Rechtswidrige LPG-Umwandlungen : Pflug und Trug in der Provinz

Auf den ersten Blick ist es eine Provinzposse um ein Güllefass in Mecklenburg. Doch dann zeigt sich: Hier, wo die LPGs ab 1990 privatisiert wurden, herrschen die alten DDR-Eliten.

Kreuzung der Unwahrscheinlichkeiten. An dieser Stelle soll der Gülletank stehen, gegen den eine Bürgerinitiative demonstriert.
Kreuzung der Unwahrscheinlichkeiten. An dieser Stelle soll der Gülletank stehen, gegen den eine Bürgerinitiative demonstriert.Foto: Mike Wolff

„Besonders intensiv kann die Geruchsbelästigung dann werden, wenn Gülle nach längerer Lagerung aufgerührt wird.“ Josef Galler: „Gülle: Anfall, Lagerung, Verwertung, Umwelt“. Leopold-Stocker-Verlag, 1989.

Dass es gärt hier oben, hatte der Aufrührer schon mitbekommen, als er Anfang der 1990er Jahre hergezogen war. Er hatte Gesprächen zugehört, beim Feierabendbier, auf der Straße, bei Besuchen beim Bürgermeister. Es ging um die Landwirtschaft in seiner neuen vorpommerschen Heimat und darum, dass ausgerechnet die alten Ackerherren die neuen geblieben sind. Dass sie flächendeckend Rechtsbruch begangen haben sollen, damals, als anstand, den DDR-Sozialismus in den Kapitalismus der Bundesrepublik zu verwandeln. Kleine Bauersleute wurden übervorteilt von den wenigen Großen, hier im einstigen DDR-Bezirk Rostock, längst Teil des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern.

Heute sagt der Aufrührer: „Eine Zeitbombe, habe ich gedacht damals.“ Er hatte keine Ahnung, dass die Bombe auch im restlichen Ostdeutschland tickte. Und erst recht ahnte er nicht, einmal derjenige zu sein, der eine Explosion auslöst.

Üblicherweise ist man hier allein

Karl Valta heißt der Mann, und er hat eine Bürgerinitiative gegründet. Nun steht er an einer Alleenkreuzung im Nichts zwischen Anklam und Wolgast und hält ein Transparent in die Luft. Ein düsterer Ort ist das im Winter – Dunst und Nebel ziehen durch Baumskelette –, im Sommer zeigt sich ein Bilderbuch-Vorpommern. Alles ist Licht, und alles ist dann grün. Tourismus-Werber lassen Fotos machen, wenn die Sonnenstrahlen durchs Laub flimmern. Üblicherweise ist man hier allein.

Valta hat an dieser Stelle Füchsen dabei zugesehen, wie sie einander vor den Menschen warnten. Eine Fähe und ihre Jungen drückten die Nasen aufs Pflaster und schauten sich immer wieder an. Sie müssen über den Jäger gesprochen haben, der dort ausgeharrt hatte, die Flinte über der Schulter, den Feldstecher vorm Gesicht. Die Alte ermahnte die Kinder, wem sie besser aus dem Weg gehen.

Eine weiße Wildsau erschien Valta hier ebenfalls. Es hatte Gerüchte gegeben, in der Gegend treibe sich ein Albino herum, und dann, eines Abends, leuchtete ihm das Tier Valta in der Dämmerung entgegen.

Die Zahl 1700 ist eine Sensation

Die Kreuzung der Unwahrscheinlichkeiten, Valtas Haus liegt einen halben Kilometer entfernt. Er fährt täglich sechs, acht Mal über sie hinweg, den Blick aufs schiefe Pflaster gerichtet. An diesem Nachmittag ist er wieder da, stoppelbärtig, bebrillt und stämmig, eine Schiebermütze auf dem Kopf. Diesmal von Menschen umgeben. Auf dem Transparent steht: „Über 1700 Unterschriften gegen das Großgüllelager im Lassaner Winkel“.

Das Fernsehen filmt, die Zeitung schreibt, die Zahl 1700 ist eine Sensation. 1700 Namen auf Unterschriftenlisten, mehr, als das namensgebende Küstenstädtchen Lassan und seine Nachbardörfer Einwohner haben, hat Valtas Bürgerinitiative zusammengetragen.

Sie sind gegen einen runden Behälter, der am Rand der Kreuzung errichtet werden soll. Vorgesehen ist er zum Lagern des Abfalls eines Milchkuhstalls, für Kuhdung also, der erst in einer Biogasanlage vergären und schließlich hier in einem 6000 Kubikmeter fassenden Bottich landen soll, auf dass er am Ende die umliegenden Felder fruchtbar mache. Sie sind gegen den Gestank, den sie befürchten, und gegen das, was sie für die Selbstherrlichkeit des großen, ihre Gegend beherrschenden Landwirtschaftsbetriebes halten. Eine ostdeutschlandweit verbreitete Selbstherrlichkeit und Gesetzlosenattitüde, deren Ursprung sie in der Zeit nach dem Mauerfall vermuten.

