Wo verstecken sich alle?

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Unterwegs auf dem Elberadweg : Wo man das Träumen lernen kann
Wie weit es zum nächsten Dorf ist, zeigen Schilder.
Wie weit es zum nächsten Dorf ist, zeigen Schilder.Foto: Berkholz

Einige Strampelminuten später wartet „Charon“ am Wegesrand. Hu, was tut denn dieser eiserne, totenkopfgesichtige Gruselmann hier? 1994 wurde diese Skulptur des Künstlers Bernd Streiter aufgestellt. Charon, so erklärt ein Schild, ist ein mythischer Fährmann, der die Seelen der Verstorbenen ins Reich der Schatten bringt. Als schöner Kontrast weist ein „Haltepunkt Natur“ auf jahrhundertealtes Überleben hin. 150 Meter vom Deich entfernt, mitten in den Elbauen, steht sie: die Eiseiche. Ein dicker, knorriger Baum mit Dutzenden Verästelungen. Im Juni muss er tief im Wasser gestanden haben, die Ränder am Stamm reichen bis knapp unter die tiefgrüne Blätterkrone. Wie viele Hochwasser hat diese Eiche wohl schon erlebt? Und keine Flut konnte ihr etwas anhaben.

Kurz vor Lenzen steht ein ehemaliger Wachturm mitten auf dem Deich. Über eine Wendeltreppe gelangt man ins enge Kabuff der Grenzsoldaten – mit Aussicht über die Flusslandschaft. Bis zur Einrichtung der Sperrzone 1952 gab es an dieser Stelle die Gaststätte „Elbschlösschen“. Wer jetzt einkehren möchte, kann die Fähre hinüber ins niedersächsische Pevestorf nehmen – oder, wie wir, nach Lenzen radeln. 1900 Einwohner hat der Ort, aber wo verstecken die sich? Fachwerkhaus steht neben Fachwerkhaus, manche von ihnen warten noch auf ihre Restaurierung, andere sind schon prima in Schuss. Zahlreiche Läden stehen leer. Über einem prangt in schwarzen Lettern der Name „Georg Schadow“. Was wurde hier mal verkauft? An der Ecke befindet sich eine Apotheke, aus dem 16. Jahrhundert. Auch sie wartet noch auf Wiederbelebung.

Etwas ratlos schieben wir die Räder durch den Ort. Im Geschäft einer Asiatin könnten wir Hüte, Mützen und allerlei Tand erwerben. Und sonst? Im sorgsam sanierten „Stumpfen Turm“, einst Teil der Stadtmauer, ist die Touristeninformation. Sie hält einen „Stummen Stadtführer“ bereit, eine Broschüre, die Lenzen „in zwanzig Stationen“ erklärt. Da ist etwa die St. Katharinenkirche mit ihrer wertvollen Orgel, das sorgsam restaurierte Rathaus mit der kuriosen Ein-Zeiger-Uhr und natürlich die Burg. Ein Schmuckstück. Im Inneren befindet sich das Heimatmuseum und informiert über die Schlacht von Lenzen, beeindruckend dargestellt in einem Zinnfiguren-Diorama.

Immer wieder war Lenzen von Hochwasser bedroht. In der Ausstellung des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) prangt ein Zitat von Bertolt Brecht: „Der Fluss wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.“ Aus dem Elbehochwasser 2002 haben Umweltexperten dann die Lehren gezogen. Das Naturschutzgroßprojekt „Lenzener Elbtalaue“ wurde nach und nach umgesetzt. Auf einem Abschnitt von gut sieben Kilometern wurde der Deich ins Hinterland verlegt und so eine Überflutungsfläche von 420 Hektar gewonnen. Der alte Deich blieb stehen, wurde aber an sechs Stellen geschlitzt. 2009 war alles fertig – und auch deshalb ist die Stadt Lenzen im Frühsommer dieses Jahres trocken geblieben.

Torsten Jacob, Leiter des Stadtbetriebs Lenzen, schwärmt von den Elbtalauen. Auf 220 Quadratkilometern leben rund 4800 Menschen, „ein Verhältnis wie in Finnland“, weiß er. Und weil es ein Biosphärenreservat sei, stehe kein einziges Windrad herum. Nur Lenzen profitiert augenscheinlich wenig von seiner traumhaften Umgebung. Zu lange lag die Stadt im Sperrgebiet, die wenigen verbliebenen Bewohner kamen nur mit amtlichen Stempeln rein und raus. Selten ziehen neue Einwohner her. „Wer“, fragt Jacob, „will hier ein Haus restaurieren, wenn er es später nicht vermieten kann?“ Und wenn ein potenzieller Investor höre, dass es 70 Kilometer sind bis zur nächsten Autobahn, winke der gleich ab. Die für Besucher herrliche Abgeschiedenheit ist für Lenzen ein Problem. Die Gesamtschule am Ort wurde 2004 geschlossen. „Die wenigen Kinder, die es hier noch gibt, stehen morgens um sechs Uhr an der Bushaltestelle", sagt Jacob. Einfach traurig sei das.

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