Die Stuttgarter sind neidisch auf das Schocken Kaufhaus

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Chemnitz : Ich wünsch mir einen Campanile
Nach der Wende wuchsen neue Bauten im Zentrum, wenige sind gelungen.
Nach der Wende wuchsen neue Bauten im Zentrum, wenige sind gelungen.Foto: Hella Kaiser

Das Kaufhaus Tietz, 1912/13 mit drei Lichthöfen erbaut, wurde im Zweiten Weltkrieg zur Ruine. Zu DDR-Zeiten wurde der Bau in Teilen rekonstruiert und bis zur Wende als „Centrum Warenhaus“ genutzt. Heute dient es als sogenanntes Kulturkaufhaus und bietet nicht nur Galerien, sondern auch dem Museum für Naturkunde Platz.

Vor der Wende strömten Bürger aus dem weiten Umkreis zum Einkaufen nach Chemnitz. Denn es gab nicht nur das Tietz, sondern auch das Kaufhaus Schocken, 1930 entworfen von Erich Mendelsohn. „Manchmal stehen Besucher aus Stuttgart ein wenig neidisch davor“, erzählt Veronika Leonhardt. Die Stadt in Baden-Württemberg hatte auch ein Schocken Kaufhaus. Es wurde 1960, internationalen Protesten zum Trotz, abgerissen. In Chemnitz entschied man sich für die behutsame Restaurierung des schwungvollen Baus mit den grandiosen Fensterbändern. Heute beherbergt das Schocken das Staatliche Museum für Archäologie. „Besuchen Sie es in jedem Fall, allein wegen der Innenarchitektur“, rät Veronika Leonhardt.

Eher erschütternd ist, was sich zentral rund um den Neumarkt getan hat. Lediglich das von Hans Kollhoff geplante und im Jahre 2000 eröffnete Einkaufscenter „Galerie Roter Turm“ ist gelungen. Aus 100 000 gelblichen Terracotta-Ziegeln mit Bögen, Zinnen und Arkaden errichtet, nimmt das Gebäude einen spannenden Dialog mit dem gegenüberstehenden Neuen Rathaus (von 1911) auf. Doch wenige Jahre später entstanden in unmittelbarer Nähe die Galeria Kaufhof aus Stahl und Glas sowie der wellenförmige Glasbau des Peek & Cloppenburg-Kaufhauses. Aufdringliche Neo-Moderne, die schmerzt.

Das Schwimmbad im Bauhausstil, errichtet 1935, ist noch heute in Betrieb.
Das Schwimmbad im Bauhausstil, errichtet 1935, ist noch heute in Betrieb.Foto: Berkholz

Erst schwimmen, dann essen gehen

Der Tourist flieht zur Kunst. Und muss jetzt viel Zeit mitbringen. Die Kunstsammlungen Chemnitz besitzen 70 000 Objekte, darunter viele Werke der klassischen Moderne. Karl Schmidt-Rottluff – er nannte sich nach seinem Geburtsort Rottluff, heute ein Ortsteil von Chemnitz – hatte die erste Ausstellung 1909 noch miteröffnet. Heute kann das Museum auch Ernst Ludwig Kirchners Werk „Chemnitzer Fabriken“ (1926) zeigen, eine Dauerleihgabe der Deutschen Bank. Zu den Kunstsammlungen gehört seit einigen Jahren auch das Museum Gunzenhauser. Untergekommen ist es in einem restaurierten Bankgebäude. Allein 290 Werke von Otto Dix gehören zum Bestand.

Wer nicht nur etwas für die Sinne, sondern auch für den Körper tun möchte, muss (!) in Chemnitz schwimmen gehen. Das Bad im Bauhausstil ist ein Juwel. 1927 war der Bau begonnen worden, konnte wegen der Weltwirtschaftskrise allerdings erst 1935 eröffnen. Zwei Schwimmbecken, eins mit einer 50-Meter-Bahn, befinden sich unter Kassettendecken aus Milchglas. Das Bad wurde zu DDR-Zeiten das erste Mal renoviert und dann noch einmal nach der Wende. Im Foyer hängt die originale Wanduhr mit zwei Schwimmern, in den großzügigen Umkleiden stehen geschwungene Bänke aus Nussbaum.

Schwimmen macht hungrig. Wo gehen wir abends essen? Noch einmal ins Janssen, so schön gelegen in der restaurierten Hase-Fabrik? Veronika Leonhardt empfiehlt alternativ das Viertel unterhalb des Schlossbergs. Ein lauschiger Pfad entlang dem Schlossteich führt zu gemütlichen Fachwerkschenken. So nah am quirligen Zentrum und doch verträumt wie in einem Dorf. Chemnitz hat viel Lebensqualität. „Früher waren die Einwohner eher skeptisch und krittelten, heute sind sie stolz auf ihre Stadt", sagt Veronika Leonhardt. Sie haben allen Grund dazu.

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