Es ging um die Fläche der halben DDR

Gorbatschow hatte seinen Satz vom Zuspätkommen und der Strafe gesagt, Leipziger hatten montags demonstriert, Ost-Berliner den Schlagbaum an der Bornholmer Straße aufgedrückt. Die halbe Welt war aus den Fugen und fügte sich neu. In der DDR wurde eine letzte Wahl abgehalten und spätestens damit ihr Untergang besiegelt. Der Sozialismus würde bald vorüber sein und Deutschland wieder eins. Gesetze traten in Kraft, die den Epochenbruch in Bahnen lenken sollten. An Vorpommerns Küste setzte sich ein Bauernfunktionär an den Schreibtisch, schuf Fakten. Die Bombe war scharf.

Um die DDR-Agrarindustrie an die Verhältnisse in der Bundesrepublik anzupassen, mussten deren Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften abgewickelt und in eine andere Rechtsform überführt werden.

Es ging um mehr als 4000 Betriebe und – laut erstem Bundesregierungsbericht zum Stand der Deutschen Einheit – um mehr als fünf Millionen Hektar Land. Es ging um die Fläche der halben DDR, um die Hälfte eines ganzen Landes, Hessen beispielsweise würde zweieinhalbmal darauf Platz finden.

Der Initiator. Karl Valta, 65, zugereist, organisiert den Protest gegen das "Großgüllelager".
Der Initiator. Karl Valta, 65, zugereist, organisiert den Protest gegen das "Großgüllelager".Foto: Mike Wolff

Es ging um Betriebe, die oft besser funktionierten als der Rest der sozialistischen Wirtschaft. Aus den Bauerngenossenschaften ausscheidende Mitglieder sollten abgefunden werden – für Flächen, die sie einst und oft unter Zwang in die Großbetriebe eingebracht hatten. Für Maschinen, Vieh und in den Jahrzehnten zuvor geleistete Arbeit.

Die LPG-Chefs dagegen hatten andere Interessen. Um die Nachfolgebetriebe, an deren Spitze sie im Regelfall selber standen, überhaupt lebensfähig zu machen, brauchten sie Kapital. Sie wollten so wenig wie möglich davon hergeben. Es war die Zeit, in der Karl Valta begann, hier oben am Meer sesshaft zu werden. Er sagt: „Ich fand es immer merkwürdig, was da so alles erduldet wurde.“

1700 Unterschriften, so etwas, sagen die Alten hier, habe es nicht gegeben, seit sie denken können. Zum ersten Mal seit mindestens einem Vierteljahrhundert stellt sich eine Mehrheit gegen die hiesige Landwirtschaft. Gegen den einen Agrarbetrieb, geführt von der Familie Kowolik, kaum angreifbar und ausgestattet mit Macht und Land und Fürsprechern bis in die Regierung hinein. Valta hat all diesen Menschen eine Gelegenheit geboten, sich zu entladen; er hat ihnen ermöglicht, gegen ein Güllelager ihr Wort zu erheben. Er hat auch ermöglicht, alte Rechnungen zu begleichen, die nichts mit Kuhdung zu tun haben.

Matthias Andiel hat Valta auf all das aufmerksam gemacht hat

Valta muss sich Mühe geben, seinen Stolz darüber zu unterdrücken. Kerzengerade steht er da. Er, der zugereiste Bürgerinitiativengründer, geboren 1952, seit 1991 hier ansässig, hergelockt aus dem Westen Berlins von dieser Landschaft und einem kaputten Gutshaus. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft auf Augenhöhe mit der Peeneland GmbH, deren Felder und Ställe den Lassaner Winkel überziehen. Eine Festlandsecke an Vorpommerns Küste, auf Karten duckt sie sich unter die Ostseeinsel Usedom. In den Broschüren des Tourismusverbandes steht, sie „wird durch Wiesen und Wasserlöcher, in denen sich der Himmel spiegelt, geprägt. Hier finden Sie Entschleunigung, Entspannung im Einklang mit der Natur und Ihrem Selbst“.

„Stimmt alles“, sagt Valta. Er steigt in sein Auto, lässt die Alleenkreuzung hinter sich, fährt zum Örtchen Pulow. Zu dem Mann, der ihn einst überhaupt erst einmal auf all das aufmerksam gemacht hat.

