„Ugly Duckling“ am Deutschen Theater : Die geschminkte Wahrheit

Regisseur Bastian Kraft verkuppelt in „Ugly Duckling“ drei Berliner Dragqueens mit drei Darstellern des Deutschen Theaters.

Königin des Playback. Die Dragqueen Judy LaDivina.
Königin des Playback. Die Dragqueen Judy LaDivina.Foto: Arno Declair

So gut ist die Stimmung im Theater selten: Wenn die Berliner Dragqueen Gérôme Castell einen leicht verfremdeten Knef- Song ins Mikro donnert oder ihre Kollegin Judy LaDivina eine ihrer spektakulären Playback-Nummern auf die Bretter haut, tobt der komplette Zuschauersaal in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Keine Frage: Die Qualität der Show Acts liegt bei 100 Prozent an diesem Abend, für den Regisseur Bastian Kraft unter dem Titel „Ugly Duckling“ drei Stars der Berliner Drag-Szene mit drei DT-Schauspielern zusammenbringt.

Etwas schwieriger gestaltet sich der Rest der Inszenierung, also der Theater-Teil. Dessen Grundidee besteht darin, die Akteure anhand der (bekanntlich nicht gerade Optimismus versprühenden) Märchen von Hans Christian Andersen in die eigenen Biografien eintauchen zu lassen. Wobei der Regisseur naheliegenderweise Verwandlung zum Leitmotiv des Abends macht. Die Performerinnen sitzen in Peter Baurs Bühnenbild auf Barhockern um eine Schminkinsel herum, die typisches Theatergarderobenflair mit nächtlichem Bartresen-Charme verbindet.

Befreiendes Spiel mit Identitäten

Analog zu Andersens Geschichte vom verstoßenen, getretenen und (identitätskrisen-)gebeutelten Hässlichen Entlein, dem titelgebenden „Ugly Duckling“, das nach einer harten Passionsgeschichte zum stolzen Schwan mutiert, verwandeln sich die Bühnen-Stars im Laufe des knappen Zweistünders quasi live und in Echtzeit in ihre Show-Charaktere, die ja möglicherweise auch ihr eigentliches Ich sind. Oder irgendetwas zwischen diesen beiden Polen; wer weiß das schon so genau.

Um das befreiende Spiel mit Identitäten, um Existenzformen, die eben nicht einengend und festschreibend wirken, geht es ja gerade an diesem Abend. „Mein Leben als Mann war die ungeschminkte Lüge“, sagt Gérôme Castell irgendwann zu vorgerückter Stunde, im kleinen Pinkfarbenen an der Rampe stehend. „Das hier ist die geschminkte Wahrheit.“

Verliebt in einen irdischen Prinzen

An solchen Bonmots herrscht kein Mangel; Entertainment-Probleme hat der Abend definitiv nicht. Eher im Gegenteil, zumal vor dem Hintergrund von Andersens Düsternis. Da dient etwa das Märchen von der Kleinen Meerjungfrau, die ihren Fischschwanz und ihre Unterwasser-Prinzessinnen-Existenz zu einem hohen Preis gegen menschliche Beine eintauscht, weil sie sich in einen irdischen Prinzen verliebt hat, als Sprungbrett für diverse Schwanz-Assoziationen. Den bewusst irritiert nachfragenden Schauspielkollegen Helmut Mooshammer klärt Judy LaDivina minuziös über verschiedene Varianten der Penisabklebung für Auftritte in engen Abendkleidern auf.

Drag-Star Jade Pearl Baker performt einen lustigen Prinzen-Macker, dessen breitbeiniger Schlenkergang bei der Kontaktanbahnung mit der Meerjungfrau für alle Rollennachfolger hohe Maßstäbe setzt. Und die Schauspielerin Regine Zimmermann darf launig darüber räsonieren, was eigentlich diese Jungfräulichkeitszuschreibung im Märchentitel zur Sache tut, warum die Story nicht einfach „Die Meerfrau“ heißt und inwiefern ein Fischschwanz beischlafverhindernd wirkt. Nun ja.

Nachdenken über Ohnmacht und Selbstermächtigung

Alles ganz nett also, aber oft auch harmlos. Und mit leicht didaktischen Anflügen; nicht nur am Schluss, wo Zimmermann noch einmal plakativ ausrufen muss, was der Abend bis dato eigentlich performativ transportiert haben sollte: Dass sie es großartig fände, wie die Bühnenkollegen sich die Freiheit nähmen, sie selbst zu sein. Dass sie, ungeachtet der Genderfrage, das Gefühl ebenfalls kenne, nicht dazuzugehören. Und dass sie jetzt – als „Frau Mitte 40“ sei es schließlich auch nicht so leicht – übrigens mal ihren Rücken zeige.

Schade eigentlich, denn mit mindestens einem Motiv – nämlich der Stimme, die Andersens Meerjungfrau für ihre Erd-Existenz ebenfalls opfern musste – trifft der von Kraft und dem Ensemble gemeinsam entwickelte Abend einen Punkt. Ausgehend von der traurigen Märchen-Nixe, die sich ihrem Angebeteten nicht mitteilen kann und sterben muss, wird in den besten Momenten aus ganz verschiedenen Perspektiven über Sprech- und Benennungsakte, Ohnmacht und Selbstermächtigung nachgedacht. Gérôme Castell erzählt, wie sie vor sechs Jahren, als sie bei einem homophoben Überfall brutal zusammengeschlagen wurde, das rechte Augenlicht verlor und, bis dato immer selbstbewusst und schlagfertig, in eine Depression geriet. Auf der anderen Seite überführt Judy LaDivina, die Playback-Königin des Abends, den eigenen temporären und freiwilligen Stimmverzicht als künstlerische Methode in einen Aneignungsakt anderer Stimmen, der, performativ betrachtet, wirklich seinesgleichen sucht: ein Erfolgsmodell.
Wieder am 30. April und 7. Mai

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