Flusskreuzfahrt : Die Donau führt zur Pracht

Zwischen Passau und Budapest zeigt Europa, wie viel es zu bieten hat. Wer im Sommer auf der „Nicko Vision“ reist, bleibt auf dem Sonnendeck.

Stift Melk - zu Recht Unesco-Weltkulturerbe.
Stift Melk - zu Recht Unesco-Weltkulturerbe.Foto: imago/allOver

Wer reist, möchte etwas erleben. Also her mit den Überraschungen! Aber dass es bei dieser Flusskreuzfahrt gleich so dicke kommt? Fakt ist: Der Walzerkönig hat gelogen. Von wegen „schöne blaue Donau“. Der Fluss ist flaschengrün an diesem Sommernachmittag. Pünktlich um 16.45 Uhr hat die „Nicko Vision“ Passau verlassen. In einer Woche wird sie uns bis nach Budapest bringen – und wieder zurück. Der Klassiker ist gebucht.

Dass die Tour etwas Besonderes wird, liegt schon mal am Schiff. Die „Nicko Vision“, 2018 in Dienst gestellt, präsentiert sich großzügig und elegant. Durch die hohen breiten Fenster flutet Licht durchs geräumige Innere. So viel Platz ist vorhanden, dass sich die 220 Passagiere kaum in die Quere kommen. In drei Restaurants kann getafelt werden. Wer abends früh Hunger hat, kann im „Vision“ je nach Gusto zwischen 18 und 20.30 Uhr Platz nehmen. In „Marios Grill“ wird bis 21 Uhr serviert. Das lockere Konzept sieht keinen festen Tisch vor und bietet so nicht nur Perspektivwechsel, sondern auch die Chance, verschiedene Bekanntschaften zu machen.

Bestes Leselicht am Bett

Dabei bleibt man auf diesem Schiff auch ganz gern etwas länger in der geräumigen Kabine. Sowohl im Oberdeck als auch im Mitteldeck verfügen sie alle über einen französischen Balkon. Zwei große Spiegel zur Kontrolle der Garderobe sind vorhanden, ein kleiner Sessel, ein Hocker, eine Schreibplatte. Die Nasszelle entpuppt sich als richtiges Bad. Und endlich können wir bis in die Nacht hinein schmökern. Ein helles Lämpchen am Kopfende lässt sich so zurechtbiegen, dass man prima lesen kann. Wann hat man das heutzutage noch in den besten Hotels?

Die erste Nacht hätte natürlich nicht dermaßen lang sein müssen. Der Schlaf ist zu kurz gekommen. Und so reiben wir uns um sieben Uhr früh noch die Augen, als die „Nicko Vision“ längst angelegt hat. In Ybbs! So lustig der Name klingt, so erstaunlich ist dieses niederösterreichische Städtchen. Dass wir hier festmachen, hat einen bestimmten Grund: Die Donau ist einfach zu verlockend. Liegeplätze sind knapp. „Meist fahren die Schiffe an uns vorbei“, sagt die Frau in der Touristeninformation. Doch zufrieden schiebt sie hinterher: „In diesem Jahr werden 20 Schiffe bei uns Station machen.“

In Ybbs würden wir gern länger bleiben

In Budapest hingegen zählen sie in der Sommersaison an einem einzigen Tag rund 100 Fahrgastschiffe. Overtourism dort, stilles Entdecken in Ybbs. Rund 5700 Einwohner hat das Städtchen. Ungestört spaziert man durch schmale, gebogene Gassen, bewundert Teile einer Burg aus dem 13. Jahrhundert und wandert entlang der alten Stadtbefestigungen. Zahlreiche kleine Läden gibt es und seltsame Reklamen. Eine wirbt für den Besuch einer „Trachtendisko“, eine andere lockt: „Wir fassen Ihre Grandeln ein.“ Grandeln, das sind Zähne von Hirschen oder Rehen, die Jäger als Trophäen aus dem Gebiss des Wildes brechen.

Auf dem Schiff richten sie schon den „Light Lunch“ her. Aber wie soll man den Angeboten des ehrwürdigen Babenbergerhofes widerstehen? Germknödel auf der Sonnenterrasse, oh ja, bitte. Das Wirtshaus eröffnete 1835. Seit 1907 fuhr eine Straßenbahn daran vorbei. Eine Fahne am Gebäude signalisierte dem Fahrer, zu halten, falls letzte Zecher nach Hause wollten. Die Bahn wurde in den fünfziger Jahren eingestellt und das Fahnenritual aufgegeben. Die Vorrichtung aber ist noch da.

Manche Passagiere besichtigen das Kraftwerk Ybbs-Persenbeug, dessen ausgeklügelte Technik sich per 3-D-Brille erschließt. Andere buchen den Ausflug zu Maria Taferl, jener kleinen barocken Wallfahrtskirche, die auf einem gut vierhundert Meter hohen Plateau thront. Hanna aus Soltau schwärmt von dem Bau, vor allem aber von dem „traumschönen“ Panoramablick. „Ach“, sagt sie noch, fast mitleidig: „Und Sie waren also nur in Ybbs?!“

