Wer will hier auch fort

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Unterwegs auf dem Elberadweg : Wo man das Träumen lernen kann
Der "Alte Hof am Elbdeich" steht in Unbesandten.
Der "Alte Hof am Elbdeich" steht in Unbesandten.Foto: Kaiser

Und der Tourismus? Jacob winkt ab. Die Fahrradtouristen ließen kaum Geld da, sagt er. Aber wo sollten sie es ausgeben, wenn es keine Läden gibt und außer der Burg kaum Einkehrmöglichkeiten? Vielleicht küsst Lenzen mal jemand wach, mit Ideen und nun ja, mit etwas Geld. So wie in Dömitz im angrenzenden Mecklenburg, wo sie, wie der Lenzener Bürgermeister bemerkte, „einen Investor haben“.

Dorthin radeln wir am nächsten Tag. Also von unserem Quartier rechts am Deich entlang. Am Hafen mit den schön restaurierten Backsteingebäuden gibt es ein Hotel mit Panoramacafé. Etliche Besucher kommen an diesem Nachmittag herauf, trotzdem sind viele Tische frei. „Die Folgen der Flut“, sagt der Kellner betrübt. „Wir haben 30 bis 40 Prozent weniger Gäste.“ Trotzdem wirkt der Ort, kaum größer als Lenzen, quicklebendig. Geschäfte sind geöffnet, darunter das ehemalige Kaufhaus am Slüterplatz mit kuriosem Angebot. Antikes und Krempliges gibt es, Ölbilder, Kleider, Spielzeug und Bücher. Vielanker Bier wird ausgeschenkt – hinter dem Brauhaus steckt der Investor – , und Auerochsenbratwurst kostet 2,50 Euro.

Marina Möller leitet die Touristeninformation. Die 62-Jährige ist die Seele der Auskunftsstelle und ganz vernarrt in ihren nach der Wende erblühten Ort. „Im Dömitzer Panoramacafé verkaufen sie 1,4 Tonnen Kaffee im Jahr, Tendenz steigend“, sagt sie stolz. Und den Touristen würde im Ort viel geboten. Zuallererst natürlich die Festung, in der einst Fritz Reuter einsaß, dazu das gesamte Stadtbild, „noch wie im 16. Jahrhundert“.

„Wenn Sie in Dömitz hinter die Kulissen schauen, sieht es dort auch nicht anders aus als bei uns“, hatte der Lenzener Bürgermeister etwas beleidigt gesagt. Auch in Dömitz existieren noch marode Häuser, manches steht leer. Marina Möller lächelt milde. „Wir hatten 370 Rückübertragungen im Ort, häufig an Erbengemeinschaften, die sich bis heute nicht einigen konnten“, erklärt sie. Trotzdem sei Dömitz verhältnismäßig gut dran. Neun verschiedene Radtouren könne man vom Ort aus starten. Und mit der Fähre hinüberfahren nach Hitzacker. „Anfangs witterten die Niedersachsen durch uns unliebsame Konkurrenz“, sagt Marina Möller. Doch längst zöge man an einem Strang. „Wir schicken uns die Gäste gegenseitig“, sagt sie und lächelt zufrieden. Auch die Lenzener aber haben doch eine Fähre und ein niedersächsisches Gegenüber. „Ja“, sagt Marina Möller, „die haben Dannenberg.“ Aber dort seien die Menschen eben auch „etwas eigen“. Unterscheiden sich Brandenburger eigentlich von Mecklenburgern? „Die Brandenburger halten uns für verträumter und sich selbst für leistungsfähiger“, sagt Marina Möller. Sie trügen die Nase ein wenig hoch. „Tja“, fügt die Mecklenburgerin verschmitzt hinzu – und überlässt die Besucherin ihren Gedanken.

Zurück im „Alten Hof am Elbdeich“ bestellen wir das Abendessen. Schnittlauchkartoffelsüppchen und Filet vom Schlei in Orangenmeersalzsud an geraspeltem Fenchel. Köstlich. Chefin Senst ist gelernte Köchin. Ein Paar aus Dortmund befestigt die Räder am Auto. „Wir müssen leider zurück“, sagt der Mann, „aber im nächsten Frühjahr kommen wir sicher wieder her.“ Wie die Störche, die bald gut genährt zu ihrem Fernflug starten.

Ist es nicht traurig, wenn sie fort sind? „Ach wo“, sagt Annett Senst. „Bald kommen ja die Kraniche. Und wenn Sie im Winter am Deich entlanggehen, hören Sie die Singschwäne.“ Die Natur im Wandel der Jahreszeiten eben. Am Himmel fliegen Wildgänse in Formation. „Viele von denen bleiben ganzjährig bei uns“, sagt Annett Senst. Wer will hier auch fort, denken wir. Und möchten ewig bleiben.

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