Die Geschichte eines Albtraums

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Transgeschlechtliche Flüchtlinge : Bedroht - im Irak und in Berlin
Dania in Berlin.
Dania in Berlin.Foto: Fabiana Zander Repetto

In diesen Tagen wird diskutiert, ob Muslime und Christen gemeinsam untergebracht werden können. Es müsste auch besprochen werden, ob es Dania zuzumuten ist, in einem Männerschlafsaal zu übernachten.

Jouanna Hassoun, die für den Lesben- und Schwulenverband queere Flüchtlinge unterstützt und auch Dania begleitet, wünscht sich Einzelzimmer für sie oder zumindest Gruppenunterkünfte mit anderen Trans- oder Homosexuellen.

Die seien schon unterwegs Repressalien ausgesetzt, und in den Heimen würden die Mitgeflüchteten ihre Trans- und Homophobie auch nicht plötzlich vergessen. „Sie werden noch schlechter behandelt als Frauen. Wie Abschaum“, sagt sie.

Neun Anfragen pro Tag

Bis zu neun Anfragen von Transpersonen erhält Hassoun jede Woche. Auch, weil queere Flüchtlinge aus ganz Deutschland im offenen Berlin unterkommen möchten. Obwohl der Senat deren besondere Schutzbedürftigkeit bei der Unterbringung anerkannt hat – als einzige Landesregierung so ausdrücklich –, ist bislang wenig passiert. Hassoun kämpft für einen eigenen Ansprechpartner am Lageso. Dann bräuchte Dania keinen Bodyguard.

Einen Tag später öffnet Dania in einem blauen Sommerkleid die Tür zu einer hellen Schöneberger Altbauwohnung. Sie ist an diesem Mittag noch nicht richtig wach, Teenager schlafen viel.

Aber sie ist anders als gestern. Sie bewegt sich sicher. Ganz ohne Make-up. Sie macht Tee. Dania wird nun die ganze Geschichte erzählen. Mit einer Bedingung: aus dem Arabischen übersetzen darf nur eine Frau.

Der Dolmetscher beschimpfte sie

Letzte Woche, als sie ein zweites Mal versucht hat, sich beim Lageso zu registrieren, war ein junger Syrer als Dolmetscher dabei. Er wollte helfen, Bekannte hatten ihn vermittelt. Dania verbrachte den ganzen Tag mit Mohammed. „Versuch doch wenigstens normal zu sein“, soll er gesagt haben. Er sei immer wütender geworden.

Ob sie eigentlich wisse, was Allah über Menschen wie sie denke? Zwei Schritte sei er hinter ihr gelaufen. In sicherer Entfernung zur Schande.

„Wirklich, die ganze Geschichte?“, fragt Dania nun zum wiederholten Mal, ihre Fingernägel klackern gegen die Teetasse. Es klingt, als sei sie noch nicht oft danach gefragt worden.

Mit sieben Jahren missbraucht

Die Geschichte, stellt sich gleich heraus, lässt sich an ihrem Körper ablesen. Die Namen des kleinen Bruders, der älteren Schwestern und der wichtigsten Freunde hat sich Dania in die Haut stechen lassen.

Dania wurde 1996 in Bagdad geboren, ihre Mutter war die jüngste von mehreren Frauen eines Bankdirektors. Dann kam der Krieg in den Irak, 2003. Im Schöneberger Innenhof regnet es Kastanien, Dania erschrickt.

Sie erzählt, wie ihre Familie zerbrach, dass sie als Siebenjährige von ihrem 15-jährigen Halbbruder vergewaltigt wurde, dass er sie an Freunde verkauft hat. Tränen füllen ihre braunen Augen, aber sie kullern nicht.

Ihre Mutter, berichtet Dania, habe sie mitten in der Nacht auf die Straße geworfen. Der kleine Bruder sei bei der Schwester untergekommen, sie aber, wie immer zwischen allen Lagern, habe dort keinen Platz gehabt. Weil sie, wie gerade, die Beine eng übereinanderschlägt, weil sie den Kopf in den Nacken wirft. Weil sie eine Frau ist. Ihre Eltern hatten vergeblich gehofft, dass sich das auswachsen würde.

Alkohol mit acht

Nur knapp entkam sie dem Bordell, arbeitete als Achtjährige in einem Café, probierte früh Alkohol und Zigaretten auf der Straße aus. Tanzte schließlich, mit 15, in einem Nachtclub. Verliebte sich zum ersten Mal. Das ging ein paar Jahre gut.

Eines Tages war ihre Wohnung zerwühlt, als sie nach Hause kam. Auf dem Weg zur Arbeit fühlte sie sich verfolgt. Ein anderes Mal lag ein Strick vor ihrer Tür. Dann Patronenhülsen. Eine Plastiktüte, darin: ein Feuerzeug und eine Gasflasche.

Vor etwa einem Jahr wurden Danias schwule Freunde vom IS gesteinigt. Ihre Leichen lagen tagelang auf der Straße. Zur Abschreckung. Und schließlich erhielt auch sie einen Brief: Wir werden dich töten, du bist eine Sünde, in einer halben Stunde sind wir da. Sie beschloss zu fliehen.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

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