"Zum Glück war alles in Schwarz-Weiß"

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Kreuzfahrt in die Antarktis : Im Reich der Pinguine
Grytviken. Die Walfangstation wurde 1904 von dem Norweger Carl Anton Larsen gegründet.
Grytviken. Die Walfangstation wurde 1904 von dem Norweger Carl Anton Larsen gegründet.Foto: Hella Kaiser

Grytviken war ein einziges riesiges Schlachthaus. Bis zur Schließung der Station im Jahre 1965 wurden hier knapp 55 000 Wale zerlegt und rund 460 000 Tonnen Walöl gewonnen. Die riesigen Tanks dafür stehen noch, auch die Hallen, in denen Speck und Tran gesiedet wurden. Das Wrack des Walfängerschiffs „Petrol“ liegt halb versunken im Meer.

An Bord hatten wir einen Dokumentarfilm über die Walfängerzeit in Grytviken gesehen. Was für ein Gemetzel! Zuerst wurde nur der Blubber, die dicke Fettschicht der Wale, genutzt, die riesigen Kadaver verrotteten stinkend in der Bucht. Später wurden auch das Fleisch und die Knochen verarbeitet. Einigen von uns verging der Appetit aufs Lunchbüfett. „Zum Glück war alles in Schwarz-Weiß“, sagt eine Frau. „In Farbe hätte ich diese Schlächterei nicht ausgehalten.“

Während der Fangsaison im Sommer muss sich die Bucht rot gefärbt haben. Rund 400 Männer arbeiteten in Grytviken, rund um die Uhr in zwei Schichten. Es gab einen Lebensmittelladen, einen Bäcker, einen Schuster. Die Tore auf dem Fußballplatz stehen noch.

Als die Station geschlossen wurde, gab es kaum noch Wale. Der riesige, bis zu 200 Tonnen schwere Blauwal, war nahezu ausgerottet. Heute wird die weltweite Population auf knapp 20 000 geschätzt.

Auf unserer Fahrt in Richtung Antarktische Halbinsel sehen wir kaum Wale. Wann immer in der Ferne Blas, die von Walen ausgestoßene Atemluft, zu entdecken ist, wird das von der Brücke gemeldet. Viele Passagiere eilen dann an Deck. „Da, die Flosse“ ruft einer aufgeregt. Doch dann ist das Tier schon auf und davon. „Für die Wale ist es Anfang November noch zu früh im Jahr“, glaubt Steffen. Sie kämen erst in ein, zwei Monaten zum Fressen in diese Gewässer.

Eisberge spiegeln sich in tiefblauem Wasser

Noch zwei Tage auf See bis zur Landung auf der Antarktischen Halbinsel. Es wird stürmisch, die Wellen türmen sich. „Bitte gut festhalten“, sagt Ina über die Bordlautsprecher. Etlichen Passagieren hilft das gegen Seekrankheit geklebte Pflaster jetzt auch nicht mehr. Das Schiff scheint fast verwaist, die meisten Passagiere liegen in ihren Kabinen. Als sich die See wieder beruhigt, macht ein Blick aus dem Fenster alles Leiden vergessen. Was für eine Wunderwelt. Ein Eisberg, ganz nah. Und noch einer. Eine riesengroße Eisscholle treibt herbei. Die „Fram“ gleitet durchs tintenblaue Wasser, die Sonne strahlt vom Himmel. Frank Hurley, Shackletons Fotograf, konnte sich wohl so wenig sattsehen wie wir: „Die Eisberge und Schollen spiegelten sich im tiefblauen Wasser, während das feste Eis im Sonnenschein schimmerte und blaue Schatten warf. (...) Das Eis sah aus wie die Zähne eines Sägeblatts ...“ Genauso ist es.

Kreuzfahrt in die Antarktis
Angekommen in der Fortuna Bucht, Südgeorgien.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Hella Kaiser
07.02.2017 14:49Angekommen in der Fortuna Bucht, Südgeorgien.

Wir durchqueren den Antarktischen Sund. In Brown Bluff, an der Nordspitze der Antarktischen Halbinsel, gehen wir an Land. „Die Antarktis ist nicht nur ein Kontinent, es ist ein anderer Planet“, sagt Steffen mit leuchtenden Augen. Brown Bluff ist die Heimat der Adeliepinguine. Typisch sind der schwarze Kopf und der weiße Ring um die Augen. Rund 20 000 Brutpaare gibt es hier. Am nächsten Tag in der Halbmondbucht warten die Zügelpinguine. Wie lustige Clowns sehen sie aus. Und sind emsig dabei, ihre Nester zu bauen. „Der Mensch steht, der Pinguin geht“, hatte Steffen uns eingeschärft. Wir dürfen ihnen nicht in die Quere kommen, wenn sie das am Strand aufgenommene Steinchen den Hügel hinauf zum Nest transportieren. Wie die kleinen Kerle schuften. Kaum haben sie den Stein am Brutplatz abgelegt, watscheln sie schon wieder zurück, um Nachschub zu holen.

Wir schauen einer Komödie zu

Wir sind versucht, die Raubmöwen zu vertreiben. Sie fliegen bedrohlich nah über die Nester der Pinguine hinweg, wollen ihre Eier stehlen. „Das ist die Natur“, sagt Steffen. „Die Raubmöwen müssen ihre Brut auch ernähren.“ Also tun wir nichts. Hoffen nur, dass der Pinguin unerschrocken auf dem Ei sitzen bleibt.

Wir laufen nicht mehr nervös mit der Kamera herum. „Am besten ist es, sich einfach still hinzusetzen und die Tiere zu beobachten“, hatte Steffen empfohlen. Toller Tipp. Wir sind Zuschauer einer Komödie. Hier hüpft ein Pinguin flott über eine Erdspalte, dort rutscht einer aus und rappelt sich gleich wieder auf. Keiner rastet, keiner ruht.

Die Zodiacs holen uns zurück an Bord. „Jetzt habe ich wirklich genug Pinguine fotografiert“, sagt Sean beim Dinner. Die übrigen am Tisch lächeln. Und alle werden sie morgen doch wieder welche knipsen, auf der Teufelsinsel im Wedellmeer.

An Bord sind wir zu einer gut gelaunten Gesellschaft zusammengewachsen. Wir bewundern die emsig strickenden Norwegerinnen und die Geduld vieler konzentriert puzzelnder Passagiere und sind begeistert darüber, was die schwedische Köchin täglich am Herd gezaubert hat.

Beim Abschiedsabend haben sich alle Passagiere in der Panoramalounge versammelt. Kapitän Andreassen bedankt sich für die schöne Reise, es wird herzlich geklatscht. Marina aus Mannheim tupft sich ein paar Tränen weg. Andreassen trägt eine schmucke Uniform. Man kennt ihn eher im Norwegerpullover. Einige davon gibt’s noch im Bordshop. Die Plüschpinguine sind ausverkauft.