Matthias Andiel heißt der und arbeitete früher als Kunsttischler. Heute bietet er jedem, der was an seinen Gebäuden zu reparieren hat, eine Art Hausmeisterservice an.

Andiel, 59, stammt wie Valta nicht von hier, sondern aus Sachsen. Anfang der 80er ist er hergekommen. Vom Ende der DDR bis 2004 war er Pulows Bürgermeister. Maßgeblich ihm ist es zuzuschreiben, dass der Ort nicht ausgestorben ist, sondern entgegen aller vorpommerschen Wahrscheinlichkeit wächst. Er ist Valtas engster Mitstreiter in der Bürgerinitiative, ihr theoretischer Kopf. Andiel kennt die kommunalpolitischen Abläufe, weiß, was ein Flächennutzungsplan ist, liest sich gerade in bau- und planungsrechtliche Spitzfindigkeiten ein. Vor allem aber macht er gern ein Fass auf.

"Der landwirtschaftliche Raum soll befreit werden von Menschen, von Hindernissen"

Ja, das geplante Güllelager störe ihn sehr, aber eigentlich interessieren ihn die großen Zusammenhänge. „Die Umformung des ländlichen Raums hat ihre Wurzeln in der LPG. Und die ist nach der Wende fortgeschrieben worden, inklusive Unrecht. Staatsversagen, so.“ Er sagt auch: „Das war der Geist und der Konsens damals, solche riesigen Strukturen zu etablieren. Das hat die Landwirtschaft ja auch so weit nach vorne gebracht.“ Sie stehe wirtschaftlich gut da. „Und jetzt kommt der zweite Schub. Der landwirtschaftliche Raum soll befreit werden von Menschen, von Hindernissen.“

Von Menschen wie Andiel und Valta und den 1700 anderen, indem man ihnen einen Güllebehälter vor die Nase stellt. Hindernisse wie das Dorf Pulow. Andiel nennt es gern „Landwirtschaftsbehinderungsfläche“.

Hühner wetzen über die Dorfstraße, Katzen dösen, Hunde bellen, und weil gerade Ferien sind, laufen haufenweise Kinder herum. Die Kleinsten haben dreckverschmierte Gesichter, die Großen angeln sich gefrorene Äpfel aus den Bäumen. Wenn es laut wird in Pulow, liegt das an den Kranichen.

Die Bauern hatten nur anfangs die Wahl zur LPG. Hier ein Plakat von 1961.
Die Bauern hatten nur anfangs die Wahl zur LPG. Hier ein Plakat von 1961.Foto: akg-images

Die LPGs also. Seit den frühen 50er Jahren sind sie in der DDR entstanden. Kleinbauern legten, anfangs oft freiwillig, später unter Zwang, ihren Boden, ihren Viehbestand, ihre Höfe und Landmaschinen zusammen. Das Ziel war eine höhere Produktivität der so entstandenen Betriebe und – wie überall im Sozialismus – die Kollektivierung von Besitz.

Die Machtstrukturen auf den Dörfern verschoben sich. Hatten bislang die Bürgermeister das Sagen, übernahm dies fortan oft der LPG-Chef. Ein guter musste linientreu sein, aber gleichzeitig in der Lage, ein Kunststück aufzuführen: Er musste an den Parteigrößen vorbei Geschäfte abwickeln können und sie sich dennoch gewogen halten.

Hier mal ein in den Genossenschaftsbilanzen nicht verzeichnetes Schwein für eine SED- oder Bauernpartei-Veranstaltung spendieren, dort seine Schlosserbrigade für die Reparatur eines Funktionärsautos abstellen. Die Mangelwirtschaft zwang ihn, es mit der Buchhaltung nicht immer genau zu nehmen und mit anderen LPGs und Industriebetrieben quasikapitalistische Tauschgeschäfte einzugehen. Ein paar Tiere gegen ein Mähdrescherersatzteil. Ein paar Laster Viehfutter gegen Düngemittel.

„Rote Barone“ wurden die LPG-Chefs genannt, und sie entwickelten, was man allen Landwirten zuschreibt: Bauernschläue. In den Zeiten der Wiedervereinigung war diese Eigenschaft von Vorteil, ebenso wie die Unangreifbarkeit, die sie sich oft erarbeitet hatten. Die Saat für den Unfrieden auf den Dörfern war gelegt.

Dass sie heute noch an Orten wie hier aufgeht, liegt auch daran, dass die Agrarindustrie Mecklenburg-Vorpommerns tatsächlich mächtig ist. Zwei Prozent trägt die Landwirtschaft zur Wertschöpfung des Bundeslands bei, was wenig klingt – der Tourismus bringt das Fünffache ein –, aber dreimal mehr ist als in Gesamtdeutschland. Laut Statistischem Bundesamt kommt die deutsche Landwirtschaft auf ein gutes halbes Prozent Anteil am bundesdeutschen Bruttoinlandsprodukt.