Der Prater schließt erst um Mitternacht

Mittags legt das Schiff schon wieder ab. Schnell hinauf aufs Sonnendeck, um vom Unesco-Weltkulturerbe nichts zu verpassen. Im Jahre 2000 wurde die Bilderbuchlandschaft der Wachau auf die entsprechende Liste gesetzt. Weinreben wachsen Hänge hoch, die zum Greifen nah erscheinen. Vom Ufer winken Radler, an Bord klicken Kameras. Hier ein weißes Kirchlein, dort eine romantische Burgruine, und dann die riesige barocke Klosteranlage Stift Melk. Jetzt gleiten wir an ihr nur vorüber, auf dem Rückweg werden wir das Innere, einen kleinen Teil der 497 (!) Räume entdecken. Wir werden Marmorstufen nehmen, Tausende wertvolle Bücher in den Regalen bestaunen, das reizende „Paradiesgärtlein“ durchschreiten und vielleicht einem von 29 Mönchen begegnen. 1743 war Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich, zu Besuch in Melk. Stolz präsentieren sie heute noch die Besuchsbilanz der Herrscherin: „Es reuete mich, so ich nit hier geweßen wer.“

Wien hat die Lichter schon angeknipst, als das Schiff gegen 21 Uhr am Handelskai anlegt. Das Riesenrad des Praters dreht sich bis Mitternacht – das schaffen wir! Anderntags eine Stadtrundfahrt? Ach nein, lieber laufen wir uns doch allein die Füße platt und verpassen gern das Mittagessen an Bord angesichts der Schätze im Museumsquartier. Alle Welt trifft sich nachmittags in Schönbrunn. Lange Schlangen vor den Eingangspforten, Geschiebe in den Sälen. Kein Vergleich mit unserem preußischen Sanssouci.

Gemächlich fließt die Donau an Budapest vorüber. Die ungarische Metropole bietet eine Fülle von Sehenswürdigkeiten, rechts im Bild ist etwa das riesige Parlamentsgebäude.
Gemächlich fließt die Donau an Budapest vorüber. Die ungarische Metropole bietet eine Fülle von Sehenswürdigkeiten, rechts im Bild...Foto: Hella Kaiser

Das Schiff ist keine halbe Stunde wieder unterwegs und man traut seinen Augen nicht. Rechts am Ufer steht ein schneeweißer buddhistischer Stupa. Eine von 80 Friedenspagoden weltweit soll es sein, diese wurde 1983 eröffnet. Ein Ort zum Innehalten und Meditieren. Wir gleiten daran vorüber, nehmen Kurs auf die nächste Attraktion dieser Reise: Budapest. Als wir das letzte Mal dort waren, lasen im Café New York noch Einheimische Zeitungen, betagte Kellner servierten Mehlspeisen und hin und wieder spielte ein Stehgeiger. Heute gehört der Prachtbau aus der Gründerzeit einer luxuriösen Hotelkette. Das üppig dekorierte Café mit seinen gedrehten goldfarbenen Säulen wurde vorbildlich restauriert. Nun brunchen hier Touristen aus aller Welt – aber die Einheimischen sind verschwunden. Wo trifft man sie? In deren Alltag taucht man ein, wenn man sich einfach durch die Stadt treiben lässt, weg von den großen Plätzen, Denkmälern und Boulevards. Besser als jeder Sightseeing-Bus ist die ratternde Fahrt mit einer Straßenbahn.

Bratislava schwelgt in Barock

Gegen Budapest mutet Bratislava fast klein an. Nur 20 Kilometer ist die slowakische Hauptstadt von Ungarn entfernt, gerade mal fünf Kilometer sind es von hier bis zur österreichischen Grenze. Bratislava schwelgt in Barock – und wirkt doch quirlig und jung. Das liegt an den vielen Studenten, rund 65 000 sollen es sein. Ob hier guter Jazz gespielt wird wie in Budapest? Und was wird im Theater aufgeführt? Verlockende Konzerte werden beworben. Die „Nicko Vision“ hat kein Einsehen. Das Schiff will schon mittags weiterfahren. Erlebt haben wir, dass sich auch Bratislava gegen Touristenströme wappnen muss. In der historischen Konditorei Kormuth nehmen sie deshalb zehn Euro Eintritt. Dafür gibt es Kuchen und Kaffee, doch einfach gratis mal reinschauen, um die Wandmalereien zu bewundern, funktioniert eben nicht.

Bitte eintreten! Nette Begrüßung nach jedem Landgang.
Bitte eintreten! Nette Begrüßung nach jedem Landgang.Foto: Hella Kaiser

Einen Ort genauer kennenzulernen, das klappt auf einer Kreuzfahrt nicht. Eher sind es Stippvisiten, die dazu anregen, wiederzukommen, um länger zu verweilen. Die „Nicko Vision“ ist gleichsam ein Appetitanreger. Das moderne Schiff dürfte auch Jüngeren gefallen. Nur das Programm könnte gern überarbeitet werden. Zur allabendlichen „Tanzmusik“ mit dem Bordmusiker wären Alternativen denkbar, auch Ausflüge müssten nicht immer zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten führen. Fahrräder haben keinen Platz an Bord, aber man könnte zum Beispiel an den Liegeplätzen welche bereitstellen. Gerade bei einer Donaureise bietet sich das an, denn die Radstrecke ist legendär.

Die Zeiten, als nur hochbetagte Schiffsreisende diesen Fluss erleben wollten, sind vorbei. Und: Selbst wer bereits in Rente ist, will nicht nur faul an Deck sitzen. Auch wenn man es dort, unterm Sonnensegel, natürlich prima aushalten kann.

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