„Hier wohne ich“

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Ludwigslust : Baue er mir ein Schloss
Der Altar der Kirche - ein mehrdimensionales Gemälde.
Der Altar der Kirche - ein mehrdimensionales Gemälde.Foto: Kathrin Konradt

Im Hotel de Weimar, dem ehemaligen Gästehaus der Herzöge zu Mecklenburg in der Schlossstraße 15, preisen sie den Park nun als „längstes Hotellaufband der Welt“. „Eine Runde von acht, zwölf Kilometern? Alles ist möglich“, sagt die Angestellte Petra Fuchs. Und schwärmt: „Im April müssen Sie den Park sehen, da ist der Waldboden von tausenden Buschwindröschen übersät.“ Hinter dem Schloss finden im Sommer Feste statt, Peter Maffay ist hier aufgetreten, David Garrett und – „schon zwei Mal“ – betont die Stadtführerin, Elton John. Künstler mögen das besondere Ambiente.

In der schnurgeraden Schlossstraße mit den schmucken roten Backsteinbauten steht seit vergangenem Sommer ein Stadtmodell in Bronze, geschaffen vom Rostocker Bildhauer Wolfgang Friedrich. „Nun kann man die Stadt auch von oben betrachten“, freut sich Elisabeth Messer. Und sehen, dass der Park fast genauso groß ist wie die Stadt. Immer wieder bleiben Einheimische vor dem Modell stehen und beugen sich darüber. „Hier wohne ich“, sagt eine Frau und tippt stolz auf ein bronzenes Haus en miniature.

Gegenüber vom Schloss sind die einstigen Kavaliershäuser im Oval angeordnet. Einige stehen leer, „da ist die Eigentümerfrage noch ungeklärt“, sagt die Stadtführerin. Auch hat manch ener Besitzer wohl nicht bedacht, dass er ein Vielfaches der Kaufsumme ins Objekt stecken müsste. Das war wohl auch beim sogenannten Prinzenpalais der Fall. Seit Jahren sei nichts passiert, bedauert die Stadtführerin. Wenigstens habe man nun zum Schutz die Fenster mit Brettern vernagelt.

In der Mitte des halben Ovals wurde im 18. Jahrhundert ein Teich angelegt. „Wenn das Wasser glatt ist, spiegelt sich das Schloss darin“, sagt Elisabeth Messer. Tatsächlich. Aber wie kann das sein? Das Schloss ist doch so weit weg. Hofbaumeister Busch war wirklich ein Genie.

Gottesdienst wie im Theater

Der erste Auftrag von Friedrich aber lautete: „Baue er mir eine Kirche.“ „Da gehen wir jetzt hin“, sagt die Stadtführerin und stapft entschlossen in Richtung eines rosa Gebäudes. Wie ein antiker Tempel sieht es aus, sechs mächtige weißen Säulen stützen die Front. Natürlich kein Marmor, sondern nur überkalkter Backstein. Das ist eine Kirche? „Ja, und weil das kaum zu erkennen ist, gehen viele Besucher gar nicht erst hin.“ Um zu dem Gotteshaus zu gelangen, muss man die B 5 überqueren. „Früher sind alle Transitreisenden von Berlin nach Hamburg hier vorbeigefahren“. Jetzt nutzen die Menschen die Autobahn, der Durchgangsverkehr bleibt aus. „Schön wär’s“, seufzt die Stadtführerin. Der Verkehr, vor allem durch Lkw nehme wieder zu, das seien die „Mautpreller“.

Weil Friedrich Angst vor Blitzschlag hatte, durfte die Kirche keinen Turm haben. Jedenfalls nicht in der Nähe. In gut 200 Meter Entfernung wurden die Glockentürme in Form ägyptischer Pylonen am Eingang zum Friedhof errichtet. Dass sie zur Kirche gehören sollen, kann kein Mensch ahnen. Wer das Gotteshaus arglos betritt, bekommt den Mund nicht mehr zu. Der Altar ist eine riesige Gemäldewand. Hoch oben sitzt ein Engel an der Orgel, 45 musizierende Putten schweben drum herum.