Fast alle untersuchten LPG-Umwandlungen waren fehlerhaft

Das ist die Lage. 400 Kilometer südlich von hier, in Jena, arbeitet ein Mann, der Andiels Behauptungen belegen kann. Er heißt Walter Bayer und ist Rechtsprofessor an der Universität. Im Jahr 2002 veröffentlichte er eine Untersuchung, die ihn, drei wissenschaftliche und mehr als 30 weitere Mitarbeiter fast vier Jahre lang beschäftigt hat. Bayer und seine Kollegen haben 1700 LPG-Umwandlungen auf ihre Rechtmäßigkeit geprüft.

Bayer sagt: „Nahezu alle LPG-Umwandlungen, die wir untersucht haben, waren fehlerhaft.“

Oft kam nicht das ganze, wie gesetzlich vorgeschrieben, sondern nur ein Teil des Eigenkapitals der Genossenschaften auf den Tisch. Im Mittel war es die Hälfte, in Extremfällen weniger als ein Zehntel. Sachwerte und Vergütungen wurden regelmäßig zu niedrig angesetzt. Auch die daraus folgenden Abfindungen für ausscheidende Genossenschaftsmitglieder, um bei der Auszahlung noch einmal bis auf ein Viertel gekürzt zu werden.

Allerdings: „Da sind mittlerweile die Verjährungsfristen durch“, sagt Bayer. Heute seien nur noch Klagen wegen formaler Fehler möglich. Fehler, die nach seinen Erkenntnissen oft so schwerwiegend sind, dass es elf Prozent aller LPG-Nachfolgebetriebe rechtlich gesehen gar nicht geben dürfte. „Scheinnachfolger“, sagt Bayer, die mit Vermögen, Maschinen und Ackerland arbeiten, das ihnen gar nicht gehört. Die heute Verträge abschließen, ohne dafür berechtigt zu sein. Die Fördergeld erhalten, das ihnen gar nicht ausgezahlt werden dürfte.

Bayer wurde unterstellt, Agent der Westbauern zu sein

Nach der Veröffentlichung seiner Studie fragten Präsidenten der ostdeutschen Bauernverbände Bayer, in wessen Auftrag er denn geforscht habe. „Ich habe gesagt: Das macht das wissenschaftliche Interesse.“ Es habe ihm niemand geglaubt.

„Ich müsse von den westdeutschen Bauernverbänden instrumentalisiert worden sein, dachten die“, sagt Bayer. Instrumentalisiert von Kapitalstarken aus der alten Bundesrepublik, die auf die großen, effizienten Flächen im Osten schielten. Bayer wurde unterstellt, Agent der Westbauern zu sein. Die Funktionäre, die ihm das vorhielten, waren oft Chefs von LPG-Nachfolgebetrieben oder mit denen zumindest aufs Herzlichste verbunden. Es sei, so schildert es Bayer, ihnen völlig unverständlich gewesen, warum man ausgerechnet ihnen und ihresgleichen tausendfachen Rechtsbruch nachwies.

Bayer begegnete einem ostdeutschen Staatssekretär, der zusagte, Bayers Studienergebnisse prüfen zu wollen. „Ein paar Wochen später war der seinen Posten los.“ Der Professor kennt einstige ostdeutsche Oppositionspolitiker, die dasselbe versprachen, von denen er aber nichts mehr hört, seit sie Teil von Regierungskoalitionen sind. Bayer kennt naturgemäß auch die Namen etlicher jener LPG-Nachfolgebetriebe, die es nach Recht und Gesetz nicht geben dürfte. Die Scheinnachfolger.

Er hat eine Liste. Sie liegt auf dem Tisch. Die Liste ist allerdings nichts für die Öffentlichkeit, Besucher dürfen sie nicht sehen. Bayer sagt, er fürchte die zu erwartende Klageflut, der sogar er nicht standhalten würde: ein Rechtsprofessor aus Jena, der alles, was er behauptet, belegen kann.

