Die Erinnerung an Victorias Besuch ist bis heute gegenwärtig

Seite 2 von 3
Schottland : Entzückende Liebschaften
Keinswegs im Schatten des 1344 Meter hohen Ben Nevis liegen die Ruine des Inverlochy Castles sowie das gleichnamige Luxushotel.
Keinswegs im Schatten des 1344 Meter hohen Ben Nevis liegen die Ruine des Inverlochy Castles sowie das gleichnamige Luxushotel.Foto: Alamy/mauritius images

Seit 1969 ist das Schloss ein Hotel; 1996 kaufte es ein malaysischer Geschäftsmann und steckte noch mal eine Menge Geld hinein. Mit nur 17 Zimmern hat es die Atmosphäre eines viktorianischen Familiensitzes bewahrt. Die Zugeständnisse an das 21. Jahrhundert sind fast unmerklich in die mit Antiquitäten und viktorianischen Tapeten gestalteten Zimmer gefügt; Flachbildfernseher sehen aus wie gerahmte Spiegel, Laptops sind diskret in zierlichen antiken Schreibtischen versenkt.

Einige Details sind ganz authentisch: ein kleiner Sprung in einer Fensterscheibe, der Spitzenüberwurf über der Box für Taschentücher, der unschöne körperliche Realitäten wie eine laufende Nase gnädig verhüllt. Dass Menschen, deren Namen in keinem Adelsverzeichnis stehen, hier den Lebensstil englischer oder schottischer Aristokraten pflegen können, ist die eigentliche Attraktion des Hauses.

Einzig die kulinarischen Höhenflüge heutiger Gäste dürften Königin Victoria bei ihrem Besuch versagt geblieben sein. Gut hatte sie es trotzdem in dem erst 1863 errichteten Neubau. Die Gastgeber Lord und Lady Abinger hatten den Anstand, ihre Monarchin nicht mit ihrer Anwesenheit zu behelligen – Begrüßung und Verabschiedung ausgenommen.

Zum Dank für die erwiesene Gastfreundschaft erhielten sie ein kostbares Armband für Lady Abinger sowie signierte Ausgaben ihres schottischen Tagebuchs, das unter dem Titel „Leaves from the Journal of our Life in the Highlands“ nach der ersten Schottland-Reise Victorias mit dem Gatten Albert entstanden war. Schließlich gehört es seit jeher zu den vornehmsten Pflichten des Adels, den Souverän bei seinen Reisen durchs Land im eigenen Heim aufzunehmen – ein Brauch, der manchen Aristokraten an den Rand des Ruins trieb.

Doch William, der dritte Lord Abinger, und seine Frau Helen, die Nichte eines amerikanischen Generals, konnten sich ein gastfreies Haus leisten. Ein Brief des ehemaligen konföderierten amerikanischen Präsidenten Jefferson Davis an seine Frau Varina, der im Billardzimmer hinter Glas hängt, erinnert an seinen Besuch auf Inverlochy Castle im Jahr 1869. Seine Begeisterung über die Farbschattierungen der schottischen Berge kennt kein Maß: „Die Landschaft hier ist die großartigste von all den erhabenen Naturschauspielen, die ich in Schottland gesehen habe“, schwärmt er. Es ist womöglich kein Zufall, dass der einzige Präsident des feudalen Südens sich auch im Schloss sehr wohl fühlte.

Die Monarchin und ihr schottischer Diener

Die Erinnerung an Victorias Besuch ist bis heute gegenwärtig; nicht nur auf Inverlochy Castle, wo ihr Schlafzimmer als „Queen Victoria Suite“ königliche Träume garantieren soll. Ein Foto zeigt die 54-jährige Monarchin zu Pferd im Park, die Zügel hält ein Schotte im Kilt: John Brown. Im West Highland Museum in Fort William ist ein kleiner Raum der Königin, ihrem Zeitalter und ihrem Lieblingsdiener gewidmet. John Brown (1826–1883) war in den Ställen Balmorals tätig, als Victoria und Albert 1847 das Schloss erwarben, und wechselte, als wäre er Teil des Inventars, mit dem Kauf in den Dienst der Königin.

Die Natur der Beziehung zwischen der Monarchin und diesem Bediensteten war bald Gegenstand vernehmlichen Getuschels. So widmete sie ihm etwa das Reisetagebuch, das von ihrem Besuch auf Inverlochy Castle berichtet. Zwar bewies Victoria durch Jahrzehnte öffentlich gelebter Trauer um den 1861 verstorbenen Gatten Albert die Dauerhaftigkeit ihrer ehelichen Verbundenheit.

Doch ihrer Familie blieb der Schotte, der offiziell als Victorias „persönlicher Diener und Leibwächter“ fungierte, suspekt. Ihre Kinder vermuteten, seine Herkunft habe keinen unwesentlichen Anteil an der königlichen Leidenschaft für Schottland. Immer wieder baten sie Victoria (hinter vorgehaltener Hand auch schon mal „Mrs. Brown“ genannt), ihn zu entlassen, doch die Monarchin wollte davon nichts wissen. Nach ihrem Tod im Jahr 1901 ließ ihr Sohn Bertie, nun König Edward VII., alle Spuren Browns in Balmoral eiligst entfernen.

Seite 2 von 3 Artikel auf einer Seite lesen