Seit Sommer ist Margate um eine neue Attraktion reicher

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Englische Küste : Eine Stadt wird umarmt
Tracey Emin mit Elizabeth II.
Tracey Emin mit Elizabeth II.Foto: Suzanne Plunkett, Reuters

Das sollte Besucher nicht schrecken. Denn wer braucht Marbella, wenn er auf der Terrasse des Sands Hotels sitzt, bei konfiertem Rote-Bete-Salat, Wolfsbarsch mit Safrankartoffeln, Canterbury Cobble-Käse und einem kühlen Sauvignon Blanc der Sonne beim Untergehen zuguckt und dem Leuchtturm beim Blinken. Hier sitzt der Gast in der ersten Reihe (und im ersten Stock), die Bucht mit dem feinen Sandstrand liegt gleich auf der anderen Straßenseite. Sagenhafte 20 Jahre lang stand das alte Haus in der 1a-Lage leer, bis sich zwei Hotelmanager aus Kent des Gebäudes annahmen und vor ein paar Monaten das erste Designhotel der Stadt eröffneten, mit Bar, Restaurant und eigener Eisdiele.

So schick die Einrichtung ist, die Preise sind zivil, und auch wer sich kein Zimmer mit Balkon und Meerblick leisten kann oder will, ist willkommen. Der Zwei-Gänge-Lunch kostet 15 Pfund. In London würde man mindestens das Doppelte zahlen. Nebenan hat ein weiteres neues Lokal eröffnet, im Haus daneben wird noch renoviert: Dort zieht ein Tanzcafé ein.

Seit diesem Sommer ist Margate noch um eine weitere eine neue Attraktion reicher, an eben dieser Bucht, an der Museum, Hotel und Altstadt liegen: ein Deich gegen die Flut, in Form von flachen Stufen. Tagsüber sitzen hier Einheimische in der Mittagspause, ohne sich die Füße nass und sandig zu machen, nachmittags schlecken Touristen ihr Eis, abends vergnügen sich spanische Sprachschüler, verbringen Paare einen romantischen Abend.

Zoe Murphy gehört zu denen, die gern dort hocken und aufs Meer schauen. Wenn sie nicht gerade arbeitet, was sie ziemlich intensiv tut. Die Designerin ist schwer gefragt. Eine Generation jünger als Tracey Emin, ist die knapp 30-Jährige ebenfalls in Margate aufgewachsen, als Lehrerstochter etwas behüteter, aber auch sie wollte als Jugendliche nur eins: weg. „Es gab keine Arbeit, keine Kreativität.“ Doch während des Studiums merkte sie, wie sehr ihre ruppige Heimatstadt sie geprägt hat. Und dass es nicht schlecht ist, an einem Ort zu leben, wo das Meer immer rauscht und die Möwen kreischen.

So entdeckte sie ihre Liebe neu. Und die heruntergekommene Stadt, sagt die lebhafte Murphy, konnte Liebe gut gebrauchen. „Margate“, so nannte sie ihre Kommoden, die es nicht nur in der Margate Gallery zu kaufen gibt, in der man die herrlichsten Designer- und Kunsthandwerker-Andenken findet, von der Postkarte bis zur Handtasche, sondern auch im Londoner Edelkaufhaus Liberty. Es sind Kommoden wie die Stadt: von ihren früheren Eigentümern verstoßen, jetzt recycelt und neu belebt, mit frischen Farben und Margate-Straßenzügen bedruckt.

Oldtimertreffen und Creamtea

Inzwischen hat Murphy auch einen fröhlichen Stadtplan für Postkarten gemalt. Und hat viele neue Freunde. Die meisten kreativen Neuankömmlinge lassen sich allerdings nicht wie sie im Zentrum nieder, sondern in Cliftonville, dem einst mondänen Viertel auf einem Hügel, in dem früher die wohlhabenden Gäste logierten, das dann besonders tief stürzte.

Eins der wenigen großen alten Hotels, das es hier noch, das heißt wieder gibt, ist das Walpole Bay Hotel an der Fifth Avenue (!), das im kommenden Jahr 100 wird. Inhaberin Jane Bishop und ihre Familie pflegen das nostalgische Flair, mit Oldtimertreffen, Creamteas, der Fahrt im historischen Aufzug und einer Art Heimatmuseum, das sie auf einem Stockwerk mit Spenden von Anwohnern eingerichtet hat. Auch Tracey Emin ist Stammgast, hat hier seit den 90er Jahren etliche Geburtstage gefeiert.

Margate hat viele Anhänger. Jane Bishop gehört ebenso dazu wie die ehrenamtlichen Mitarbeiter im Heimatmuseen, die nur darauf warten, dem Besucher etwas über ihre Stadt erzählen zu können. Nachdem das Turner Contemporary, in dem der Eintritt übrigens frei ist, Wirklichkeit wurde, hoffen viele Bewohner, dass noch ein anderer Traum in Erfüllung geht, und „Dreamland“ als historischer Vergnügungspark wieder aufersteht. Die Chancen stehen nicht schlecht.

Schon wird Margate als das „neue Brighton“ gefeiert, was ein Versprechen, gleichzeitig auch eine Drohung ist. Denn Brighton ist schick und teuer geworden. Der Charme Margates liegt jedoch gerade im Noch-nicht-so-Geleckten, darin, dass Alt und Neu, wie in den Ausstellungen des Turner Contemporary, ko-existieren, noch Raum ist für Improvisation. So wie im „Tom Thumb“ in Cliftonville, einem daumengroßen Theater mit spannendem Programm und einer kleinen Bar, hinter der die Künstler, die das Haus mit Hilfe ihrer Familie betreiben, die Drinks mixen. Wer alten und neuen Margatern begegnen will: This is the place to go.

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