„An Gott kommt keiner vorbei – außer Stan Libuda“

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„Borusseum“ : Und ewig fällt das Wembley-Tor
Komm’ her, Kleiner. Siggi Held präpariert „Stan“ Libuda fürs Festbankett.
Komm’ her, Kleiner. Siggi Held präpariert „Stan“ Libuda fürs Festbankett.Foto: Lerchenmüller

In der Nachkriegsecke schimmert der Satinbüstenhalter, den Willi Kronsbein im Jahre 1947 klammheimlich im Gepäck seines Kollegen Erdmann versteckte. Was dazu führte, dass Frau Erdmann wutentbrannt in die BVB-Räume stürmte und zum ersten Mal eine Frau an einer Mannschaftssitzung teilnahm ...

Der graue Kessel der Themeninsel „Stadion Rote Erde“ ist bedeckt von Namen in Großbuchstaben: Schlebrowski Kurrat Cyliax Burgsmüller … – Heroen am Ball in ihrer Zeit, und – nein, Bernhard Wessel findet sich nicht darunter. Zwischen den Inseln sind immer wieder kleine Do-it-yourself-Ecken aufgebaut: Das Borussenquiz wendet sich mit kniffligen Fragen an Spezialisten. An einem Terminal lassen sich die großen Derbys gegen den Schalke 04 abrufen. Im Videogästebuch kann sich jeder mit Bild verewigen. Und wer plötzlich keine Lust mehr auf Kopffußball hat, legt eben Hand an: Die beiden Kickertische sind stets dicht umlagert.

Dann aber beginnt die Zeit der Erfolge. 1947 wird der BVB Westfalenmeister. Das Spielerbuch von Trainer Fabra verrät, dass die Männer im Hauptberuf Schlosser, Rohrleger, Sortierer oder Bergmann sind. Ab 1949 dürfen sie offiziell dazuverdienen: Zwischen 150 und 320 Mark bezahlt der Verein. 1956 und 1957 wird Dortmund Deutscher Meister – beide Male mit exakt der gleichen Mannschaft. „Kein König, kein Kaiser könnte stürmischer begrüßt werden als die siegreiche Fußballmannschaft“, jubelt der Kommentator aus dem Off. Und dann, 1963, ist es wieder so weit. Der BVB gewinnt erneut die Deutsche Meisterschaft. Im letzten Endspiel vor der Fußball-Bundesliga. Und im Tor gegen den 1. FC Köln steht: Bernhard Wessel – „ein überragender Rückhalt“ beim 3:1-Sieg.

Die Ära der „Jahrhundertspiele“ bricht an, jene Zeit, in der ich, als Allgäuer eigentlich 1860 München verpflichtet, mit dem BVB aufstand, den Tag verbrachte und einschlief. Das goldgelbe Trikot von Reinhold Wosab erinnert an das 5:0 gegen Benfica Lissabon. Reinhard „Stan“ Libudas Bogenlampe, sein Heber aus 25 Meter Entfernung, bringt 1966 den Europapokalsieg. Erwachsenen Fußballignoranten verdanke ich, dass ich die Sensation unter der Bettdecke am Transistorradio mitfeiern muss.

„An Gott kommt keiner vorbei – außer Stan Libuda“, dichtet man im Ruhrgebiet. Im körnigen Fernsehausschnitt ist das Siegtor kaum zu erkennen. Bei der Übertragung vom Empfang in Dortmund aber überschlägt der Reporter sich beinahe: „Elf glückliche Männer vom Borsigplatz, elf glückliche Jungs aus dem Land der Roten Erde kehren zurück aus dem Hampden-Park.“ Ach, is dat schön, wie sie hier sagen – begeisterter wurden auch siegreiche Armeen nicht empfangen.