Öd, leer und dennoch großartig

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Kanarische Inseln : Am Fels der Einsamkeit
Lothar Schmidt
Traumstrand mit feinstem Sand. Playa de las Conchas auf La Graciosa.
Traumstrand mit feinstem Sand. Playa de las Conchas auf La Graciosa.Foto: Imago

Nachdem man in die verwunschene Grotte El Jameito geschwommen ist und den nördlichsten Punkt der Kanaren gesehen hat – ein Riff, über das der Wind heftig hinwegzieht – , dreht das Boot wieder nach Süden ab. Vorbei an einem Felsbrocken Montaña Clara fährt der Katamaran in eine traumhafte Sandbucht vor La Graciosa.

„Diese Insel“, so heißt es im wunderbar altmodischen Deutsch einer vom Lanzarote-Tourismusbüro herausgegebenen Broschüre, „ist für spezielle, empfindsame Reisende, die es wissen, die Natur, die Ruhe, die Schönheit und selbstverständlich auch die Sonne und die abgelegenen Strände zu schätzen“. La Graciosa ist kein Ort für Liebhaber grüner Landschaften. Die größte Insel des Chinijo Archipels ist genauso öd und leer wie die übrigen. Und dennoch ist sie großartig. Ja, sie vermag sogar die Seele des „empfindsamen Reisenden“ zu berühren.

Nach einer knappen Stunde zu Fuß von der Playa Concina aus durch eine sandige, wüstenhafte Landschaft, tauchen einige flache Häuser auf. Der Sand reicht bis an die Haustüren. Die Dorfstraßen von Caleta del Sebo sind Sandpisten. La Graciosa ist asphalt- aber nicht autofrei. Das bevorzugte Vehikel sind betagte Landrover beziehungsweise die in Lizenz gebauten Santana-Geländewagen. Es gibt sogar einen Taxifahrer.

Die einzige Verbindung mit dem Rest der Welt

Caleta del Sebo liegt an einer kleinen Bucht. Einige Holzboote wurden auf den Sandstrand gezogen. Zwei Kinder planschen im Wasser. Dort, wo die Bucht zu einem Hafen mit Anleger ausgebaut wurde, nimmt ein Mann einige Kisten in Empfang, die er auf eine Schubkarre lädt. Dieser Hafen ist die einzige Verbindung von La Graciosa mit dem Rest der Welt.

Spätestens jetzt verspürt der Besucher entweder den dringenden Wunsch, schnell wieder nach Lanzarote überzusetzen, das vergleichsweise so bunt und belebt erscheint. Oder es regt sich bei manchem auch durchaus der Gedanke, unbedingt und möglichst lange hier zu bleiben. Immerhin, bis das Boot zurück nach La Órzola fährt, bleiben noch ein paar Stunden. Zeit für einen ausgiebigen Strandspaziergang, anschließend einen gegrillten Thunfisch im Restaurant El Marinero, und zum krönenden Abschluss einen Café solo.

Es wird langsam Abend. Von Westen strahlt schräg die Sonne auf die weiß gekalkten Wände der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Kolonie. Einige Bewohner und Langzeittouristen sitzen am Hafen und warten darauf, dass die letzte Fähre des Tages kommt und vielleicht noch Neuigkeiten bringt.

Im Osten hat sich eine tiefdunkle Wetterfront aufbaut. Ob wohl in dieser Nacht wieder der Strom ausfällt? Wer nur einen Tagesausflug gemacht hat, wird das Problem zumindest nicht haben. Aber eben auch nicht die Erfahrung machen, wie es sich am Ende der Welt so lebt.

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