"Wenn du nicht König sein kannst, werde Heiler"

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Ayurveda auf Sri Lanka : Die Therapie des Lächelns
Kirsten Schiekiera
Kein Kunde für die Kokosnuss. Urlauber bleiben oft in ihren Resorts.
Kein Kunde für die Kokosnuss. Urlauber bleiben oft in ihren Resorts.Foto: Roig/Alamy

Um die Doshas zu bestimmen, müssen Patienten zunächst Fragen über ihren Gesundheitszustand und ihren Lebensstil beantworten. Schlafen Sie gut? Fühlen Sie sich eher im Kalten oder im Warmen wohl? Wie ist die Beschaffenheit des Stuhls? Die Ärzte beurteilen außerdem den Zustand der Haut, den Körperbau der Patienten und messen den Puls.

„Die Pulsuntersuchung ist sehr wichtig für uns. Schnelligkeit, Rhythmus und Stärke sagen viel über den Gesundheitszustand eines Menschen", sagt Dissanayaka. Bei manchen Menschen würde der Puls wie ein Kaninchen hüpfen, bei anderen gleiche er einem schwimmenden Schwan. Nach der Untersuchung erhalten die Patienten einen individuellen Speise- und Behandlungsplan. Verordnet werden auch allerlei Tinkturen, Tabletten und Kräutertees mit rätselhaften Namen.

Ursprünglich entstand Ayurveda in Indien. Die ältesten Aufzeichnungen, die Heilkundige auf Palmblätter schrieben, sind rund 3000 Jahre alt. Vor gut 2000 Jahren kam die Lehre nach Sri Lanka und wurde mit der dortigen Kräuterheilkunde verwoben. „Wenn du nicht König sein kannst, werde Heiler“, heißt es noch heute in dem Inselstaat.

Während der Kolonialzeit brachten die Briten die europäische Schulmedizin nach Sri Lanka. „Die westliche Medizin verbreitete sich rasch, da die Briten ihre Behandlungen der Bevölkerung kostenlos anboten“, sagt der Ayurveda-Arzt Asoka Hettigoda. „Unsere traditionellen Heilmethoden wurden lange verdrängt, aber wir haben trotzdem überlebt.“

Der 73-Jährige kommt aus einer Familie von Heilern und leitet heute die Siddhalepa-Gruppe, die Resorts und Spas in vielen Ländern betreibt. Zu dem Firmenimperium gehört auch eine Produktionsstätte für Medikamente und Kosmetik.

Drei Deutsche erlitten schwere Vergiftungen

Heute ist Ayurveda in dem Inselstaat wieder allgegenwärtig. Neben rund 20.000 Vaidyas praktizieren unzählige Heiler ohne akademische Ausbildung. Es gibt moderne Praxen in Einkaufszentren, ein ayurverdisches Uni-Hospital mit knapp 500 Betten und Mini-Behandlungszentren am Strand, die zwischen Nagelstudios und Beachbars untergebracht sind.

Die Nachfrage nach Kuren in Sri Lanka boomt, in den Jahren 2013 und 2014 wuchs die Zahl der deutschen Touristen jeweils um rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Die Menschen aus Ihrem Kulturkreis merken, dass unser Lebensstil ihnen gut tut“, sagt Dissanayaka.

Eins der schönen, am Strand gelegenen Ayurveda-Hotels ist das Heritance Ayurveda Maha Gedara.
Eins der schönen, am Strand gelegenen Ayurveda-Hotels ist das Heritance Ayurveda Maha Gedara.Foto: Kirsten Schiekiera

Im vergangenen Jahr gab es negative Schlagzeilen. Drei Deutsche hatten schwere Vergiftungen erlitten nachdem sie wochenlang stark blei- und quecksilberhaltige Ayurveda-Medikamente eingenommen hatten. „Medikamente, die Metall enthalten, werden in der modernen ayurvedischen Medizin nicht mehr eingesetzt. Aber es gibt schwarze Schafe, die es offenbar trotzdem tun“, sagt die Ärztin Hiroshini Amarasingha aus dem Siddhalepa-Resort in Wadduwa.

Das Sri Lanka Tourism Promotion Bureau wacht darüber, dass internationale Gesundheitsstandards eingehalten werden und gibt eine Liste mit empfehlenswerten Hotels heraus. Viele Hotelmanager wissen um die Ängste ihrer Gäste: Im Siddhalepa-Resort hängen die Urkunden des staatlichen Tourismusbüros und ISO-Zertifikate neben Schwarz-Weiß-Fotos der Heilerfamilie aus den 1930er-Jahren.

Literweise heißes Wasser und Kräutertees trinken? Kein Problem

Es bleibt ein hoffnungsloses Unterfangen, sich Ayurveda mit westlicher Ratio nähern zu wollen. Wer wissen möchte, was es mit den verordneten Tabletten auf sich hat, bekommt oft nur knappe Antworten wie: „It’s good for you!“.

Kaum hat man die recht simpel wirkende Dosha-Theorie akzeptiert, da stellt man fest, dass die Gruppe von höchst unterschiedlichen Menschen beim Abendessen angeblich eine erstaunliche Gemeinsamkeit hat: Alle sollen Vata-Typen sein. Für die sind Fleisch, Tomaten, Ananas, Paprika und Pilze tabu.

„Der hektische, westliche Lebensstil befeuert das Vata-Dosha, deshalb ist es bei fast allen Menschen aus westlichen Kulturkreisen zu stark“, erklärt die Ayurveda-Ärztin Amarasingha auf Nachfrage. Viele Fragen bleiben. Warum darf „helles Fischcurry“ nur mittags gegessen werden, während „dunkles Fischcurry“ grundsätzlich verboten ist?

Am besten: nicht weiter drüber nachdenken. Denn die Kur zeigt schon nach wenigen Tagen Wirkung. Die Patienten fühlen sich leichter, jünger und energiegeladen, das sagen fast alle. Und oft geschieht auch noch eine seltsame Wandlung. Die vielen Massagen, auf die man sich verspannt am Schreibtisch sitzend gefreut hatte, verlieren an Reiz, wenn täglich ölige Daumen an Schulterblättern und Nacken rotieren. Morgens um sechs für die Yogastunde aufzustehen, wird verblüffenderweise zum Vergnügen.

Literweise heißes Wasser und Kräutertees trinken? Kein Problem. Was zu Hause unmöglich erscheint, gelingt bei einer Ayurveda-Kur leicht: Der komplette Verzicht auf Alkohol, Zucker und Mehlprodukte.

Ob’s nachhaltig wirkt? Vielleicht. Mit viel Disziplin.

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