„Warum waschen sich deutsche Männer so selten?“

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Reise nach Myanmar : Wenn die Ärztin mit in den Urlaub fährt
Auf dem Wasser. Der Inle-See ist bekannt für die schwimmenden Dörfer, in denen Menschen leben.
Auf dem Wasser. Der Inle-See ist bekannt für die schwimmenden Dörfer, in denen Menschen leben.Foto: ICS Travel Group

Danach ins Restaurant. Die Gruppe sitzt bereits am Tisch und diskutiert das gerade erworbene Wissen (Mönche müssen in Myanmar 225 Regeln befolgen, Nonnen mehr als 400, dafür dürfen sie im Gegensatz zu den Männern kochen), da winkt Karen Faist nochmal kurz in die Runde: „Kommt jemand mit zum Händewaschen?“

Wenn sie sich für einen Fehler entscheiden muss, den deutsche Reisende am häufigsten begehen, dann ist es das fehlende Händewaschen vorm Essen, sagt Faist. Besonders gelte dies für Männer. Ihr selbst sei das erst bei einer Reise durch Indien aufgefallen, als der Touristenführer vor Ort sie zur Seite nahm und höflich fragte: „Sag mal, Karen, kannst du mir erklären, warum deutsche Männer sich so selten waschen?“

Tun sie es doch, gerät es meist zu kurz. Faist macht gern vor, wie es richtig geht: Damit die Seife auch in den Hautfalten an alle Bakterien andocken und diese beim Abwaschen mit sich reißen kann, braucht es mindestens 30 Sekunden. Deshalb rät Faist, zwei Mal in Gedanken „Happy Birthday“ zu singen.

Zu Beginn jeder Reise hält Faist einen kurzen Vortrag, in dem sie die Klassiker unter den Gesundheits- und Hygienetipps aufzählt. Natürlich: Koch es, schäl es oder vergiss es. Getränke immer ohne Eiswürfel bestellen, auf Speiseeis verzichten. Trinkwasser nur aus abgepackten Flaschen nehmen. Dieses auch zum Zähneputzen verwenden. Faist weiß, dass sich nicht alle daran halten werden. Es gebe meist einen, der sie ein bisschen provozieren wolle. Der sich keine drei Stunden nach ihrem Vortrag zum Dessert extra eine fette Portion Eis bestellt und tönt: „Frau Doktor, nun seien Sie mal nicht überängstlich.“ Die folgende Magen- Darm-Katastrophe bekomme sie in der Regel erst verspätet mit. Weil sich der Mann zu sehr schäme und deshalb schweige. Am Ende meldet sich die Ehefrau und sagt, es gebe da ein Problem.

Etliche Apothekenprodukte in Myanmar sind Schwindel

Der zweite schwierige Typ ist der Besserwisser. Also der meist Weitgereiste, der sich schon bei seinen letzten vier Asienreisen keine Malaria eingefangen hat, warum sollte es diesmal anders sein? Karen Faist versucht erst gar nicht, die Beratungsresistenten durch Argumente umzustimmen. Sie sprüht sich einfach selbst ein und fragt flüchtig: „Willst du auch grad, wo ich das Mückenspray schon mal draußen hab?“

Auf der aktuellen Tour hatte sie ihren ersten Einsatz bereits beim Hinflug. Eine Teilnehmerin war sich unsicher, ob sie ihre Pille wirklich in den Koffer gepackt hatte, also sprintete Faist beim Umsteigen in Dubai zur Apotheke. Mit dem Arztausweis käme sie zwar auch in Myanmar an alle Medikamente, bloß bezweifelt Faist, dass jeweils der Wirkstoff drin ist, der auf der Packung steht. Rund ein Drittel der Apothekenprodukte in Myanmar seien Schwindel, glaubt Faist.

Deswegen hat sie, für alle Fälle, mehrere Plastikboxen voller Medikamente aus Deutschland mitgebracht. Dazu Verbandszeug, Spritzen, Eis-, Asthma- und Blutdruckspray, Infusionslösungen, Cortison ... Ganz wichtig: ihre Liste mit den Notfallnummern und Adressen aller relevanten Krankenhäuser. Damit weiß sie an jedem Punkt der Reise, wo die nächste Klinik liegt. Wie bei dem 80-jährigen Gast damals auf der Iran-Reise, in dessen Gesicht ohne Vorwarnung eine heftige Gürtelrose ausbrach. Die Ärztin hatte zwar das empfohlene Aciclovir dabei, doch als der Mann abends im Hotelzimmer behauptete, er befinde sich in der Schweiz statt in der persischen Wüste, entschied Faist: sofort ins Krankenhaus.

Grundsätzlich, sagt sie, müsse sie bei ihren Ratschlägen immer abwägen zwischen Risiko und der Freude, die einem Reisenden entgeht, wenn er sich selbst zu sehr einschränkt. Beispiel Karni- Mata-Tempel. Der liegt in der westindischen Provinz Rajasthan und steht in allen Reiseführern, weil in ihm 20 000 als heilig geltende Ratten hausen. Keimtechnisch ungünstig, doch einige in der Gruppe wünschten sich sehnlichst einen Besuch. Die Ärztin erlaubte allen, die gegen Tollwut geimpft waren, hinzufahren. Mit der dringenden Bitte, dort bloß nichts anzufassen. Sie selbst blieb im Hotel. Die Vorstellung fand sie ein bisschen eklig, sagt sie.

Manchmal passiert erst ganz zum Schluss etwas

Manchmal fällt Faist etwas Beunruhigendes an einem der Teilnehmer auf, das für die Reise gar nicht relevant ist. Geschwollene Fußknöchel etwa. Dann nimmt sie denjenigen abends im Hotel dezent zur Seite und schlägt ihm vor, sich zu Hause kardial untersuchen zu lassen. Beidseitige Schwellungen könnten auf Herzinsuffizienz hinweisen.

Ihrer Myanmar-Gruppe bleibt derart Schwerwiegendes erspart. Einer hat Rückenschmerzen, ein anderer Schluckauf, das war’s. Den einzig aufgeschlagenen Ellenbogen, der desinfiziert wird und ein Pflaster erhält, gibt es beim Besuch der historischen Königsstadt Bagan. Er gehört einer amerikanischen Touristin, die zufällig denselben Tempel besucht und auf dem Schotterweg ausgerutscht ist, Faist kümmert sich.

Bagan ist ein riesiges Freiluftmuseum. 3700 Backsteinpagoden stehen in staubiger Landschaft. Die Anlage zählt zu den größten archäologischen Stätten Südostasiens und wäre heute Unesco-Weltkulturerbe, hätte die Regierung vor 15 Jahren nicht darauf bestanden, mitten in das historische Areal einen kitschigen Goldpalast zu bauen.

„Finden Sie es schade, Frau Faist, dass es diesmal so wenig herumzudoktern gibt?“ Nee, sagt sie, lieber sei ihr, wenn es sich auch für sie wie Urlaub anfühle. Und manchmal passiere erst ganz zum Schluss einer Tour etwas. Wie damals in Indien, als einer Mitreisenden nach 14 Tagen Reise kurz vorm Heimflug schlecht wurde und sie beim Check-in mitten in die Warteschlange erbrach. Nicht schön, sagt Faist. So eine Liga mit dem Rattentempel.

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