Auf ihre Kindheit kommt sie immer wieder zurück

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Rachel Libeskind : Die Kunstgläubige
Vater und Tochter. 2003 bei der Eröffnung eines Atelierhauses auf Mallorca.
Vater und Tochter. 2003 bei der Eröffnung eines Atelierhauses auf Mallorca.Foto: p-a/dpa

Libeskind kam im Frühjahr 1989 zur Welt, da lebte die Familie noch in Mailand. Ein paar Monate später gewann Daniel Libeskind mit seinem Entwurf „Between the Lines“ den Wettbewerb für das Jüdische Museum, die Familie zog nach Berlin. Für Rachel Libeskind war das Jüdische Museum wie ein Familienmitglied. Wenn ihre Mutter Nina Führungen durch den kalten Rohbau gab, lief sie mit. Die Familie lebte in Charlottenburg, Rachel ging in Zehlendorf auf die zweisprachige JFK-Schule, wo sie von der britischen BBC als Cartoon-Sprecherin gecastet wurde, als Stimme der Hauptfigur in der britischen Sendung „Marvellous Milly“. In dieser Zeit entwickelte sie eine Leidenschaft für die Malerei und eine Aversion gegen die Bundesjugendspiele. „Ich war so superklein. Ich habe mir sieben Jahre hintereinander ein Attest geholt.“

Auf ihre Kindheit kommt sie immer wieder zurück, es hört sich nach einer Mischung aus Pippi Langstrumpf und Truman Show an: abenteuerlich, privilegiert. Und ein wenig verstörend. „In meiner Familie war es nicht erlaubt, sich zu langweilen“, sagt sie. Lies was! Mal was! Beschäftige dich! Bloß keine Gleichgültigkeit, kein Stillstand, keine Mittelmäßigkeit. Die Urlaube verbrachte die Familie in barocken Kirchen und nicht am Strand.

Eine Anekdote aus dem Winter 1999, Libeskind war damals zehn Jahre alt und der „Tagesspiegel“ hatte zu einem Weihnachtsgedichte-Wettbewerb aufgerufen, an dem auch ihre Schule teilnahm. Weil Weihnachten bei den Libeskinds nicht gefeiert wurde, musste die Viertklässlerin ihrer Lehrerin erklären, dass sie nichts beitragen könne. Doch die Lehrerin blieb stur, und so verfasste Rachel schließlich ein Gedicht, in dem eine Schneeflocke langsam an einem Fenster vorbeischwebt und einer glücklichen Familie bei der Bescherung zuschauen muss. Die Schneeflocke ist nicht nur ausgeschlossen, sie weiß auch, dass sie sterben wird, sobald sie den Boden erreicht. Für das Gedicht wurde Libeskind später ausgezeichnet, mit Preisverleihung in der Gedächtniskirche.

Sie wollte einen eigenen Weg zu ihrer Religiosität finden

„Ist das nicht eine unfassbar düstere Geschichte? Aber mir geht’s gut, keine Sorge“, sagt die 27-Jährige und lacht kurz und heftig. Am 9. September 2001 feierte das Jüdische Museum Eröffnung. Doch ein anderes Ereignis, nur einen Tag zuvor, war noch viel prägender. Die Zwölfjährige feierte Bat Mitzwa, was für ihre atheistischen Eltern befremdlich war. „Rachel war schon immer ein unabhängiger Charakter. Insofern passte die Entscheidung zu ihr. Sie wollte mit der Familientradition brechen“, sagt ihre Mutter Nina heute.

