Wo Israel pink ist : 250.000 bei LGBTQ-Parade in Tel Aviv

Tel Aviv gilt nicht nur wegen der Pride Parade als Zentrum für Homosexuelle im Nahen Osten – anderswo droht ihnen die Todesstrafe.

Eine Person feiert auf der Gay-Pride-Parade in Tel Aviv, auf der sich die Menschen auch für LGBT-Rechte einsetzen.
Eine Person feiert auf der Gay-Pride-Parade in Tel Aviv, auf der sich die Menschen auch für LGBT-Rechte einsetzen.Foto: Ilia Yefimovich/dpa

Ihre nackten, verschwitzen Oberkörper glänzen im Licht der Mittelmeer-Sonne - und die Männer auf dem Paradewagen wissen, diese im Rhythmus der Musik einzusetzen. Unter ihnen: ein Meer von Menschen, mit Regenbogen-Fahnen, in pinken Shirts und Hotpants. Manche tragen Bikinis. Sie tanzen, jubeln, feiern – es ist Pride Parade in Tel Aviv.

Seit Tagen hat sich die Stadt für das Event herausgeputzt, überall in der Stadt, an Cafés, Bars und Supermärkten hängen die bunten Fahnen. An den Stränden steigen Parties, kein Abend vergeht, ohne dass irgendwo ein Pride-Event stattfindet. Und an diesem Freitag nun, wie jedes Jahr, der Höhepunkt: Die Parade, die bei knapp 30 Grad und strahlendem Sonnenschein durch die Stadt und am Strand entlangführt und in einer großen Party mit Blick aufs Mittelmeer endet. Wo der Tag für manche erst beginnt.

Rund 250.000 Menschen sind bei der Pride-Parade in Tel Aviv unterwegs, es ist die größte ihrer Art im Nahen Osten – und nahezu die einzige. In weiten Teilen Israels und vor allem in Tel Aviv, genießen Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle sowie Queers (LGBTQ) Rechte und Freiheiten, an die in den arabischen Nachbarländern nicht zu denken ist: Dort müssen sie ihre Homosexualität weitgehend geheim halten – und müssen sogar um ihr Leben fürchten.

Amerikanischer Schauspiel-Star als „Pride Botschafter“ in Tel Aviv

Tel Aviv hingegen gilt als beliebtes Reiseziel für die LGBTQ-Gemeinde weltweit, gerade in dieser Juni-Woche. Das Tourismusministerium schätzt, dass dieses Jahr wieder bis zu 30.000 für die Pride Parade aus dem Ausland angereist sind. Als diesjähriger internationaler „Pride Botschafter“ mit dabei: der US-Schauspieler Neil Patrick Harris, bekannt aus seiner Rolle in der TV-Serie „How I Met Your Mother“.

Im Iran und im Jemen, in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten droht bei Homosexuellen hingegen sogar die Todesstrafe. Erst vor wenigen Tagen hatte der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif beim Besuch seines Amtskollegen Heiko Maas das Gesetz verteidigt, wonach Homosexuelle erhängt oder gesteinigt werden können. Auf Nachfrage eines Bild-Reporters sagte er: „Unsere Gesellschaft hat moralische Prinzipien. Das sind moralische Prinzipien in Bezug auf das Verhalten von Leuten im Allgemeinen. Und das besteht darin, dass das Recht eingehalten wird und dass man sich an Gesetze hält.“

In Ägypten ist im Januar ein Journalist zu einer einjährigen Haft verurteilt worden, weil er im Fernsehen einen Schwulen interviewt hatte. Und im Libanon, wo 2017 zum ersten mal die „Beirut Pride“ stattfand, wurde das Event ein Jahr später wieder eingestellt, nachdem der Veranstalter von der Polizei festgenommen und verhört wurde.

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Auch in den palästinensischen Gebieten ist Homosexualität verpönt, nicht selten werden sie von ihren Familien ausgegrenzt, auch Fälle von Gewaltanwendung sind bekannt. Viele in den besetzten Gebieten beklagen zwar, Israel würde mit seiner Pride-Woche von der Unterdrückung der Palästinenser ablenken – „Pink Washing“ nennen sie das. Doch auch manch ein Palästinenser flieht angesichts des Umgangs mit Homosexuellen in seiner Heimat lieber nach Tel Aviv. Die Stadt gilt vielen als das Paradies für LGBTQs – wegen der Pride-Week und den zahlreichen Schwulen- und Lesben-Bars und Parties, aber auch, weil die Stadt seit Jahren ein entsprechendes Zentrum und einen städtischen Berater für LGBTQ-Rechte hat.

40 israelische Städte wollen sich stärker der LGBTQ-Gemeinde widmen

Berichten zufolge sucht Tel Aviv derzeit nach rechtlichen Wegen, um auf kommunaler Ebene Zivilehen zu schließen, damit auch Schwule und Lesben heiraten können. Denn bislang darf in Israel nur das orthodoxe Rabbanut Ehen schließen – und das weigert sich, auch Homosexuelle zu vermählen. Vor wenigen Tagen gaben sich deshalb 23 schwule und lesbische Paare bei einer inszenierten Massenhochzeit in Tel Aviv demonstrativ das Ja-Wort, um für die gleichgeschlechtliche Ehe einzutreten.

Zwar ziehen mittlerweile auch andere Städte in Israel mit: Auf Initiative von Tel Aviv unterschrieben im vergangenen Monat 40 Bürgermeister eine Erklärung, dass sie sich der LGBTQ-Gemeinde widmen wollen. Und doch gibt es auch in Israel, dem wohl LGBTQ-freundlichsten Staat des Nahen Ostens, noch Probleme: Innerhalb strengreligiöser jüdischer Kreise ist Homosexualität wie im Islam verpönt. Bei der Gay-Parade in Jerusalem 2015 stach ein ultraorthodoxer Mann mit einem Messer auf Besucher ein, eine 16-Jährige starb an ihren Verletzungen.

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