Der Ortskundige. Matthias Andiel, 59, war hier in Pulow nach der Wende Bürgermeister.
Der Ortskundige. Matthias Andiel, 59, war hier in Pulow nach der Wende Bürgermeister.Foto: Mike Wolff

Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister soll versucht haben, ihn am Telefon zu erreichen. Der Minister bekam einen von Bayers Mitarbeitern an den Apparat und hat den angeblich „zur Sau gemacht“. Wie man solche Studienergebnisse in die Welt setzen könne? Derselbe Minister hat in einer Landtagsdebatte eine Oppositionspolitikerin, die mehr wissen wollte, zurechtgewiesen. „Sie kommen 25 Jahre danach auf die Idee, alles wieder einzusammeln und zu gucken, was man dennoch wieder davon verteilen kann?“, sagte der Minister. „Und wie gerecht ist das?“

Der Minister, ein SPD-Mann, drohte der grünen Oppositionellen Ursula Karlowski. Sie kannte Bayers Liste. Wenn deren Veröffentlichung stattfinde, sagte der Minister, dann sei er gespannt, „wie die Schadenersatzforderungen auf Sie zurückfallen“. Ob sie Unfrieden stiften wolle auf den Dörfern?

Dabei ist der doch längst da. Es gärt auf dem ostdeutschen Land, unterm Deckel gehalten von den Machtverhältnissen auf den Dörfern, in den Regierungen und Interessenverbänden. Selten kommt es zu Eruptionen wie in Lassan. Üblicherweise herrscht Grabesruhe.

Das bissel Tierverständnis sollte reichen, um ein Land zu regieren

Seit einem Vierteljahrhundert findet ein gigantisches Spiel um Geld und auch um Zeit statt. Denn der auf dem mutmaßlichen Gesetzesbruch fußende Unfriede stirbt aus. Betrogene Ost-Bauern sind in der Regel alt oder nicht mehr am Leben.

Auf die Zeit setzt offenkundig auch die Politik. Vielleicht stimmt es ja: Wer weiß schon, ob ein Aufrollen der ganzen alten Fälle, das Schaffen von Recht und Ordnung, nicht mehr Ärger bedeuten würde als der kaum wahrnehmbare Gestank heute.

Rechtsprofessor Bayer schreibt in einem Resümee: „Somit gibt die Epoche der Restrukturierung der landwirtschaftlichen Unternehmen in den neuen Bundesländern ein anschauliches Beispiel dafür, wie schwer es das Recht hat, sich gegen eine machtvolle Koalition aus Ignoranz, Lobbyismus und persönlichen Netzwerken zu behaupten.“

Andiel, Pulows Ex-Bürgermeister, sagt: „Die erste Zeit ist Mecklenburg-Vorpommern ja aus veterinärmedizinischer Sicht regiert worden.“ Er meint damit den ersten Landwirtschaftsminister nach der Wiedervereinigung und den zweiten Ministerpräsidenten, die beide Tierärzte waren. „Das bissel Tierverständnis, dachten die, das reicht, um ein Land zu regieren.“

Dunkle Geschichten überdauern die Zeiten besonders gut

Auch er bewohnt ein Gutshaus. Von der Terrassentür aus kann er durch die Baumwipfel den Pulower See sehen. Der See ist nicht ganz so klar, wie es die Tourismuswerber behaupten. Möglicherweise hat das mit der längst verschwundenen LPG-Schweinemast am Dorfrand und deren Abwässern zu tun. Andiel hat deren Weiterleben nach der Wiedervereinigung verhindert, was ihn – neben allerlei anderen Unbotmäßigkeiten, wie der Weigerung, Beiträge zu zahlen – seine CDU-Mitgliedschaft gekostet hat.

Er zeigt aufs Wasser. „Da liegt ’ne V1 drin, vielleicht auch ’ne V2.“ Peenemünde ist nicht weit, einer der dortigen Raketenentwickler wohnte damals im Gutshaus. Dessen Sohn sei neulich da gewesen, sagt Andiel, und habe die Episode erzählt. Seemannsgarn? Das Wasser jedenfalls soll beim Einschlag bis über die Bäume gespritzt haben.

Am jenseitigen Ufer liegt das Grab eines einstigen Gutsbesitzers und seiner Frau. Sie nahm sich das Leben. „Bei Vollmond reitet sie mit dem Schimmel um den See.“ Andiel sagt: „Ich hatte auch mal eine englische Geisteraustreiberin im Haus gehabt, die hat mir erzählt, was so los ist hier.“

Er sagt: Der hiesige LPG-Chef habe seinen Betrieb so schnell privatisiert, „so schnell umgewandelt, dass er die Bauern zu 100 Prozent bescheißen konnte“. Dunkle Geschichten sind das. Dunkle Geschichten überdauern die Zeiten besonders gut.

Sie wärmen, sie lassen die Leute zusammenrücken. Das kann hilfreich sein in einem riesigen, halb wiederhergerichteten Haus wie diesem, wo ein Holzofen im ebenfalls riesigen Zimmer kaum gegen die Kälte draußen ankommt. Andiel und Valta frieren, stellen sich direkt vor die Glut.