Rebellion in Form einer Bat Mitzwa? Sie habe einen eigenen Weg zu ihrer Religiosität finden wollen, sagt Libeskind. In ihrer Familie gab es 33 Rabbis. Um 1900 war es ihr Urgroßvater, der im Namen Liebeskind das E strich. „Er wollte nicht, dass die Leute denken, dass wir deutsch sind“, erklärt sie. Die Eltern ihres Vaters überlebten den Holocaust und wendeten sich komplett vom Judentum ab. „Sie sahen in der Religion die Wurzel all ihres Übels.“ Rachel Libeskind weiß immer noch nicht, ob sie religiös ist. „Aber ich weiß, dass ich ein großes Problem mit der Rolle der Frau im Judentum habe. Ich möchte meinen Feminismus nicht für die Religion opfern.“

Sie wirkt älter als 27, wie sie da, bei einem nächsten Treffen, so sitzt, in ihrem Studio, einem großen, hellen Loft, in Bedford-Stuyvesant tief in Brooklyn, eine Camel zwischen den Fingern, im Hintergrund läuft Nina Simone. In einer Ecke stehen Schaufensterpuppenköpfe, in der anderen eine graue Samtcouch, in der Mitte ein riesiger Holztisch. An der Wand hängen sechs Teppiche, die jeweils ein unterschiedliches Bild der Beschneidung Jesu Christi zeigen: ihre nächste Ausstellung. „Ich bin von der Geschichte um die heilige Vorhaut besessen“, sagt Libeskind.

Sie ging auf die Saint Ann’s, wie Lena Dunham und Vito Schnabel

Wäre es nach ihrem Vater gegangen, wäre auch sie Architektin geworden. Doch das wollte sie nie. „Man ist so abhängig von anderen. Ich habe meinen Vater leiden gesehen“, sagt sie. Ist es Druck, eine Libeskind zu sein? „Nein, ehrlich gesagt nicht. Es ist vor allem ein Privileg.“ Wenn man Rachel Libeskind nach ihrem Lieblingsgebäude fragt, sagt sie deshalb auch ohne zu zögern: „Das Jüdische Museum.“ Sie sieht ihre Eltern regelmäßig, und sie streiten sich regelmäßig. „Sie sind ältere, weiße, reiche Leute, die in New York leben. Sie haben ein anderes Bewusstsein, zum Beispiel, was den alltäglichen Rassismus betrifft.“ Es sei für sie außerdem schwierig gewesen, anzusehen „wie die Architektur meines Vaters an Radikalität verloren hat. Er ist kommerzieller geworden“.

2003 war es wieder ein gewonnener Architektenwettbewerb, der die Familie Libeskind umziehen ließ. Dieses Mal New York City, das neue World Trade Center. Auf der Saint Ann’s, einer kunstorientierten Privatschule in Brooklyn, das für seine Celebrity-Eltern und hohe Gebühren bekannt ist, fühlte sich Libeskind wohler als in Zehlendorf. „Man hat uns wie Erwachsene behandelt.“ Schauspielerin Lena Dunham, Kunsthändler Vito Schnabel und Modedesigner Zach Posen haben hier ihren Abschluss gemacht. Anschließend belegte Libeskind Französische Literatur in Harvard, bis ein Professor sie fragte, warum sie nicht Kunst studiere. „Ich habe gesagt, dass ich nicht im Schatten meines Vaters stehen will. Und der Professor meinte: Das ist kein guter Grund.“ Das saß. Sie wechselte das Hauptfach und machte 2011 ihren Abschluss in „Visual Arts“.

Noch eine Camel, dann zieht Rachel Libeskind ihren rechten Ärmel hoch. Von der Schulter bis zur Armbeuge zeichnet sich eine kurvige Narbe ab. Ein Skiunfall in der Schweiz vor vier Jahren. Sie lag da im Schnee, der Oberarm zersplittert, fast besinnungslos, und starrte ins Blau. „Ein erhabener Moment.“ Neun Monate konnte sie kaum arbeiten, danach begann sie mit Gewichtheben und hörte nicht mehr auf, es wurde eine Sucht. Typisch, dieser Drang, dieser Zwang.

„Lies was! Mal was! Beschäftige dich!“ – würden ihre Eltern sagen.

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