„Du kannst ja hier schlafen ...“

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Großbritannien : In jedem Pub gibt’s eine Lösung
Myrta Köhler
Gewiss, es gibt schönere, jedoch kaum ruhigere Orte, ein Zelt aufzuschlagen.
Gewiss, es gibt schönere, jedoch kaum ruhigere Orte, ein Zelt aufzuschlagen.Foto: myk

In diesem Land der Mauern fällt die berühmteste von allen, der Hadrianswall, gar nicht mehr auf. Jahrhunderte hindurch bedienten sich die Menschen hier für den (Wiederauf-)Bau anderer Gebäude. Ja, auch die Häuser sind selbstverständlich grau, ganz zu schweigen von den zahlreichen Friedhöfen: Stellenweise scheint es, als ob in diesem Land mehr Tote als Lebende „wohnen“. Von den Friedhöfen in England geht eine besondere Faszination aus; es sind verwunschene Orte, mit ganz anderen Grabsteinen als in Deutschland – gotische Bogenformen und steinerne Kreuze – die sich oft um trutzige Dorfkirchen legen, deren Glockentürme mit ihren Zinnen an Verteidigungsmauern einer Burg erinnern.

Einen besonderen Gottesacker entdecke ich nördlich von Hexam in Northumberland, einer Mischung aus Alm und Lüneburger Heide. Über den Zaun grüßt mich der Portier, der zu den Klängen der Dire Straits mit zwei Kumpels sein Feierabendbier genießt. Ob ich noch weit fahren müsse? Hoffentlich nicht – ich suche nur einen Platz für mein Zelt. Grinsen. „Du kannst ja hier schlafen ...“ Wer könnte da ablehnen! Nach der ersten Überraschung schlage ich mein Zelt zwischen den Gräbern auf.

Friedliche, fast magische Atmosphäre – der perfekte Ruheort. Ich schlafe sofort tief und fest. Um Mitternacht plötzlich eine Stimme: „Hey, bist du wach?“ „Nein. Warum?“ „Hab dir was zu essen gebracht!“ Stolz reicht mir Steve ein dickes Sandwich, eine Packung Käsecracker, eine riesige Tasse Kaffee und stapft durch die Gräber davon. Morgens, gefühlt sechs Uhr: „Hey, bist du wach? ... Hab dir Kaffee gemacht!“ Die einmalige Chance, wenigstens einen seiner Gäste wieder zum Leben zu erwecken, will sich Steve offenbar nicht entgehen lassen.

Den Hadrianswall hinter mir lassend nehme ich Kurs auf Schottland. Das Grenzgebiet ist auf schottischer Seite noch dünner besiedelt als in England. Kein Laden, nirgends. Noch 18 Meilen bis nach Jedburgh. Hunger. Regen. Stärkerer Regen, Wasser steht in den Schuhen. Hagel. Ich hasse Schottland. Just als ich das Ortsschild passiere, kommt die Sonne raus. Dann die Silhouette einer Klosterruine. Und ein Café mit hausgemachtem Shortbread. Und eine Bibliothek. Ich liebe Schottland.

In der Bibliothek erfahre ich, dass der Ortsname einst über 80 Varianten – darunter Geddewrde, Gedworth, Jedwood – aufwies. Die hiesige Abtei ist das besterhaltene der Klöster, die während des 12. Jahrhunderts im schottischen Grenzland entstanden: Während man auf englischer Seite Burgen zur Verteidigung errichtete, baute David I. von Schottland offenbar auf den Glauben. In Kelso stoße ich auf eine weitere Ruine, und dann erreiche ich St. Abbs an der Ostküste, den nördlichsten Punkt meiner Reise.