Gäste in weißen Bademänteln

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Skiurlaub in Bormio : Chill mal deine Basis
Baden wie einst
Baden wie einstFoto: Barbara Schaefer

Abends, bei der gebuchten Halbpension, ändert sich die Sitzordnung nie mehr. Die Mädchen bleiben bei ihren Familien. Die größeren Brüder und deren Freunde, Indoor-Mützenträger allesamt, sitzen nicht mehr am Tisch der „Alten“. Vom italienischen Vorspeisenbüfett mit eingelegten Oliven, gebratenen Paprika, Involtini aus Zucchini und Artischockenböden kehrt einer von ihnen als Kundschafter zurück und sagt zu den Mützen: „Braucht gar nicht erst hinzugehen: Gibt nur Gemüse!“ Doch eigentlich kann man nicht meckern. Nur unser Hotel samt Tapeten hat schon besserer Zeiten gesehen. Das braun-grüne Blumenmuster muss mal fester an der Wand geklebt haben. Doch wer über so etwas nörgelt, bekommt von den Mädchen Sätze wie „Chill mal deine Basis“ zu hören.

Heute Abend hat sich das halbe Dorf versammelt, die Einheimischen haben sich für die Gäste in historische Kostüme geworfen, es wird Glühwein ausgeschenkt – ein kleines Fest halt. Wir könnten hingehen. Als die Mädchen jedoch hören, dafür müsse man einen Kilometer zu Fuß durch den Ort, verfallen sie in totale Sofastarre. Einen Kilometer!

Wer abseits von Piste und Kindern etwas unternehmen möchte, landet bald in einem der drei Bäder am Ort. Besonders nahe: die „Bormio Therme“, ein Schwimmbad mit Bademützenzwang. Interessanter sind die historischen Badeanstalten, Bagni vecchi – alte Bäder, und Bagni nuovi – neue Bäder. Neu heißt in diesem Fall gut 100 Jahre alt. An Quellen im Berg, weit oberhalb von Bormio, wurde 1845 das Grand Hotel Bagni Nuovi eröffnet. Ein herrlicher alter Kasten mit Blumenfresken in der Lobby, Glasfenstern bis zum Boden im Ballsaal, langen Gängen und geschwungenen Treppen.

Auch Leonardo da Vinci könnte hier geplantscht haben

Auslöser für den Bau abseits von großen Orten war das Projekt Passstraße. Ab 1820 ließ der österreichische Kaiser die Straße über das Stilfser Joch mit Nachdruck vorantreiben. Über diesen Pass reiste dann der Hof aus dem fernen Wien an – die Lombardei, in der Bormio heute liegt, war Teil des Habsburger Reiches. 1976 wurde das Hotel geschlossen, vor einigen Jahren restauriert und als Fünf-Sterne-Haus wiedereröffnet. Außen in Altrosa gestrichen repräsentiert es den Stil der Belle Epoque. Innen ist die noble Atmosphäre allerdings flöten gegangen. Gäste in weißen Bademänteln bestimmen das Bild, denn es gibt eine moderne Wasserlandschaft, gespeist aus bis 43 Grad warmen Quellen.

Das Hotel Bagni Vecchi hingegen ist weit älter, heute ein Drei-Sterne-Haus. Zuvor stand hier, auf 1400 Metern Höhe, eine Burg. Die Römer kannten es als „Hospitium balneorum“, ein Hospiz für Badende. Plinio der Ältere schrieb im 1. Jahrhundert von den Quellen, die Rede ist auch von einem Tempel, der im 12. Jahrhundert zur Chiesa di San Martino wurde. Im Mittelalter wandelte sich das Gebäude zum Xenodochium, einer von Mönchen geleiteten Art Hospiz sowohl für Reisende als auch für Kranke. Wie Mönche sehen auch die Gäste aus, die an der Chiesa vorbei vom Außenbecken kommen, die Kapuzen der Bademäntel tief in die Stirn gezogen als Schutz vor der Winterkälte.

Die sogenannten Bagni romani sind heute noch im Zustand von vor 2000 Jahren. Man tritt auf glitschigem Fels in eine künstliche Höhle mit fließend Warmwasser. Hier könnte auch schon Leonardo da Vinci geplantscht haben. Er besuchte 1493 die Region und schrieb: „In den Bergen des Valtellina liegt Bormio. In Bormio sind die Bäder.“ Eine Notiz, immerhin.

Ach, noch ein kleiner Hinweis: Wer in den Bagni Vecchi baden möchte, muss mindestens 14 Jahre alt sein. Kann ein Nachteil sein, muss aber nicht.

Wem der Sinn nach einer Busskireise nach Bormio steht: Wöchentliche Touren ab Berlin (komplett mit Halbpension ab 499 Euro) gibt es bis Mitte April. Prima Klima Reisen, Telefon: 030 / 787 92 70

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