Der Dissident. Uwe Bastian, 59, ein Opfer der Stasi, erkennt die DDR-Strukturen bis heute überall.
Der Dissident. Uwe Bastian, 59, ein Opfer der Stasi, erkennt die DDR-Strukturen bis heute überall.Foto: Mike Wolff

Andiel berichtet von den weggepflügten Wegen und beschädigten Straßen, die auf das Konto der hiesigen LPG-Nachfolgefirma gingen. Von Waldrändern, zurückgeschnitten mit mächtigen, hydraulischen Scheren. Seine Nachbarin hat die Agrarfirma gerade beim Anklamer Umweltamt angezeigt, weil deren Pflüge die Wurzeln einer geschützten Mirabellen-Allee kaputt gemacht haben.

Valta erzählt von einer E-Mail, die er am Morgen bekommen hat. Der mecklenburg-vorpommersche Tourismusverband hatte ihm geschrieben, er fände seine Bürgerinitiative nicht gut. „Sie erweisen Ihrer Region gerade einen Bärendienst“, stand da. Valta rufe „eine Lawine an negativen Pressemeldungen in ganz Deutschland hervor“. Er riskiere damit, „die positive wirtschaftliche Entwicklung“ der „Region zu ruinieren“.

Er, Valta, der rund und gemütlich gewordene Stoppelbartträger, vor Jahren hergekommen, den Traum vom Landleben im Kopf, mit zwei kräftigen Händen und genug Tatendrang, um ein kaputtes Gutshaus und eine Scheune aufzubauen. Ein Maler, Kunstpädagoge, Gelegenheitsmusiker, der heute Gästezimmer vermietet. Der Mann ist eine Gefahr für die Wirtschaft in Vorpommern.

„Die also auch“, sagt Valta. Der Tourismusverband, seine eigene Interessenvertretung, zählt ihn an. Weil er nicht will, dass es hässlich wird und stinkt. Valta ist angewiesen auf die Urlauber, die bei ihm übernachten.

So ein Dorf, antwortet Andiel, ein „Gemeinwesen, ist in Wirklichkeit wie ein Wasserbett“. Man müsse sorgsam damit umgehen. „Wenn vorne einer ruckartig aufsteht, fallen hinten dreie runter.“ Und das Bett schaukelt noch eine Weile danach. Ein Gemeinwesen habe ein langes Gedächtnis.

"Immer wieder wird versucht, die Peeneland Agrar GmbH wirtschaftlich zu zerstören"

Der 6. September 1990: Die den Lassaner Winkel dominierende LPG Pflanzenproduktion Hohendorf lud zur Vollversammlung, der Übergang zur Marktwirtschaft war zu beschließen. Laut Protokoll sollen 236 LPG-Mitglieder anwesend gewesen sein und einstimmig beschlossen haben, die LPG auch künftig als Genossenschaft weiterzuführen. Sie bekam den Namen Peeneland e. G.

Jahre später kam heraus – Sitzungsteilnehmer beschwerten sich –, dass weniger als 60 LPG-Mitglieder anwesend gewesen sein sollen, die Versammlung also vielleicht nicht beschlussfähig war. Strafanzeige wurde gestellt. Dann wurde, sagt Andiel, der Betrieb überfallen, „der Panzerschrank geklaut. Später im Wald wiedergefunden. Was fehlte?“ Der Beweis für die Vorwürfe. „Das Protokoll.“

Vermögenswerte, so berichtet es einer der damals Anwesenden, die unter den Mitgliedern aufzuteilen waren, wurden niedriggerechnet. Die LPG-eigenen Wohnhäuser zählten dazu. Ein Stall, Scheunen, Garagen fehlten in der Abschlussbilanz völlig. Aus vielen Genossen wurden wenige, nämlich sieben von vorher 300.

Aus dem Jahresabschlussbericht 2002 des inzwischen zur GmbH gewandelten Peeneland-Betriebes: „Immer wieder wird versucht, die Peeneland Agrar GmbH wirtschaftlich zu zerstören. Von Herrn Andiel und Herrn H. wird zum wiederholten Male versucht, ehemalige Mitglieder gegen das Unternehmen aufzuhetzen. Dadurch liegen beim Amtsgericht Stralsund 25 anhängige Verfahren zur Vermögensauseinandersetzung vor.“

Dass dies nicht grundlos geschah, zeigt diese Textstelle: „Nach Rücksprache mit dem Amt für Landwirtschaft ist die Geschäftsführung bereit, eine nochmalige zusätzliche Abfindung zu zahlen. Das ist für das Unternehmen eine große zusätzliche Belastung in Höhe von 834.077,00 Euro.“

