foto: Tilmann Warnecke

Entweder Mann oder Frau – so einfach schien die Welt früher. Diese Zeiten sind vorbei. Zunehmend machen Menschen von sich reden, die sich in diese zwei Schubladen nicht einordnen wollen oder können. Anderen reichen die zwei Schubladen zwar aus, aber sie wechseln von einer in die andere. Wie der „Lesbische Ex-Mann“ mit drei Kindern, über den schon vor einigen Jahren berichtet wurde. Eine thailändische Airline wirbt mit ihren transsexuellen Flugbegleiterinnen. Australien erlaubt in seinen Pässen neben den Geschlechtern „F“ und „M“ auch ein „X“ als dritte Option. „Die Menschen wollen ihr Leben immer stärker selbst gestalten. Auch wenn es um das Geschlecht geht“, sagt Sabine Hark, Professorin für Soziologie und Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin.

Nicht jeder Mensch will als (heterosexueller) „Mann“ durchs Leben gehen, nur weil er mit einem Penis geboren wurde, und nicht jede Person mit einer angeborenen Vagina betrachtet sich als (heterosexuelle) „Frau“. Solche Menschen haben eine Geschlechtsidentität und/oder eine sexuelle Orientierung jenseits der klassischen Kategorien: nicht nur als Transsexuelle, sondern auch als Pansexuelle, Omnisexuelle oder Transgender. Manche geben ihre Geschlechtsidentität gleich lieber mit „unsicher“ oder „wasauchimmer“ an. „In großen Städten wie Berlin gibt es viele Milieus, in denen andere Geschlechter gelebt werden“, sagt Hark.

Das Kreuzberger Café „Südblock“ hat sich darauf eingerichtet: mit einer Gemeinschaftstoilette für Frauen, Männer und alle weiteren Geschlechter: „Die Toilette ist ein klassischer Ort der Diskriminierung“, sagt Dennis Kuhlow, Wirt vom „Südblock“. „Dort wird den Leuten zugemutet, sich den Männern oder den Frauen zuzuordnen, obwohl sie das gar nicht können. Darum haben wir das Transgenderklo.“

Transgender? Die neuen Kategorien sind für die Mehrheitsgesellschaft verwirrend. Wer ist hier eigentlich wer?

Transgender wird als Oberbegriff für alle Identitäten verwendet, die sich nicht mit (Hetero-)„Mann“ oder -„Frau“ beschreiben lassen. Gender ist das englische Wort für Geschlecht. Angesichts der großen Vielfalt sprechen Kenner aber nur noch von „Trans*“. Der Stern verweist eben auf die unendliche Fülle der Möglichkeiten, die sich gegen vereindeutigende Kategorien sperrt. Manche Formen des Trans* werden vor allem spielerisch betrieben. Wer etwa als Mann erzogen wurde, sich aber eines Morgens die Freiheit nimmt, sich heute als „unbestimmt“ oder als „Frau“ zu fühlen, kann aufregende Selbstbegegnungen machen, neue erotische Erlebnisse eingeschlossen.

Es kann sich bei Trans* um eine mentale Erfahrung handeln oder um einen Auftritt bei einer Szene-Party: als Cross-Dresser, Drag Queen, Drag King (Personen aller Geschlechter, die mit unterschiedlicher Absicht stereotype Geschlechterrollen darstellen und sich entsprechend kleiden), als Girl Fag (Frau, die besonders gerne mit Schwulen Umgang pflegt oder sich selbst „als schwuler Mann im Körper einer Frau“ betrachtet) und vieles andere mehr.

Manche Trans* wollen einfach Spaß. Andere wollen provozieren. Die meisten Menschen empfinden es als irritierend oder sogar als anmaßend, wenn eine Person sich als „Mann“ in Szene setzt, ohne über die dafür üblichen anatomischen Merkmale zu verfügen. „Solche Auftritte hinterfragen die herrschenden Verhältnisse. Denn sie machen bewusst, wie künstlich die Inszenierung von ,Mann’ und ,Frau’ überhaupt ist“, sagt Geschlechterforscherin Hark. Oder in den berühmten Worten von Simone de Beauvoir: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Was natürlich auch für „Männer“ gilt. Während manche Trans* ihr subversives Spiel jederzeit beenden können, ist für andere das Leben als Trans* ein tiefes Bedürfnis. Diese Menschen leiden besonders unter feindseligen Reaktionen.

So empfinden manche Menschen eine Diskrepanz zwischen ihren angeborenen körperlichen Geschlechtsmerkmalen und dem sozialen Geschlecht, in dem sie sich zu Hause fühlen. Ein prominentes Beispiel ist der Stabhochspringer Balian Buschbaum. Er wuchs als Yvonne Buschbaum auf, veränderte sich aber als Erwachsener mit medizinischer Hilfe äußerlich zum Mann und erklärte, er habe sich „schon immer als Mann gefühlt“. Weil das äußere Erscheinungsbild der schon lang gefühlten Geschlechtsidentität angepasst wird, verwahren sich transsexuelle Menschen gegen den Begriff „Geschlechtsumwandlung“. Stattdessen sprechen sie von „Geschlechtsangleichung“. Transsexuelle Menschen lehnen sich in aller Welt gegen entwürdigende medizinische Praktiken und Diskriminierung auf.

Voyeurismus und Häme bekommen auch Menschen zu spüren, die mit uneindeutigen körperlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden (Intersexualität). Die südafrikanische Star-Sprinterin Caster Semenya wurde 2009 demütigenden Untersuchungen unterzogen und öffentlich entwürdigt, weil sie dem herrschenden Bild von einer „Frau“ nicht entsprach und unter dem Verdacht stand, intersexuell zu sein. Schon intersexuelle Kinder und Jugendliche werden oft über Jahre hinweg medizinischen Eingriffen unterzogen, die zu ihrem seelischen Wohl Eindeutigkeit herstellen sollen. Doch viele Intersexuelle (die sich selbst auch Zwitter oder Hermaphroditen nennen) leiden lebenslang körperlich und seelisch unter den Folgen der Eingriffe. Aktivisten kämpfen darum für das Ende der Zwangsoperation von Kindern. Auch für viele Intersexuelle wäre es eine Befreiung, wenn die Mehrheit sich an andere Geschlechter neben Mann und Frau gewöhnen könnte. „Mehr als nur zwei Geschlechter: Das würde den Realitäten viel besser entsprechen“, sagt Hark. Die Übergänge zwischen den menschlichen Körpern seien sowieso fließend, im Rollenverhalten sehe es nicht anders aus. „Südblock“-Wirt Kuhlow hält die Teilung in Frauen und Männer für ein Auslaufmodell: „In der jetzigen Generation stellt sich diese Frage gar nicht mehr.“

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