Endlich das ersehnte Dorf

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Großbritannien : In jedem Pub gibt’s eine Lösung
Myrta Köhler
Kaffee ist fertig!
Kaffee ist fertig!Foto: myk

Zwei Tage später fahre ich durch die Yorkshire Dales. Der britische Sommer offenbart scheinbar endlose Variationen aus zwei Grundtönen: Grün und Grau. Über saftigen Wiesen hängen taubengraue Regenschleier, hellgraue Nebel, anthrazitgraue Gewitterwolken. Unzählige graue Steinmauern parzellieren das Land – sogar dort, wo das aufgrund scheinbar fehlender Zivilisation gar nicht nötig zu sein scheint. Die endlose Weite der Landschaft ist jeden Tag wieder atemberaubend – außerhalb der Ortschaften begegnen mir nur selten andere Menschen.

Die letzten fünf Meilen vor Grinton verbringe ich auf einem Bergrücken über allen Menschen und Bäumen, unter mir türmen sich Wolken. Es regnet. Endlich bergab, endlich das ersehnte Dorf. Das örtliche Pub schlägt mal wieder jede Touristeninformation. Die Kellnerin („Hello, Love“) serviert heiße Fish & Chips. Wo kann man hier zelten? Ein Mann an der Theke hört die Frage, es folgen ein kurzes Telefonat und die Auskunft: „Das erste Gatter links hinter der Brücke steht offen, da kannst du rein.“ Eine Schafweide.

Während ich das Zelt aufbaue, kommt derselbe Mann im Jeep vorbei und bietet Hilfe an; danke, alles prima. Eine Nacht lang vernehme ich durch alle Traumwelten hindurch die erstaunlich umfangreiche Geräuscheskala der Schafe, morgens dann den Motor eines Jeeps und eine bekannte Stimme. Der Jeep fährt ab, ich schlafe weiter. Als ich endlich startklar bin, sehe ich den Becher Kaffee auf dem Zaunpfahl, fürsorglich abgedeckt mit Klarsichtfolie …

Weiter geht es nach Barnard Castle, dann mit der Abendsonne und riesigem Hunger ins Pub von Stanhope. „Bikers Welcome“, verkündet ein Schild, und der Besitzer nimmt das Versprechen überraschend wörtlich: Ich darf mein Zelt im Biergarten aufschlagen. In der Gaststube ist ein kostenfreies Büfett aufgebaut. „Wir hatten heute eine Beerdigung, bitte bedien dich.“ Regionale Spezialitäten stehen zur Auswahl. Zum Beispiel Scotch Eggs (hart gekochtes Ei umhüllt von püriertem Schweinefleisch, paniert und fritiert) oder Pastete mit einer Füllung aus Corned Beef. Böse Zungen könnten die Mauern Englands mit den abrasierten Fundamenten vom Haus eines Riesen vergleichen, dessen Architekt die Küche vergessen hat. Wenn da nicht die Nachspeisen wären: Zum Tee werden köstliche Crumbles, Pies und Scones serviert – und wer ahnt denn schon, dass das beste Eis dieser Welt offenbar aus den kleinen Molkereien Englands stammt?