"Wir brauchen eure Weißheiten nicht"

In einem Peeneland-Jahresbericht steht: „Aus bisher ungeklärten Gründen ist es zum Schaden auf einer Melissenkultur eines benachbarten Ökobetriebs gekommen. Diese Gelegenheit wollten sich die sogenannten ,Zugereisten‘ nicht entgehen lassen, um eine Kampagne gegen die Peeneland GmbH zu starten.“

Die Kampagne indes startete Peeneland. Filmaufnahmen von 2001 zeigen Peeneland-Mitarbeiter beim Protestieren, sie schimpfen, rempeln, die Polizei musste gerufen werden. Sie halten Schilder hoch. „Luck und Truk, Verläumdung“ stand auf einem, „Wir brauchen eure Weißheiten nicht“ – und ganz im Sinne von Andiels Landwirtschaftsbehinderungsflächen-These: „Wir wollen unsere Felder sehen und nicht suchen“.

Die erste Ernte eines benachbarten Bio-Betriebes war hin, zwei Dutzend Kinder und Erwachsene bekamen Durchfall, Atembeschwerden und Ausschläge und ausgerechnet diejenigen, die dafür verantwortlich waren, machten Theater.

Der Gegner. Philipp Kowolik, 33, führt den Landwirtschaftsbetrieb, gegen den die anderen kämpfen.
Der Gegner. Philipp Kowolik, 33, führt den Landwirtschaftsbetrieb, gegen den die anderen kämpfen.Foto: Mike Wolff

Wer von Karl Valtas Haus kommend hinterm geplanten Güllestandort nicht rechts nach Pulow abbiegt, sondern geradeaus weiterfährt, erreicht den Ort Papendorf. Wieder ein Gutshaus, wieder ein Tisch voller Akten. „Das Schwarzbuch des Kommunismus“ liegt auf dem Boden, „Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle“ daneben. Im Regal steht die Keith-Richards-Autobiografie. Uwe Bastian lebt hier, er stammt wie Andiel aus Sachsen und wohnte wie Valta etliche Jahre in Berlin.

Bastian hat dort, Ende der 90er am Otto-Suhr-Institut, eine Doktorarbeit geschrieben, die viele Ungereimtheiten bei der Wandlung der einstigen LPG Hohendorf zur heutigen Peeneland GmbH dokumentiert. „Sozialökonomische Transformationen im ländlichen Raum der neuen Bundesländer“ heißt sie.

Auf den Veranstaltungen der Bürgerinitiative hält er Reden. Sein Abstraktionsniveau ist noch eine Etage höher als das von Andiel angesiedelt. Er hat was gegen den Güllebehälter, ja. Gegen die Art und Weise, wie die DDR-Landwirtschaft in den Kapitalismus kam. Gegen den Groll auf den Dörfern und die achselzuckende Politik. Doch er glaubt, anders als alle anderen, den Schlüssel zum Verständnis der ganzen Katastrophe in der Hand zu haben.

Bastian ist umstritten in der Gegend. Er lege sich gern mit anderen an, hört man, er sei schwierig im Umgang. Gelegentlich vergreift er sich im Ton. Bastian ist laut, so laut, dass mittlerweile oft abgewinkt wird, wenn sein Name fällt.

Vielleicht liegt das daran, dass er in der DDR ein Dissidentenleben geführt hat, eines gegen mächtige Widerstände. Er arbeitete in der Berliner Umweltbibliothek und ist ein Stasi-Opfer. Vielleicht hat er auch nur früh seine Bestimmung gefunden, denn mit der DDR ging sein Opponieren nicht unter, mit der Doktorarbeit war seine Auseinandersetzung mit der Landwirtschaft lange nicht vorbei.

Bastian meint, Nomenklaturkader hielten bis heute zusammen

Bastian sagt: „Nomenklaturkader“. „Nomenklaturkader sind die eigentlich herrschende Klasse in der DDR gewesen, und das ist meine These: Sie sind es bis heute weitgehend immer noch.“

Nomenklaturkader ist ein Wort aus dem Sprachreservoir der SED. Laut einem Beschluss des DDR-Ministerrates aus dem Jahr 1977 bezeichnet es jene Menschen, die von der Einheitspartei dafür auserkoren wurden, „die entscheidenden Funktionen in den Staatsorganen, wirtschaftsleitenden Organen, Kombinaten, Betrieben und Einrichtungen“ zu besetzen. Den Vorsitz einer LPG zum Beispiel.

Bastian sieht sie überall. Auf seinem Tisch liegt der Ausriss aus einer Akte, „Kaderreserve für politische Mitarbeiter der Kreisleitung“, mit einigen Namen. Einer davon lautet „Syrbe, Barbara“. Syrbe ist Landrätin im Kreis Vorpommern-Greifswald, zu dem der Lassaner Winkel gehört. Für Bastian somit die Schutzpatronin der Peeneland GmbH.

