"Wir wollten keine langen Soli, so ein Musikergewichse"

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Rammstein-Keyboarder Christian "Flake" Lorenz : "Das Böse hat eine absolute Energie"
Fan-Jubel. Die Band Rammstein im New Yorker Madison Square Garden.
Fan-Jubel. Die Band Rammstein im New Yorker Madison Square Garden.Foto: Guido Karp

Wie sind Sie eigentlich zu Rammstein gekommen?

Ich bin nach der Wende wie alle anderen Ost-Musiker rumgeirrt, hatte eine ABM-Stelle und bin durch die Übungsräume gerannt, um zu gucken, was sie da so tun. Dann luden mich die Leute von Rammstein zur Probe ein, zwei kannten mich noch aus alten Punkbandzeiten, und sie dachten wohl, ich bin gut für die Band. Aber vor allem: Ich hatte einen Sampler, einen Akai S900. Und dann war da sofort eine gewaltige Energie, die ich nie zuvor gespürt hatte.

Was für Texte waren das damals?

Am Anfang noch englische. „Weißes Fleisch“ hieß noch „White Flesh“. Ich mit meinem schlechten Englisch glaubte, das heißt „Weißer Blitz“ und dachte, es ginge um den Atomschlag. Ich fand das total cool.

Hatte die Band einen Plan? Provokation? Feuerwerk?

Überhaupt nicht. Wir wussten nur, was wir nicht wollten: Amerikaner nachmachen, uns beim Publikum anbiedern und rufen: „Seid Ihr gut drauf?! Hallo Magdeburg!“ Oder lange Soli, so ein Musikergewichse.

Obwohl der ein oder andere von Ihnen schon zu einem Solo imstande wäre.

Natürlich. Aber gute Musik zu machen heißt ja nicht, viele Töne zu spielen. Gut ist nicht kompliziert. In der Reduzierung liegt der Reiz.

Rammstein wird oft vorgeworfen, keine originelle Musik zu machen. Marschartiger, schwerer Sound, Klangwände, rollendes R.

Standpunktfrage. Für meine Oma waren auch die Beatles und die Stones dasselbe, Hottentottenmusik. Wenn’s mal monoton ist, dann ist die hypnotische Wirkung ja beabsichtigt. Im Übrigen ist das alles viel schwieriger, als es aussieht. Jeder Break, jede Geschwindigkeit ist extrem sorgfältig abgestimmt.

Genau das Gegenteil von dem, was Sie in den Achtzigern im Osten gemacht haben. Ihre Band damals, „Feeling B“ …

… das war Punk. Da kam keiner so richtig mit, nicht mal wir selbst. Unser Sänger konnte überhaupt nicht den Takt halten, und darauf mussten wir Musiker dann reagieren. Das hat oft überhaupt nicht funktioniert. Aber lustig war’s immer.

Und nicht gerade unauffällig. Ist doch ein Ding, dass das in der DDR möglich war, oder?

Wir hatten ein Riesenglück. Die Punkbands vor uns sind ja noch abgewandert. Die kamen ins Gefängnis oder mussten zur Armee. Aber wenn es für uns so gefährlich gewesen wäre, hätte ich da wahrscheinlich nicht mitgespielt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, was ich gemacht hätte, wenn sie mich gefragt hätten, ob ich bei der Stasi mitmache.

War denn jemand von „Feeling B“ dabei?

Na klar, aber ich werfe das niemandem vor. Zumal die IMs vielen Bands ihr Leben erst ermöglicht haben. Die Stasi konnte ja nicht ihre eigenen Leute einsperren.

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