„Die Orgel, die Sie sehen, hören Sie nicht. Und die, die Sie hören, sehen Sie nicht“, sagt Küster Thomas Konradt. Das Instrument befindet sich hinter dem Gemälde, der Himmel, man kann es kaum erkennen, ist zweigeteilt. Illusionsmalerei. Und auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich die Fürstenloge. Gottesdienst wie im Theater. Empfindlich kalt ist es drinnen, und deshalb bleibt die Kirche bis Ende März auch eigeschlossen. Wer sie vorher besuchen will, ruft die Nummer des Küsters an, die am Ort notiert ist. Wenn es irgend geht, kommt er vorbei und schließt sie auf.

Kirche und Schloss sind durch eine Sichtachse verbunden. Seit 1952 ist sie durch einen hohen breiten Sandsteinkubus beeinträchtigt. Ein Gedenkstein für die Opfer des nahen KZ Wöbbelin. Im Februar 1945 wurde es eingerichtet, als Auffanglager jener, die auf „Todesmärschen“ aus dem Osten kamen. 5000 Menschen wurden im KZ Wöbbelin zusammengepfercht – bis zum 2. Mai. Dann befreiten die Amerikaner das Lager und ließen 200 Tote aus den Massengräbern individuell bestatten. An einem würdigen Ort – mitten auf dem Bassinplatz.

Die Ludwigsluster sind stolz auf ihren Ort

Auch ohne den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen hatte sich Ludwigslust längst neu erfinden müssen. Nachdem Friedrich Franz 1837 gestorben war, wurde die Residenz nach Schwerin zurückverlegt. Die neuen Herrschaften kamen höchstens mal zur Jagd. Ludwigslust verlor seinen Glanz und musste sich auf magere Jahre einstellen. Auch wenn es 1876, gleichsam zum Trost, die Stadtrechte bekam.

Darauf waren die Einwohner stolz und jene rund 12 500, die heute hier leben, sind es immer noch. Dabei haben sie seit der Kreisgebietsreform 2011 an Eigenständigkeit verloren. Parchim und Ludwigslust bilden jetzt einen Landkreis, das neue Kfz-Kennzeichen ist LUP. „Widerlich“ findet das Petra Fuchs und will, wie wohl alle anderen Ludwigsluster, das Kennzeichen LWL für immer behalten. Koste es, was es wolle.

„ LWL – das stand früher auch für „Leberwurst-Land“, erzählt Elisabeth Messer. In der DDR habe man Schlange gestanden für diese Köstlichkeit. Nach der Wende verschwanden die Mecklenburger Fleischspezialitäten aus den Regalen. Jetzt haben sie längst wieder ihren Platz in vielen Supermärkten. „Qualität setzt sich durch“, sagt Elisabeth Messer zufrieden. Die Firma existiert seit 1892 und verkündet auf der Website stolz, Hoflieferant des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin gewesen zu sein.

Kaum ein Laden oder Restaurant, in dem das Schloss nicht irgendwie verewigt ist. Sogar auf den Verteilerkästen, die sämtlich kunstvoll bemalt sind, prangt das Barockensemble. Die Ludwigsluster sind stolz auf ihren Ort – und nennen ihn liebevoll Lulu. Auch wenn sie ihn zum Arbeiten oft verlassen müssen und nach Hamburg oder Berlin pendeln. Umziehen will keiner. „Bei uns in der Schlossstraße gibt es acht Cafés, acht Cafés auf einen Kilometer“, sagt Petra Fuchs triumphierend.

Wo sonst sei so etwas möglich? Es hat wohl auch mit Tradition zu tun. 1909 schrieb der Schriftsteller Carl Kober: „Was sind hier hundert Jahre? Der Geist einer vergangenen Zeit ist auch heute noch lebendig“. Alles wie früher. Schon die Hofdamen, die im Park ihre eigene Allee hatten, bezeichneten Ludwigslust mit dem gleichen Namen wie die Bürger heute. Nur sagten sie Lülü. Man pflegte das Französische.

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