Bastian meint, Nomenklaturkader hielten bis heute zusammen. Ihr einziges Handlungsmotiv sei nach wie vor der eigene Machterhalt. Sie ließen niemanden neben ihresgleichen emporkommen, ihn zum Beispiel, dem die Aufstellung eines Windrades verwehrt wurde. „Seit 2007, ich klage bis heute dagegen“, sagt Bastian. Ein Windrad, nicht genehmigt, weil es als „vertikale Anlage“ nicht in die Landschaft passe. „Aber eine Milchviehanlage im Landschaftsschutzgebiet, das geht.“

Philipp Kowolik ist Valtas, Andiels und Bastians Gegner

Die Folge solcher Politik sei das wirtschaftliche Auf-der-Stelle-Treten einer Region wie dieser. Und das Landtagswahlergebnis vom September. Im Wahlbezirk des Städtchens Lassan, zu dem Papendorf und Pulow gehören, bekam die AfD 24 Prozent der Stimmen, die NPD 23. „Das sind ja keine Nazis hier“, sagt Bastian. „Das sind Leute, die die Schnauze voll haben, dass ihre Kinder weg sind. Dass die Straßen kaputt sind. Dass sie ein Scheißelager an die Straße kriegen.“

„Aber was willst du machen?“ Philipp Kowolik steht in einem großen Stall zwischen kauenden Kühen. Es gibt Kraftfutter, gemischt mit Mais, Gras und Zuckerrübenschnitzeln.

Philipp Kowolik ist Valtas, Andiels und Bastians Gegner, denn er ist der Chef der Milchviehabteilung des Peeneland-Betriebes, die den Güllebehälter aufstellen will. Er ist auch der Sohn seines Vaters, Sohn jenes Bernard Kowolik, der einst Chef der hiesigen LPG Hohendorf war und heute der von Peeneland ist. Bernard Kowolik ist nicht zu sprechen, sein Sohn dafür sehr wohl.

Er braucht den Güllebehälter, irgendwo muss der Mist aus dem 1000-Tiere-Stall ja hin. Kowolik räsoniert über Massentierhaltung, industriellen Ackerbau. „Die Leute haben Hunger“, sagt er, „die holen sich ihr Essen, egal woher, aus Argentinien vielleicht – oder eben von hier.“ Der Mensch sei so, „der kann nicht genug kriegen. Wenn ich schon sehe, wie die Leute einkaufen, zehn Würstchen hier, ein Stück Fleisch da. Als würde das aus einer Maschine kommen.“ Sie hier bei der Peeneland machten vielleicht „nicht alles supertoll, aber gut schon“.

Ist das Maskerade? Meint er das ernst?

Gerade schiebt einer seiner Angestellten eine Schubkarre vorbei. Darin liegt ein neugeborenes Kalb.

Kowolik sei am friedlichen Einvernehmen mit allen hier in der Gegend interessiert, sagt er. Der „Gegenwind, der beschäftigt mich schon“. Da spricht ein offener, freundlicher Mann, der in der Öffentlichkeit auch den Kopf dafür hinhält, was seinem Vater im letzten Vierteljahrhundert alles zugeschrieben wird. Er selbst ist 33 Jahre alt.

Er zeigt seine Biofleischrinder, die auf einer Wiese mit Blick auf Usedom grasen. Er demonstriert, dass so ein Güllebehälter, drei davon stehen auf dem Gelände, viel weniger stinkt, als landläufig gedacht werde. Immer wieder sagt er Sätze, die ihn als großen Skeptiker ausweisen gegenüber seinem eigenen Beruf. Schon allein, wie für Kuhmilch geworben werde. Mit glücklichen Kühen auf grünem Gras. „Machen Sie unsern Kuhstall mal auf ’ne Milchpackung“, sagt er. Dann fängt er sich wieder. „Nee, das will ich nicht.“

Das also soll einer aus der Gilde jener Großbauern sein, die sich hier jahrzehntelang über Recht und Anstand hinweggesetzt haben sollen? Ist das Maskerade? Meint er das ernst?

Der junge Kowolik verwaltet ein Erbe. Er hat sich mit der Globalisierung auseinanderzusetzen, die Schmerzen der Wiedervereinigung hat er nicht zu verantworten. Er muss die Firma profitabel halten. Vor allem aber ist er jung. Den Groll der 1700 anderen, die noch offenen alten Rechnungen nimmt er wie ein Naturereignis. Und mit Naturereignissen kommt er klar.

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